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Keine Nachwuchssorgen

135 Jahre Westermayer in Bad Wurzach: Der Ur-Opa würde wohl staunen

Bad Wurzach / Lesedauer: 4 min

Uhren-Schmuck und Optik: Aus einem Laden wurden zwei. Für beide steht die fünfte Generation bereits in den Startlöchern.
Veröffentlicht:07.12.2023, 17:00

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Einen seltenen Geburtstag feiert in diesem Jahr die Familie Westermayer. Vor 135 Jahren hat Uhrmachermeister Christian Westermayer in Wurzach ein Geschäft gegründet. In vierter Generation führen es seine Ur-Enkel Martin und Christian noch heute.

Aus Leutkirch stammend hatte sich Sabine Westermayer mit ihrem Sohn in Wurzach niedergelassen. Im schweizerischen Schaffhausen lernte Christian das Uhrmacherhandwerk und kehrte schließlich als Meister in die Heimat zurück. In der Schlossstraße (heute Teil des Volksbank-Gebäudes) gründete er im November 1888 das Geschäft „Uhren-Schmuck Westermayer“.

In Marktstraße umgezogen

48 Jahre führte er es zusammen mit seiner Frau Emilie, die aus der Goldschmiedefamilie Baur stammte. 1936 übergab er den Laden, nun schon um die Optik erweitert, an seinen Sohn Max. Er betrieb das Geschäft bis 1967. Als „Uhren-Optik-Schmuck Westermayer“ übergab er es dann seinem Sohn Max junior. Er verlagerte 1978 den Stammsitz in die Marktstraße.

1888
Was sonst noch geschah

1888

  • 1888 ist als Drei-Kaiser-Jahr in die deutsche Geschichte eingegangen. Wilhelm I. starb im März, sein Sohn Friedrich III. wurde durch seinen frühen Tod zum sogenannten 99-Tage-Kaiser, dem Wilhelm II. auf dem Thron folgte.
  • Ein markantes Ereignis war auch die erste Überlandfahrt mit dem Auto, die Bertha Benz mit ihren Kindern und ohne Wissen ihres Mannes Carl von Mannheim nach Pforzheim unternahm.
  • Gegründet wurden 1888 der Schwäbische Albverein und der Deutsche Arbeiter-Samariter-Bund. In London trieb Jack the Ripper sein Unwesen. Bis heute ist seine Identität ungeklärt.

Seine Söhne Martin und Christian führen die stolze Einzelhandels- und Handwerkertradition heute fort. 1995 übernahmen sie das Geschäft, das seitdem in zwei Betriebe aufgeteilt ist. Martin ist zusammen mit seiner Frau Monika Inhaber von „Uhren Westermayer“ in der Marktstraße. Christian und seine Frau Christiane Vinçon-Westermayer übernahmen das Geschäft in der Breite, das 1989 zusätzlich eröffnet worden war.

Moderne und Tradition

„Wir machen es gerne und mit Leidenschaft und Liebe“, sagt Christian Westermayer. „Und mit Erfolg“, ergänzt sein Bruder Martin. „Nie stehen bleiben, immer mit der Zeit gehen“, nennen die beiden als Erfolgsrezept. Was nicht heißt, dass die Vergangenheit in Vergessenheit gerät.

Die Werkbank des Ur-Großvaters steht noch heute im Optikgeschäft, Martin Westermayer nahm das Erbe von drei Generationen als Grundstock für sein 2013 eröffnetes Uhrmachermuseum. Schon seit dem Jahr 2000 ist der Uhrmachermeister mit historischen Ausstellungen unterwegs gewesen, zum Beispiel in den Bauernhausmuseen in Illerbeuren und Wolfegg.

Was sich verändert hat

Blickt Augenoptikermeister Christian Westermayer auf seine fast 30 Jahre Geschäftstätigkeit zurück, stellt er fest, dass sie sich immer mehr weg vom Handwerk hin zu Dienstleistung und Beratung bewegt. „Unglaublich weiterentwickelt“ habe sich vor allem die Messtechnik, die ohne Computer heute fast nicht mehr denkbar ist. Immer breiteren Raum nehme auch das Feld der Augengesundheit ein.

Und nicht zuletzt habe sich das Sortiment ausgeweitet. Das begann 1934 mit der Erfindung der Sonnenbrille und ging über die Kontaktlinsen ab den späten 1940er-Jahren, die Gleitsichtgläser (ab 1959) und die Sportbrillen (ab 1980) bis hin zu Taucherbrillen, vergrößernden Sehhilfen und Spezialbrillen wie zum Beispiel Schießbrillen. Stete Weiter- und Fortbildung sind da das A und O.

Reparaturen sind wieder gefragt

Uhrmachermeister Martin Westermayer berichtet dagegen, dass in seinem Metier die handwerkliche Tätigkeit, heißt Reparaturen, immer stärker nachgefragt wird. „Es gibt wieder immer mehr mechanische Uhren, die tatsächlich repariert werden können“, sagt er. Und weil es gleichzeitig immer weniger Meister gibt, die auf diesem Gebiet firm sind, kämen seine Kunden inzwischen sogar aus Stuttgart und München und darüber hinaus. „Viele kommen auch mit Erbstücken, die sie wieder nutzen wollen. Zurzeit sind das vor allem Taschenuhren“, erzählt Martin Westermayer.

Beide Geschäfte sind auch Ausbildungsbetriebe. 15 Lehrlinge zählt Christian Westermayer seit seiner Übernahme, fünf waren es bei seinem Bruder Martin.

Die Stärken des Einzelhandels

Persönliche Beratung im Verkauf und der anschließende Service in der eigenen Werkstatt werden den Einzelhandel auch durch die derzeit nicht einfachen Zeiten tragen, sind die beiden Westermayer-Ehepaare überzeugt. „Unsere Kunden wissen Fachkompetenz und ehrliche, faire Beratung vor Ort in vom Inhaber geführten Geschäften zu schätzen und sind auch bereit, dafür etwas höhere Preise als im Internet zu zahlen“, stellt Christiane Vinçon-Westermayer immer wieder fest. „Und das tun auch die jüngeren Menschen wieder verstärkt“, ergänzt Monika Westermayer.

Für beide Geschäfte steht die fünfte Generation schon bereit. Svenja Brauchle, Tochter von Monika und Martin, arbeitet als Uhrmachermeisterin bereits im elterlichen Geschäft mit. Clemens, Sohn von Christian und Christiane, ist ebenfalls Augenoptikermeister. „So schaffen beide Geschäfte auf jeden Fall die 150 Jahre“, sagen die Westermayers. „Das hat sich unser Ur-Opa wohl nicht zu träumen gewagt.“