Streit um den Storch

Storchennest wird von Mast geräumt: Anwohner stinksauer

Leutkirch / Lesedauer: 8 min

Die Interessen von Mensch und Tier kollidieren zuweilen, wie ein aktueller Fall aus Leutkirch zeigt. Ein Fall, der für den Storch aber noch gut ausgehen könnte.
Veröffentlicht:18.03.2023, 08:00

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Sie sind dieser Tage abermals zu einem prägenden Teil der Leutkircher Altstadt geworden, ihr Klappern, mit dem sie sich gegenseitig begrüßen und Feinde vom Nest fernhalten, klingt über die Dächer: Die Störche sind wieder da.

Auch wenn viele von den imposanten Tieren fasziniert sein dürften, kommt es mitunter zwischen Mensch und Adebar auch zum Konflikt. Zumindest in einem aktuellen Fall in Leutkirch scheint kurz vor knapp noch eine Lösung gefunden worden zu sein.

Konflikt um Storchennest

Mittelpunkt dieses Konflikts ist ein Strommast in der unteren Grabenstraße. Im Zuge des geplanten Neubaus eines Mehrfamilienhauses sollte dieser Mast weichen.

So weit noch kein Problem, schließlich wird auch die Schaffung neuen Wohnraums immer wieder als wichtiges Ziel genannt. Allerdings hat sich ein Weißstorch genau diesen Mast als Platz für sein Nest ausgesucht.

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Am Montag diese Woche bat die hier tätige Wohnbaugesellschaft um die Genehmigung, den Masten an diesem Freitag abbauen zu dürfen. Vom Landratsamt kam dann am Dienstagvormittag die Bestätigung, dass das in Ordnung ist. Im Vorfeld solle allerdings das Horstmaterial vom Masten entfernen werden. So könne der Storch frühzeitig dazu bewegt werden, sich einen neuen Standort zu suchen.

Noch im Laufe des Dienstags schritt man dann — so berichtet es der Anwohner Michael Bemetz — zur Tat, entfernte das bisher dort angesammelte Material vom Masten und brachte einen Aufbau an, um den Storch am Nestbau zu hindern. So, wie vom Landratsamt genehmigt.

Wer darf entscheiden?

Laut Bemetz sei der Storch allerdings bereits seit zwei Wochen am Masten aktiv. Und das, was da nun entfernt wurde, sei nicht etwa nur Material in Form von ein paar Stöckchen gewesen, sondern bereits ein vollständiger Horst. Über dessen Abbau das Landratsamt als Untere Naturschutzbehörde (UNB) vermutlich gar nicht hätte entscheiden dürfen.

Das Regierungspräsidium als Höhere Naturschutzbehörde (HNB) erklärt dazu auf Anfrage: Die Bewertung, ob von einem schützenswerten Horst ausgegangen werden kann, obliege der jeweils zuständigen UNB.

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Ist von einem vollständigen Horst auszugehen, stelle eine Beseitigung grundsätzlich einen Verbotstatbestand dar. Lediglich in begründeten Einzelfällen könne die HNB eine Ausnahme zulassen.

„Vorliegend konnten anhand von Fotos und Telefonaten zwei kurzfristige Abstimmungen zwischen der UNB, HNB und der Storchenbeauftragten erfolgen. Das jeweilige Ergebnis dieser Beratungen war die Feststellung, dass zum Entscheidungszeitpunkt und unter Zugrundelegung der vorhandenen Fotos und Informationen noch nicht von einem vollständigen Horst auszugehen war“, so eine Sprecherin des Regierungspräsidiums Tübingen.

