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Kurhaus Isny

Doris Knecht liest vor vollem Haus in Isny

Isny / Lesedauer: 4 min

„Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“, heißt der neueste Roman von Doris Knecht. Im Kurhaus in Isny hat die österreichische Schriftstellerin daraus gelesen.
Veröffentlicht:01.12.2023, 18:00

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Es ist keine Autobiographie, es ist ein Roman. Darauf besteht die österreichische Journalistin und Buchautorin Doris Knecht. Sie las am Mittwoch im vielbesuchten Kurhaus am Park einzelne Kapitel aus ihrem neu erschienenen Buch „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“. Das zum Abschluss des Isnyer Literatur-Projekts „Isny liest ein Buch“. Im Gespräch mit Brigitte Blaschko vom Kulturforum Isny und mit dem Publikum gestaltete sich der Abend sehr abwechslungsreich, indem er zwischen Lesung und inhaltlichem Austausch wechselte.

Viele spannende Abende habe sie mit dem Roman erlebt, eröffnete Blaschko das Gespräch. Dem schickte sie die Biografie und eine kurze Einführung in die Handlung voraus. Doris Knecht, gebürtige Vorarlbergerin, die in Wien und im Waldviertel lebt, ist zu gleichen Teilen erfolgreiche Kolumnistin und mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin. Sie ist eine emsige Schreiberin, die im Schnitt alle zwei Jahre ein Buch veröffentlicht bekommt.

Neuer Lebensabschnitt

Nach dem Roman „Die Nachricht“ von 2021 nun die Geschichte einer Frau und alleinerziehenden Mutter, die Veränderungen hasst, sich aber genau diesem Dilemma, besser wohl Wendepunkt gegenüber sieht. Die eigenen Kinder sind dabei auszuziehen - für sie, die „Überempfindliche“, beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt. So befragt das Buch einerseits die noch unbekannte Zukunft, andererseits blickt es zurück auf die Ursprungsfamilie - auf die Eltern, auf die drei Schwestern. Und auf den Hund, der am Anfang und am Ende des Romans zu Wort kommt.

Dass Knechts namenslose Ich-Erzählerin so gar nichts mit ihrem Leben zu tun haben soll, relativiert sie schnell. „Wer meine Falter-Kolumnen kennt, weiß natürlich, dass die Ich-Erzählerin sich innerhalb meiner biografischen Eckpunkte bewegt“, äußerte sie sich in einem Interview mit der Wiener Tageszeitung Der Standard. Knecht ist eine komplex denkende Zeitgenossin, die keine Langeweile kennt und immer interessant bleibt, wenn sie einen Freund zitiert mit „Dieses Ich, das sind wir doch alle.“ Dass es ihr dabei nicht an genügend Humorvollem in eigener Sache mangelt, dafür sorgt ihr offener, sich selbst bespiegelnder Schreibstil.

Keine Abrechnung

Konkret bekam das Publikum davon einen Vorgeschmack, als sie zum Kapitel „Die Wikingerinnen“ anhob, in dem es um das Verhältnis zu ihren Schwestern geht. Ihre Mutter bestehe darauf, dass sich alle verstehen. Also verstehe man sich, weil das ist der einfachste Weg. Vorausgesetzt, man befindet sich emotional bereits an diesem Punkt. Alle Schwestern sind groß, blond und permanent gesellig. Ständig sitzen sie zusammen und brüllen aneinander an, ohne es je böse zu meinen. Nur sie sei nach dem Vater gekommen - dunkelhaarig und lieber allein in einem Zimmer.

„Ich bin das nicht“, sagt die Ich-Erzählerin zu sich an anderer Stelle im Roman beim Blick in den Spiegel: „So kann ich kaum aussehen.“ Nicht umsonst heißt dann auch ein Kapitel „Verschicken, Verlieren, Verschenken, Vergessen“ - eben all die alten Erinnerungen, die nichts mehr als das sind. Wahnsinnig wichtig sei ihr gewesen, nur positive Sachen zu schreiben. Also keine Abrechnung mit der Familie oder der Gesellschaft, auch wenn es bei der Suche nach einer finanzierbaren Wohnung am Wiener Brunnenmarkt ernster zugeht.

Lange aber überschaubare Liste

Hier deckt sie zwar die allerorten herrschende Altersarmut, speziell unter alleinstehenden Frauen, am Beispiel steigender Mietpreise auf, lässt die Ich-Erzählerin aber nicht restlos daran verzweifeln. Als die Eltern sich dann für den Besuch in der neuen Behausung ankündigen, gab es im Publikum kein Halten mehr - vor Lachen. Es ist eine derart aberwitzige Szene, die Knecht während der Inspektion des schon in die Jahre gekommenen Backofens entfacht, dass sich darin wohl so gut wie jedes „Ich“ bestätigt fühlt. Mit dem Fazit: „Seit meine Eltern abgereist sind, bin ich wieder erwachsen“. Das sagt eine Frau und Mutter mit Ende 50 und übt sich in Nachsicht mit sich und den anderen.

Die Liste ihrer vergessenen Dinge ist lang, doch überschaubar. Ob eine Absicht, gar Provokation hinter dieser Auflistung stecke, wollte Blaschko wissen. Nein, sie stellt einfach dar, wie das Leben ist. Und: „Es ist alles so oder so nicht mehr wahr.“ Knecht beschrieb sich selbst als keinen positiven Menschen. Eher als Schwarzseherin. Doch die Beschäftigung mit dem Roman habe auf sie gewirkt - ganz klar positiv. Das ist für ihre Leserschaft eine der besten Aussichten auf einen Umgang mit selbst Erlebtem.


Doris Knecht, „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“. Roman. Verlag Hanser Berlin, 2023. 240 Seiten. 24 Euro.