Sommerjazz

Auch der Storch kommt zum Leutkircher Sommerjazz

Leutkirch / Lesedauer: 3 min

Joo Kraus und Band eröffnen die kleine Konzertreihe in idyllischem Ambiente
Veröffentlicht:30.06.2022, 16:00

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Es wirkt fast kitschig, wie aus einem Heile-Welt-Film. Ist aber so gewesen. Joo Kraus trompetet sanft die eingängige Melodie von „Heimat“, Veit Hübner hat sie geschaffen. Musik über eine schöne, friedliche Landschaft. Der Mittwochabend ist lau, der Himmel blau, das Publikum im Leutkircher Museumshof gut gelaunt.

Hinter dem Basser Hübner trägt die Spalierbirne viele kleine grüne Früchte, Kraus macht darüber Scherze. Dann kommt noch Meister Adebar dazu, putzt sich auf dem Giebel des Gotischen Hauses sein Gefieder, klappert ein wenig mit dem Schnabel, ohne dabei Schlagzeuger Patrick Manzecchi Konkurrenz machen zu wollen. Wäre auch schwierig geworden. Lothar Kraft an den Keyboards begleitet einfühlsam fingerflink. Bilderbuch!

Funke springt schnell über

Joo Kraus hier vorzustellen, hieße Eulen nach Athen tragen. Soviel: Der Ulmer ist einer der meistgefragten Trompeter Deutschlands, hat zusammen mit Hellmut Hattler im Projekt „Tab Two“ für Furore gesorgt. Zwei Grammy-Nominierungen, fünf German Jazz Awards. Auch in der elektronischen Musik zuhause.

Und er ist ein freundlicher, fröhlicher Mensch. Unkompliziert, nahbar, ohne Allüren. Wie auch seine Mitspieler. So springt der Funke schnell aufs Publikum über, zumal die Stücke – fast ausschließlich eigene Kompositionen – melodisch, mehrheitsfähig sind. Dabei mit hoher Kunstfertigkeit interpretiert. Und „unplugged“, also ohne lautstarke Verstärker, gespielt werden. Das ermöglicht Nähe, Zugang. Dass die Combo in dieser Besetzung zum ersten Mal zusammenspielt, mag man kaum glauben. Profis eben, die sich verstehen.

Hommage an Bernd Dassel

Joo Kraus eröffnet den Abend „New Tattoo“, funky-swingend, hat mit seiner kleinen Tochter zu tun. Veit Hübner bringt „Parents Trust“, einem sanft-schönem Stück zu Ehren des 60. Geburtstags seiner Eltern. Lothar Kraft erinnert melancholisch mit „For you“ an Bernd Dassel, den Gründer und legendären Moderator von „Talk im Bock“. 150, 160 Mal habe er zu Dassels Zeiten gespielt. Eine würdige Hommage.

Heiß zur Sache geht es auch, etwa bei „Pee Wee Ellis Tune“. Blitzschnelle Trompetenattacken, heiße Läufe, schnellste Echos. Ein Fest für den Schlagzeuger ist natürlich „ A Night in Tunisia“ von Dizzie Gillespie. Und eine Herausforderung für den Mann an der Trompete, „ein tricky Stück“. Mächtig drive, Kraft als Tausendsassa am Piano, Hübner lässt seinen Bass sprechen. Kraus peitscht seinen Trompetenton rasant, mitreißend bis in höchste Töne. Ohne die dicken Backen von Gillespie.

Das berührendste, das schönste Stück des Abends hat wenig mit Jazz zu tun, dafür viel mit italienischem Lebensgefühl. Joo Kraus singt, ohne Mikro, den 60er-Jahre-Hit „Estate“ von Bruno Martino. Nicht zu verwechseln mit dem knallenden WM-Song von 1990, „Estate Italiana“. Die Band piano bis pianissimo, das Publikum mucksmäuschenstill. Liebe und Schmerz. Magisch.