StartseiteRegionalRegion AllgäuLeutkirchAltenpfleger aus Gambia soll abgeschoben werden

Trotz Fachkräftemangel

Altenpfleger aus Gambia soll abgeschoben werden

Leutkirch / Lesedauer: 7 min

Schieben wir die Richtigen ab? Der Fall eines Leutkircher Altenpflegers aus Gambia wirft ein Schlaglicht auf die deutsche Migrationspolitik.
Veröffentlicht:16.10.2023, 07:00

Artikel teilen:

Deutschland fehlen Fachkräfte, besonders betroffen ist unter anderem die Altenpflege. Gleichzeitig tauchte kürzlich ein Gambier, der erfolgreich eine entsprechende dreijährige Ausbildung absolvierte und in Leutkirch in der Altenpflege tätig war, unter, um so der geplanten Abschiebung zu entgehen. Wie passt das zusammen?

Wegen einer Körperverletzung verurteilt

Auf den ersten Blick scheint der deutsche Staat mit dem Abschiebeversuch des gambischen Altenpflegers alles richtig gemacht zu haben. Schließlich handelt es sich bei ihm ‐ im Folgenden E genannt, dem ersten Buchstaben seines Vornamens ‐ um einen Flüchtling dessen Asylantrag abgelehnt wurde und der zusätzlich wegen einer in Deutschland begangenen vorsätzlichen Straftat vorbestraft ist. Nach Gesprächen mit dessen ehemaliger deutschen Lebensgefährtin, einer ihn begleitenden Sozialarbeiterin sowie einem Vertreter seines Arbeitgebers kommen allerdings dann doch Zweifel.

„Ohne Arbeitsmigration geht es nicht“

Der Fall des gambischen Altenpflegers aus Leutkirch zeigt, dass es beim Thema Migration häufig keine einfachen Antworten gibt, schreibt Redakteur Patrick Müller in seinem Kommentar.

Bei E lag der Verurteilung eine Körperverletzung zugrunde. Tatort war die Flüchtlingsunterkunft, wo er einen Streit schlichten wollte, von einem alkoholisierten Mitbewohner angegriffen wurde und dann selbst zuschlug. So schildert es seine ehemalige Partnerin, die rund drei Jahre mit ihm zusammen war. Verurteilt wurde E zu acht Monaten auf Bewährung. Dazu wurde er später noch mit einer kleinen Menge Betäubungsmittel erwischt, weswegen sich die Bewährungsfrist, die ansonsten in diesem Jahr ausgelaufen wäre, verlängerte.

Fall aus dem Sommer

Im Sommer machte bereits der Fall eines anderen Gambiers bundesweit Schlagzeilen, der an der Arbeitsstelle festgenommen und abgeschoben wurde. Dessen verzweifelter Chef berichtete anschließend gegenüber der Bild-Zeitung von einer zerstörten vorbildlichen Integrationsgeschichte. Auch in diesem Fall konnte demnach aufgrund einer Straftat keine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, ein Gericht hat ihn 2021 wegen unerlaubtem Aufenthalt ohne Pass zu 120 Tagessätzen verurteilt: Er hatte laut Bericht seinen gambischen Pass nicht rechtzeitig beim Amt vorgelegt.

Die frühere Partnerin von E ärgert sich darüber, dass das System hier gnadenlos ist und keinen Fehler verzeiht. „Hier ist ein Straftäter ein Straftäter, alle werden über einen Kamm geschoren“, sagt sie. Dabei müsse es ihrer Meinung nach doch einen Unterschied machen, ob es sich um jemanden mit abgeschlossener Pflegeausbildung und festem Arbeitsplatz handelt, der in eine Schlägerei in einer beengten Asylunterkunft verwickelt wurde, oder beispielsweise um eine Person ohne Integrationsbemühungen, die eine Sexualstraftat begangen hat.

Es treffe oft die Falschen

„Er ist ein toller Mensch“, so die Deutsche über ihren Ex-Partner. „Da haben wir deutlich Schlimmere im Land.“ In diese Kerbe schlägt auch die Sozialarbeiterin, die E auf seinem Weg zum Altenpfleger begleitet hat. Immer wieder treffe es die Falschen, erklärt sie mit Blick auf ihre bisherige Erfahrung in diesem Bereich.

Während etwa der eine immer wieder alkoholisiert zur Arbeit kommt und schlägert, man wegen des bereits bestehenden Aufenthaltstitels aber nichts machen könne, würden anderen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Sie berichtet von einem Nigerianer, der erst persönlich nach Nigeria reisen muss, um dort sein Visum zu holen, damit er seine Ausbildung in der Altenpflege beginnen kann. Sein Arbeitgeber, bei dem er wegen der fehlenden Arbeitserlaubnis bisher komplett ehrenamtlich arbeitet, habe ihm dann bei der Organisation geholfen und die Flugtickets besorgt.

E war früh ehrenamtlich tätig

Auch im Fall von E sieht sie das Handeln des Staates kritisch. Dass jemand abgeschoben werden soll, der hier seine dreijährige Ausbildung gemacht hat, in einem Bereich in dem Arbeitskräfte fehlen, sei dann doch verwunderlich. Zumal E sich zuvor vorbildlich um eine Integration bemüht habe, bis zum Ausbildungsstart unter anderem ehrenamtlich in der Altenpflege tätig war.

