Wortwitz

Der Jongleur, der Reime schüttelt

Bad Wurzach / Lesedauer: 3 min

Ludwig Wolfgang Müller begeistert bei seinem Debüt im Dietmannser Adler
Veröffentlicht:30.10.2018, 16:09
Aktualisiert:22.10.2019, 15:00

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Kann man in Zeiten von Youtube und Netflix die Leute mit purem Wortwitz, gescheiten Sottisen und frechen Floskeln immer noch in Bann schlagen?

Der bislang hierzulande eher unbekannte österreichische Stand-Up-Comedy-Star Ludwig Wolfgang Müller gab am Samstag mit „Absolute Weltklapse“ sein Debüt im „Adler“ in Dietmanns und überzeugte das hingerissene Publikum restlos.

Was einerseits verwunderlich ist, denn Müller pflegt eine seit dem Komiker Heinz Erhard verschüttet geglaubte Gattung, den abstrusen Schüttelreim (Kostprobe: Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen), und schraubt dies hinauf bis in die absoluten Höhen des deutsch-österreichischen Wortwitzes. Man riecht es förmlich, wenn er über eine vom Vormieter übernommene Altbau-Wohnung in Wien referiert („Es brunzelt und es soichalat“) und man suhlt sich im Nonsens: „Geld hoch, Hand her, ich bin die Geisel.“ „Sie wollen das Lösegeld in Schilling?“

Müller will kein Lösegeld. Müller will unterhalten, und das tut er brillant, sei es mit einem Seitenhieb auf die bescheidene Braukunst derAngelsachsen („Ihr mit eure Shakes-peare-Drama, solltet für das Bier euch schama“), sei es mit verhangener Reminiszenz an einen Dia-Abend, von dem er sich nur mit einer plausiblen Entschuldigung loseisen kann: „I muss dringend weg um. Um Mitternacht läuft mei Joghurt ab.“

Ludwig Wolfgang Müller ist Minimalist. Blaues Hemd, beige Hose und die doppelte Portion der herkömmlichen Menge Witz reichen ihm, um das Publikum hinreichend und ausgiebig zu enthusiasieren. Sei es die Beschreibung seines Domizils in Ansbach-Franken („Da ist es leicht gelassen zu sein, denn das Einzige, was da droht, ist der Einbruch der Dunkelheit“) oder die Begegnung mit einem neuen Mietnachbarn, der ein Unterarm-Tattoo mit drei Rechtschreibfehlern als Qualifikationsnachweis aus dem Autofenster reckt.

Müller hüpft hin zwischen Nonsens pur („Fällt der Gsell vom Baugerüst, den Meister er mit Au begrüß“), kulinarischen Empfehlungen wie dem Leberkäs „halal“ und her zu politischen Querverweisen auf den amerikanischen Präsidenten, dessen Friseur bis unter die Halskrause vollgedröhnt gewesen sein musste, dass er ihm eine solche Frisur verpasst hat.

Müller ist höchstens vollgedröhnt von Esprit, wenn er von den Ängsten seiner Mutter erzählt, was aus dem Bub denn um Gotteswillen mal werden soll. Denn er hat zwei linke Hände. „Er soll Recht studieren.“ Wer je mit Rechtswissenschaftlern zu tun gehabt hat, weiß um den Wahrheitsgehalt dieses Wortwitzes. Müller steigt auch hinunter in die Niederungen der Schlüpfrigkeit, wenn er das Wort „pudern“ einbaut, was nichts mit Kosmetik zu tun hat oder wenn er einen Segen sacht zweckentfremdet „gemobbt sei Jesus Christus“. Alles Müller oder was? Auch der Eheberatungsunterrricht bei Pater Korbinian, was angesichts des Zölibats vielleicht etwas abseitig anmutet, „aber Karl May hat ja auch von den Indianern geschrieben und war nie in Amerika“.

Ludwig W. Müller stammt auf jeden Fall aus jenem Land, in dem der Wortwitz sprießt und die Geistreichheit blüht. Und wo alte Tugenden wie besagter Schüttelreim gepflegt werden:„Der Philosophen vage Thesen, sind alle schon mal da gewesen.“ So ein Ausnahmetalent war noch nie in Dietmanns und er war ein Erlebnis. Um die Eingangsfrage zu beantworten, ob man mit solchen Qualitäten heute noch ein Publikum in Bann schlagen kann: Man kann. Und wie!