Neues Material am Donnerstag

Im Nachgang habe die HNB jedoch am Donnerstag weitere Fotos sowie ein Video erhalten, die nahelegen, dass „zum Zeitpunkt der tatsächlichen Entfernung das Vorliegen einer vollständige Fortpflanzungs– und Ruhestätte doch nicht ausgeschlossen werden kann. Im zugrundeliegenden Fall scheint der Storch in ungewöhnlich kurzer Zeit weitergebaut zu haben. Das Landratsamt Ravensburg sowie die HNB beim Regierungspräsidium werde daher nun noch prüfen, inwiefern die den Horst entfernende Person nochmals bei der UNB oder der HNB hätte nachfragen müssen.“

Zusammenfassend, so die Sprecherin des Regierungspräsidiums, könne gesagt werden, dass sich im vorliegenden Fall die Ereignisse „leider zeitlich überholt haben“, die Entscheidungen des Landratsamts „aber zum jeweiligen Zeitpunkt und unter Zugrundelegung der dabei vorliegenden Unterlagen nicht zu beanstanden waren.“

Und da der Horst nun ja bereits vom Masten entfernt wurde, spreche auch nichts gegen dessen Abbau. In der Zwischenzeit mühte sich der Storch, trotz des störenden Aufbaus, auf dem Masten erneut ein Nest zu bauen.

Fotos sind entscheidend

Auf die Frage, wie man dort denn am Montag eigentlich zur Einschätzung gekommen ist, dass sich auf dem Mast noch kein fertiges Nest befindet, antwortet eine Sprecherin des Landratsamtes:

Wir haben am Montagmorgen Fotos bekommen, die den Masten um 8.40 Uhr zeigen. Auf den Fotos war zu sehen, dass der Storch beginnt, einen Horst zu bauen.

 Selbst vor Ort war von der Behörde demnach niemand.

Während das Amt also von einem erst beginnenden Nestbau berichtet, betont Bemetz gegenüber der Redaktion, dass der Storch im Bau bereits sehr weit war, was auch entsprechendes Bild– und Videomaterial nahe legt, dass vom Dienstag stammen soll.

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Dieses Bild soll den Storch samt nahezu fertigem Horst kurz vor dem Nestabbau am Dienstag zeigen. (Foto: privat)

Bemetz, der seinen tierischen Neunachbarn durch die Beobachtung bereits ins Herz geschlossen hat, setzt alles in Bewegung, um den behördlich genehmigten Abbau des Mastens noch zu verhindern. Zwischendurch meldete er sogar bei der Stadtverwaltung eine Demonstration an.

Mast bleibt vorerst stehen

Diese muss nun aber wohl gar nicht stattfinden. Vertreter der Wohnbaugesellschaft hätten ihm am Freitag zugesichert, dass sie den Masten noch bis Mitte nächster Woche stehen lassen.

In dieser Zeit versucht Bemetz nun, für sein Hausdach eine Nestunterlage zu organisieren. Um dem Storch so in der Nähe des Mastens eine Alternative zu bieten.

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Über zwei Dinge ärgere sich Bemetz bei dem Ganzen besonders, erklärt er. Zum einen hätte man seiner Meinung nach früher eingreifen müssen, um den Nestbau zu verhindern, wenn eh klar war, dass der Mast demnächst weg soll.

Zum anderen stehe seiner Ansicht nach fest, dass im Landratsamt ein Fehler passiert ist, da dieses nie den Abbau eines vollständigen Horstes hätte genehmigen dürfen. Er verstehe es nicht, warum man diesen Fehler nicht einfach zugibt.

Zumal im Laufe der Woche ihm gegenüber immer wieder mal von einem „Ersatz“-Masten die Rede gewesen sei. Dazu schreibt auch das Regierungspräsidium in seiner Antwort noch:

Hier ist ergänzend darauf hinzuweisen, dass nach Auskunft der EnBW in nächster Nähe ein ,(Ersatz-)Holzmast’ errichtet wurde, der es dem Storch ermöglicht, dort den Nestbau zu vollziehen.