Angestellt als Altenpfleger war E bis zu seinem Untertauchen in einer Einrichtung der Zieglerschen. Seine Arbeit dort war vollkommen in Ordnung, erklärt deren Pressesprecher Stefan Wieland gegenüber der Redaktion. Mit Blick auf die Arbeit des Mannes in der Einrichtung gab es nichts zu beanstanden. „Generell sind wir immer über engagierte Fachkräfte froh, ganz egal woher sie kommen“, betont Wieland.

Rund 300 Stellen ausgeschrieben

Kein Wunder, schließlich sind bei den Zieglerschen derzeit rund 300 Stellen ausgeschrieben ‐ rund zwei Drittel davon betreffen offene Positionen in der Altenpflege und Eingliederungshilfe. Nicht selten dauern Nachbesetzungen mehrere Monate. Jede nicht besetzte Stelle führt unweigerlich zur Mehrbelastung der Mitarbeitenden in den Einrichtungen, heißt es in einer Mitteilung des Trägers, in der es um ein Indien-Projekt geht, mit dem dieser auf den Fachkräftemangel reagiert.

Bereits seit 2017 haben die Zieglerschen Erfahrungen mit internationalen Ausbildungsprojekten sammeln können. Gemeinsam mit anderen diakonischen sowie caritativen Trägern hatte sich das Sozialunternehmen einem Kosovo-Ausbildungsprojekt des Diakonischen Werks Württemberg angeschlossen. Inzwischen hat sich das Projekt auf Armenien, Albanien und Bosnien-Herzegowina ausgeweitet. Seitdem konnten jährlich rund 30 Pflegeschülerinnen und -schüler gewonnen werden.

Inzwischen im Ausland

Der Gambier E steht dagegen als dringend benötigte Arbeitskraft nicht mehr zur Verfügung. Er ist zwischenzeitlich nicht mehr in Deutschland, versucht sein Glück in einem anderen Land.

Um ihrem Ex-Freund eventuell doch noch irgendwie helfen zu können, hat sich seine ehemalige Partnerin bereits vor mehreren Wochen an die Grünen-Bundestagsabgeordnete Agnieszka Brugger gewandt. Von deren Büro habe sie zuletzt die Empfehlung bekommen, einen Anwalt einzuschalten, der eventuell eine freiwillige Ausreise hätte bewirken können.

System verzeiht keine Fehler

Dann hätte er nach der Abschiebung nach Gambia, Zahlung der Abschiebekosten von 4000 bis 5000 Euro und mit dem Nachweis auf einen Arbeitsplatz vielleicht die Möglichkeit, wieder offiziell einreisen zu dürfen, erklärt sie. „Da frage ich mich, was das für ein absurdes Spiel ist. Wahrscheinlich spekuliert man darauf, dass sich die wenigsten ,freikaufen' können, um zurückzukommen“, vermutet sie.

Während das System keine Fehler verzeiht, mache es selbst viele, erzählt sie noch. Ihr Ex-Freund sollte schon einmal abgeschoben werden ‐ um die Abschiebung zu verhindern, habe er sich selbst verletzt, später stellte sich dann heraus, dass die Polizei beim Falschen war, so ihre Schilderung.

Besorgte Nachrichten von Unternehmen

„Als Abgeordnete erreichen mich viele verärgerte und besorgte Nachrichten von Unternehmen, sozialen Einrichtungen und Angehörigen. Niemand versteht, warum Menschen abgeschoben werden sollen, die gut integriert sind und eine wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft übernehmen. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, deshalb setzte ich mich seit Jahren für pragmatische, sinnvolle und menschliche Lösungen ein“, erklärt dazu die Bundestagsabgeordnete Brugger.

Sie verweist darauf, dass die Ampel-Koalition mit dem Chancen-Aufenthaltsgesetz für viele Menschen, die bisher in großer Unsicherheit gelebt haben, nun endlich eine Chance auf ein dauerhaftes Bleiberecht ermöglicht habe. Ein Gesetz, das E aufgrund seiner Vorstrafe allerdings nicht hilft.

Der Ausgang ist ungewiss

Auf die Frage, ob es Bestrebungen gibt, hier nochmals nachzuschärfen ‐ also die Art der Vorstrafe in den Blick zu nehmen ‐ erklärt ihr Büro, dass Brugger aus Kapazitätsgründen zu einer solchen juristischen Abwägung leider nichts sagen könne. Man nehme diese Fragen aber gerne in den Austausch mit Bruggers Fachkollegen und Experten im Asyl- und Strafrecht mit.

Ob es im Fall von E doch noch ein Happy End in Deutschland gibt, ist ungewiss. Seine Ex-Partnerin berichtet, dass sie kürzlich bei einem Termin in Leutkirch Brugger zufällig persönlich getroffen habe. „Mehr als dass ihr alles sehr Leid täte und sie unter Hochdruck an dem Thema arbeiten, konnte sie leider nicht sagen.“