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Evangelische Kirchengemeinde präsentiert ihr erfolgreiches Teilhabe-Projekt

Leutkirch / Lesedauer: 4 min

Evangelische Kirchengemeinde präsentiert ihr erfolgreiches Teilhabe-Projekt
Veröffentlicht:19.11.2018, 16:42
Aktualisiert:22.10.2019, 14:00

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Die Evangelische Kirchengemeinde Leutkirch und das Diakonische Werk Ravensburg haben bei ihrem Sommerfest im Juli das zeitlich begrenzte Teilhabe-Projekt „Vergelt`s Gott“ gestartet, bei dem für Menschen in prekären Situationen anonym Patenschaften übernommen werden können. Rainer Scheufele, Referent für Inklusion und diakonische Gemeindeentwicklung beim Diakonischen Werk Württemberg, erläuterte nun in seinem Vortrag „Armut schafft Not“ im evangelischen Pfarrhaus die Armutssituation in Deutschland und bot dazu viel statistisches Material. Doch welche Schicksale sich hinter diesen Zahlen verbergen, machten Jan Frier und Luise Janke aus Stuttgart deutlich, beide seit Jahren Hartz IV Empfänger.

„Du hast kein eigenes Leben mehr“, sagte Luise Janke und beklagte, dass Beziehern von Arbeitslosengeld II alles vorgeschrieben werde, bis hin zur Residenzpflicht. Selbst wer am Wochenende wegfahre, müsse das melden – es könnte ja ein Jobangebot kommen. Wie schwierig die finanzielle Situation Betroffener sein kann, ist der evangelischen Kirchengemeinde seit langem bewusst. Doch immer häufiger klopfen Menschen in Notlagen an – den Anstieg der Armutsgefährdung von 14 Prozent 2006 auf 15,8 Prozent 20017 wies Scheufele auch in seinem Zahlenwerk nach. Zum Glück verfüge die Evangelische Kirchengemeinde seit 30 Jahren über das durch viele Spenden und Zuwendungen getragene Konto „Familie in Not“ und könne gegebenenfalls einspringen, wenn der Strom abgestellt wird, die Waschmaschine kaputt ist oder das Geld für Schulmaterial fehlt. Damit ist den Betroffenen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aber noch lange nicht möglich. Deshalb rief Pfarrerin Tanja Götz und Diplom-Sozialarbeiterin Sonja Seel vom Diakonischen Werk Ravensburg, die seit März dieses Jahres einmal in der Woche im Pfarrhaus Menschen in Notlagen Beratung anbietet, das Teilhabe-Projekt ins Leben.

Projekt erreicht 13 Erwachsene und 27 Kinder

„Mitten im Jahr eine Weihnachtsfreude schenken“, so warb Pfarrerin Götz, und stieß auf gute Resonanz. Kritik gab es keine, wie Götz an diesem Abend erklärte, allenfalls die besorgte Nachfrage, ob das Geld auch tatsächlich bei den Betroffenen ankomme. Das Geld kam an, dafür verbürgte sich Sonja Seel, die beim Vortragsabend eine kleine Bilanz vorlegte. So profitierten insgesamt 13 Erwachsene und 27 Kinder vom Projekt. Darunter waren allein neun Alleinerziehende, von denen zwei Mütter je ein Kind mit einer geistigen Behinderung betreuen. Eine Familie hatte vor ein paar Monaten den Vater auf tragische Weise verloren. In einer weiteren Familie arbeitet der Vater zwar in Vollzeit, doch das reiche nicht für den Lebensunterhalt. So bedarf es der aufstockenden Leistungen vom Jobcenter, aber ein Kino- oder gar ein Restaurantbesuch sei damit trotzdem fast unmöglich.

Jetzt gab es durch das Teilhabe-Projekt etwa Geld für einen Gang zum Friseur, was vier Betroffene auch machten. Eine Frau gönnte sich eine Massage, eine andere ging mit ihrer Freundin zum Essen. Familien unternahmen in den Ferien zusammen mit ihren Kindern Ausflüge ins Schwimmbad oder in den Tierpark.Das sind alles Ausgaben, über die ein Großteil der Bevölkerung auch in Leutkirch gar nicht lange nachdenken muss, weil man sie sich leisten kann.

Plötzlich im gesellschaftlichen Abseits

Für Sonja Seel war es immer wieder berührend, die Freude zu erleben, wenn sie den Ratsuchenden einfach zur normalen Unterstützung ein solches Bonbon obendrauf legte, also Teilhabe verschenken konnte. „Manchen traten die Tränen in die Augen. Sich selbst einmal etwas zu gönnen, steht vor allem für Alleinerziehende, die Hartz IV beziehen, ganz weit hinten an. Zuerst kommen die Kinder“, beobachtet die Sozialarbeiterin immer wieder. Auch die beiden Gäste aus Stuttgart , Luise Janke als gelernte Einzelhandelskauffrau und Jan Frier als gelernter Gärtner, berichteten, wie man aus einst sicheren Berufsbiografien in prekäre Lebensumstände katapultiert wird und plötzlich im gesellschaftlichen Abseits steht. Aber dank der Teilhabe-Gutscheine der Diakonie und des gemeinnützigen Sozialunternehmens „Neue Arbeit“ konnten beide wieder Mut und Zuversicht gewinnen und Aussichten auf eine würdevolle Arbeit besteht auch.

Abschluss des Leutkircher Teilhabe-Projekts ist an Heiligabend in der Dreifaltigkeitskirche unter dem Thema „Solo an Weihnachten? – Wir laden ein“ und zwar nach dem Gottesdienst beim gemeinsamen Weiterfeiern. Da die Kirche schnell zum Festsaal umgebaut werden kann, ist das kein Problem. Dabei sind dann alle willkommen, die diesen Abend nicht alleine verbringen wollen.