StartseiteRegionalRegion AllgäuAusnangDer „bunte Hund‟ des Allgäus mit dem Rennrad

Extremradler mit 71 Jahren

Der „bunte Hund‟ des Allgäus mit dem Rennrad

Ausnang / Lesedauer: 8 min

Hubert Roth ist auch mit 71 Jahren nicht zu bremsen. Warum seine Frau ein Bild von ihm im Herrgottswinkel stehen hat und 105 Kilometer „nur ein Katzensprung‟ sind.
Veröffentlicht:17.03.2023, 11:00

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Für viele Menschen ist das Fahrrad ein Fortbewegungsmittel. Für Hubert Roth aus Ausnang bei Leutkirch ist das Rad aber mehr. Es ist Leidenschaft, Passion — ja sogar Lebensinhalt. Der 71–Jährige legt bis zu 30.000 Kilometer pro Jahr mit dem Rennrad zurück. Ein Radverrückter.

Während die Sonne die sanften Hügel um Ausnang in ein goldenes Licht taucht, steht Hubert Roth unter der Dusche. Für heute hat er genug Vitamin D getankt — wobei es diesmal nur eine kleine Runde gewesen sei. Nur 105 Kilometer. Für manchen Hobbyfahrer sind solche Dimensionen allerdings weit weg von klein, sondern eine ausgewachsene Tagestour.

Für Hubert Roth ist das dagegen Alltag. Nichts Besonderes. Denn der 71–Jährige ist Extremradler. Zwischen 25.000 und 30.000 Kilometer legt er pro Jahr zurück. Da sind 105 Kilometer wirklich nur ein Katzensprung.

In zehn Tagen von Ausnang nach Istanbul

Hubert Roth führt genau Buch über seine Touren. Datum, Kilometer, Tour, Wetter — alles wird penibel festgehalten. Und die Aufschriebe sind über die Jahre immens. So könnte Roth ein Buch darüber schreiben, was er alles auf den Straßen erlebt hat. Im Jahr 1995 fuhr er beispielsweise in zehn Tagen von Ausnang nach Istanbul. 2900 Kilometer.

Stell’ das wenigstens in den Herrgottswinkel, damit du weißt, wie dein Mann aussieht.

Mit diesen Worten überreichte ein befreundeter Fotograf Roths Frau ein Bild ihres Mannes

„Die ersten sieben Tage bin ich jeweils immer über 300 Kilometer gefahren“, erinnert er sich. Mit Karte, ohne Handy durch Italien, Griechenland und die Türkei. „Teilweise wusste ich nicht einmal, wo ich schlafen sollte“, erzählt Roth. Alles bleibende Eindrücke. Erlebnisse. Abenteuer. „Ich habe alles im Kopf abgespeichert. Da brauche ich kein Foto“, erzählt er.

Hubert Roth auf einer Tour ins Kreuzthal. Selbst eine kleine Runde lässt den Kilometerstand auf dem Tacho um 105 weitere ansteigen.
Hubert Roth auf einer Tour ins Kreuzthal. Selbst eine kleine Runde lässt den Kilometerstand auf dem Tacho um 105 weitere ansteigen. (Foto: Roland Rasemann)

Und die Geschichten sprudeln förmlich aus ihm heraus. So auch die Tour nach Sizilien, die am Ätna endete. 2000 Kilometer in sieben Tagen. Oder Gibraltar. Oder Slowenien, und, und, und. Roth hat schon halb Europa mit dem Rad durchquert — immer von Ausnang aus. Kaum ein Alpenpass, den Roth nicht schon unter die Räder genommen hätte. Inzwischen dürfte er wohl zigmal die Welt umrundet haben, so viele Kilometer sind bereits zusammengekommen.

Ich bin der erste unbezahlte Radprofi der Welt.

Hubert Roth

Radfahren ist zeitintensiv — zumindest wenn man Hubert Roth heißt. Vermutlich sagte deshalb ein befreundeter Fotograf den Roths einmal, als er Huberts Frau Theresia ein Foto von ihrem Mann in die Hand drückte: „Stell’ das wenigstens in den Herrgottswinkel, damit du weißt, wie dein Mann aussieht.“

Ein Spruch, halb Spaß, halb Ernst. Denn oft gesehen hat Theresia Roth ihren Hubert viele Jahre nicht. Wenn der Fliesenleger vor seiner Rente nach Hause kam, trank er kurz einen Kaffee und verschwand wieder für einige Stunden, sei es mit dem Rad oder zum Laufen.

Ein Ausgleich zur Arbeit, obwohl auch diese körperlich extrem fordernd war. Aber trotzdem ein Muss für den passionierten Leistungssportler Roth. Denn die Freude an der Bewegung ist mehr für ihn. Der Sport ist seine Leidenschaft. Sein Leben. Sein Elixier.