Bei der EnBW betont man auf Anfrage, dass in etwa 30 Metern Entfernung ausschließlich aus betrieblichen Gründen tatsächlich ein Mast gesetzt wurde. Von einer Nistmöglichkeit ist dabei aber nicht die Rede.

Und auch beim Landratsamt spielt dieser Ersatzmast in der Antwort vom Freitagvormittag keine Rolle mehr. Da der Storch durch die anstehende Baustelle auch hier gestört wäre, habe man „mit der Storchenberaterin des Regierungspräsidiums entschieden, dass es für den Storch besser ist, sich an anderer Stelle einen Platz für einen Horst zu suchen.“

Zeichen für den Naturschutz

Bemetz hofft nun, dass das mit dem Nestunterbau auf seinem Hausdach alles klappt und der Storch dieses Angebot dann auch annimmt. Und er ist natürlich froh, dass die Wohnbaugesellschaft den Abbau am Freitag trotz Genehmigung nicht durchgeführt hat, sondern diesen mit Blick auf den Storch nochmals verschiebt. Dass sei ein schönes Zeichen für den Naturschutz, so Bemetz.

Der geschilderte Fall ist ein Beispiel dafür, wie die Interessen von Mensch und Tier zuweilen kollidieren. Bei den Störchen komme es durch die steigende Zahl auch zu mehr solcher Konflikte, erklärt Ute Reinhard, Storchenbeauftragte des Regierungspräsidiums. Vor allem, da inzwischen in manchen Kommunen ganze Kolonien der geschützten Vögel brüten. Wobei Reinhard mit Blick auf Leutkirch nicht von einer solchen Kolonie sprechen würde: 

Es gibt Orte, wo es mehr gibt.

Mit Blick auf die Storchennester seien zum Beispiel Kamine, die noch im Betrieb sind, problematisch — oder eben auch ältere Strommasten, die eigentlich abgebaut werden sollen. Im Einzelfall müsse man dann abwägen, ob eine Nest da bleiben kann oder ob es beseitigt werden muss. Wichtig sei es dann, einen Ersatz in der Nähe zu finden, den der Storch nutzen kann.

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Das werde nur leider immer schwieriger, sagt Reinhard. Während sich früher die Leute gefreut haben, wenn ein Storch auf ihrem Dach ein Nest gebaut hat, sehe das heute oft anders aus. Viele haben Angst, dass dadurch das Dach in Mitleidenschaft gezogen wird.

Das sei aber — vor allem mit einem entsprechenden Dachständer — nicht der Fall. Man müsse zwar immer mal wieder die Regenrinne von dadurch entstehendem Unrat befreien, aber das war es, erklärt die Storchenbeauftragte.

Hartnäckige Tiere

Der Storch in der unteren Grabenstraße ist ihrer Einschätzung nach übrigens ein Erstbrüter: Wenn der Mast nun wegkommt und er sich ein neues Nest bauen muss, sei das grundsätzlich nicht dramatisch. Es sei noch so früh in der Saison, dass das „überhaupt kein Problem“ ist. Je früher ihm diese Möglichkeit genommen werde, desto besser, dann habe er noch Zeit, sich umzuorientieren.

Komplizierter wäre es, wenn es sich um einen Nestplatz handeln würde, auf dem der betreffende Storch bereits in den Vorjahren seinen Horst gebaut hat. „Die Tiere können sehr hartnäckig sein“, sagt Reinhard.

Grundsätzlich ist der Storch ein streng geschütztes Tier, das diesen Schutz auch beibehalten soll, betont sie. Wenn es zu Konflikten mit dem Menschen kommt, müsse man schauen, wie man sich arrangieren kann. „Was dem Storch definitiv nicht hilft, ist, wenn über ihn böses Blut entsteht“, so Reinhard. Auf die Frage, ob es inzwischen zu viele Störche gibt, muss Reinhard dann kurz auflachen: Wenn es von einer Spezies auf der Erde zu viele gibt, dann sei das ja wohl eher der Mensch.