StartseiteRegionalRegion AllgäuBad WurzachDie Arbeit eines Stadtarchivars: „Mehr Vernichter als Aufbewahrer“

Bad Wurzacher „Sonderling“

Die Arbeit eines Stadtarchivars: „Mehr Vernichter als Aufbewahrer“

Bad Wurzach / Lesedauer: 4 min

Warum sich Bad Wurzachs Stadtarchivar als „Sonderling“ fühlt und was er für 2024 vorbereitet. Es geht um den Bauernjörg.
Veröffentlicht:07.12.2023, 05:00

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Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum. Im kommenden Jahr wird es in Bad Wurzach die Ausstellung „500 Jahre Bauernkrieg“ geben. Das kündigte Stadtarchivar Michael Tassilo Wild am Montagabend im Ratsausschuss für Verwaltung und Soziales an. In diesem Jahr hatte er die Ausstellung zur ersten urkundlichen Erwähnung Wurzachs vor 750 Jahren organisiert.

Der Bauernkrieg brach 1524 aus. Mit dem als Bauernjörg bekannt gewordenen Heerführer Georg von Waldburg-Zeil, zu dessen Herrschaft auch Wurzach zählte, und der von ihm 1525 geführten Schlacht am Leprosenberg vor den Toren der Stadt sei „auch Wurzach direkt am Puls der damaligen Zeit“ gewesen, wie Wild erläuterte. Georgs Mutter Helena von Hohenzollern hatte zudem in der Stadt ihren Witwensitz, wo sie 1513 das Kloster Maria Rosengarten gründete und dessen erste Vorsteherin wurde.

Ergänzung zur Landesausstellung

Bad Wurzach sei als Ort einer Ausstellung über den Bauernkrieg also wie geschaffen, so Wild. Die große Landesausstellung dazu werde in Bad Schussenried stattfinden. „Wir bilden dazu keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung“, betonte der Stadtarchivar.

Wild, der seit 2019 eine 35-Prozent-Stelle in Bad Wurzach hat (die restlichen 65 Prozent in Bad Waldsee), gab dem Ausschuss auch einen Einblick in seine Arbeit. Dabei lobte er die Tätigkeit seiner ehrenamtlichen Vorgänger Jürgen Schumacher und Ines Ebert als „sehr gut und kompetent“.

Wilds Sonderrolle

Als Historiker sei er „der Sonderling der Stadtverwaltung“, so Wild schmunzelnd. Und bezeichnete Archivare als „eher Vernichter denn Aufbewahrer“. Etwa 90 Prozent der angebotenen Akten „lehnen wir ab oder werfen sie weg“. Wichtigste Grundlage der Archivarbeit sei das Erstellen und Führen der Findbücher. „Nur ein erschlossener Bestand ist wertvoll und nutzbar.“

Das Archiv, das eine Pflichtaufgabe jeder Kommune ist, zu nutzen, darauf haben Bürger heutzutage ein Anrecht. „Archive sind öffentlicher geworden. Archivare müssen jetzt begründen, wenn sie Anfragen zurückweisen.“ Ein Grund können zum Beispiel Sperrfristen sein, wie Wild auf Anfrage von Thorsten Rast (MW) erläuterte.

Digitalisierung nicht sinnvoll

Gisela Brodd (FW) wollte wissen, ob das Archiv digitalisiert werden wird. Über die Sinnhaftigkeit einer Digitalisierung tobe europaweit ein Expertenstreit, so Wild. Eine Urkunde auf Papier könne seit Hunderten Jahren gelesen werden. Für Floppy-Discs und andere Disketten der 1980er- oder 1990er-Jahre gebe es dagegen heute gar keine Lesegeräte mehr.

Zudem wären die Kosten einer Digitalisierung immens. Das Bayerische Staatsarchiv habe errechnet, das die digitale Erfassung mehr Geld verschlingen würde als das 100 Milliarden Euro umfassende Sondervermögen für die Bundeswehr. In Bad Wurzach ist Digitalisierung derzeit definitiv kein Thema.

Angebot an Vereine

Vereine könne ihre Archive im Stadtarchiv aufbewahren lassen, so Wild auf Anfrage von Klaus Schütt (CDU). „Wir bieten Platz dafür, aber keine Betreuung. Das müssen die Vereine selbst übernehmen. Aber wir geben eine Einführung dafür.“ Die räumliche Kapazität des Stadtarchivs in Maria Rosengarten sei aber begrenzt, schränkte Martin Tapper von der Verwaltung ein: „In der Regel archivieren wir die Bestände sogenannter stadtnaher Vereine wie des Partnerschaftsvereins.“

Nach den Archiven in den Ortschaften erkundigte sich Eintürnens Ortsvorsteher Berthold Leupolz. „Es ist geplant, alle aufzuarbeiten“, so Wild. Derzeit sei dies bereits bei der Mehrzahl der neun Ortsarchive bereits geschehen. „Sobald es zeitlich geht, nehmen wir die restlichen in Angriff“, versprach er.

Viel Arbeit, wenig Zeit

Wobei Zeit das große Problem des Stadtarchivars ist, wie er dem Ausschuss eindrucksvoll vorrechnete. Wenn jeder Mitarbeiter der Verwaltung pro Jahr nur drei Akten ins Archiv gebe, seien das etwa 1000. Pro Akte benötige er fast eine Stunde, um sei ins Archiv einzupflegen, so Wild. 595 Stunden im Jahr umfasst indes sein Arbeitsvertrag. „Und da habe ich noch kein Telefonat geführt, keine Mail beantwortet, keine Ausstellung und keinen Vortrag vorbereitet.“

Der Berg an Arbeit werde daher immer höher. Was im bundesdeutschen Archivwesen eher die Regel als die Ausnahme sei. „Bad Wurzach ist da kein schwarzes Schaf, auch nicht im Landkreis Ravensburg.“

Das Stadtarchiv ist donnerstags und freitagvormittags in Bad Wurzach sowie per Mail an [email protected] zu erreichen.