Vom Skiläufer zum Radfahrer

Als Hubert Roth zehn Jahre alt war, gab es dieses einschneidende Erlebnis. Mit seinen Freunden traf er einen Menschen, der ihn zum Langlauf brachte. Sein Mentor. „Er sagte zu uns: ,Buben, ihr müsst etwas tun’“, erinnert sich Hubert Roth. Aber ohne richtiges Material war dies schwer.

Leidenschaft: Hubert Roth (71) fährt im Jahr bis zu 30.000 Kilometer mit seinem Rad.
Leidenschaft: Hubert Roth (71) fährt im Jahr bis zu 30.000 Kilometer mit seinem Rad. (Foto: Roland Rasemann)

So kam Roth mit der Leutkircher Skiläuferzunft in Berührung. Er erhielt dort die passende Ausrüstung und war fortan nicht mehr zu bremsen. Langlauf im Winter, Bergläufe im Sommer und Radfahren das ganze Jahr hinweg.

Die Liebe zum Rad trägt Hubert Roth auch offen, für jedermann sichtbar, mit sich herum. Denn in seinem linken Ohr blitzt ein goldener Ohrstecker: natürlich ein Rad. Als er 40 Jahre alt war, schenkte ihm seine Frau diesen Schmuck. Roth trägt ihn seither mit Stolz. Ist es doch die Verbildlichung seiner großen Leidenschaft.

Das Radfahren ist für mich Freiheit, mit wenig weit herumzukommen und viel zu sehen

Hubert Roth über seine Leidenschaft

„Ich bin der erste unbezahlte Radprofi der Welt“, scherzt Roth. Denn seit er in Rente ist, fährt er tagein, tagsaus. Zwar relativiert er, dass er bei schlechtem Wetter auch einmal einen Ruhetag einlegen würde. Doch rund um Leutkirch weiß fast jeder: Wenn ein Rennradfahrer auch bei Regen, Nebel und Schnee unterwegs ist, kann das fast nur der Hubert sein.

Und ja — natürlich auch bei schönem Wetter genießt Roth die ausgiebigen Touren ins Allgäu, Tagesfahrten bis nach Garmisch–Partenkirchen oder zum Vierwaldstättersee, wo seine jüngste Tochter lebt.

Jeder Kilometer wird notiert

So ist es auch kein Wunder, dass Roth regelmäßig die mit Abstand meisten Kilometer beim Leutkircher Stadtradeln zurücklegt. 3517 Kilometer waren es im vergangenen Jahr — in 20 Tagen. Die Zahl ist so unglaublich, dass Roth einen Anruf von den Organisatoren des ADFC erhielt, mit der Bitte, er solle doch alle seine Mitfahrer nennen.

„Ich sagte nur: ,Mitfahrer? Das war ich ganz allein’“, erzählt Roth und lacht. „Die konnten das nicht glauben, aber es schien ja jeden Tag die Sonne.“ Das muss man natürlich ausgiebig auskosten. Außerdem konnte er dem ADFC das auch schnell nachweisen, nicht nur durch seine handgeschriebenen Aufschriebe, sondern er nutzt inzwischen auch die digitale Welt. Mit dem Tourenplaner Komoot plant Roth inzwischen seine Touren und zeichnet diese auf.

Die Zeiten, als er noch nach Karte navigierte und sich teilweise kilometerweit verfuhr, sind vorbei. Roth schätzt die verkehrsarmen Allgäu–Sträßchen und so lernt sogar er ab und an noch neue Wege kennen — obwohl er die Region rund um Leutkirch natürlich wie seine Westentasche kennt.

„Das Radfahren ist für mich Freiheit, mit wenig weit herumzukommen und viel zu sehen“, sagt Roth. „Man kann kein Land und keine Gegend schöner kennenlernen als auf dem Rad.“ Worte wie Poesie. Worte, die Roth mit Leben füllt und die ihn erfüllen. Und die Passion, die ihn mit vielen anderen Menschen verbindet.

Der 71–Jährige ist deshalb im Allgäu bekannt wie ein bunter Hund. Und auch er kennt Gott und die Welt. Selbst Radprofis und andere Persönlichkeiten aus der Radszene trifft Roth laufend. Mit Jan Ullrich und Erik Zabel drehte er früher hin und wieder eine Runde. Die aktuellen Profis Lennard Kämna und Pascal Ackermann trifft er immer mal wieder auf einen Schwatz.

Eine Vitrine voller Pokale

Dabei hat Roth auch selbst einige Erfolge errungen. Im Keller hat er eine Schrankvitrine gebaut, wo alle seine Pokale aufgestellt sind. Hauptsächlich beim Laufen war er vorne mit dabei. Beim Ultramarathon wurde er beispielsweise zweimal deutscher Meister in seiner Altersklasse. Den Berlin–Marathon beendete er mit 51 Jahren auf Platz 133 bei rund 33.000 Startern. 2,41 Stunden brauchte er für die 42,2 Kilometer.

Dabei sind die Pokale nur ein kleiner Beweis dafür, was man dafür alles im Vorfeld leisten muss. Tausende von Trainingskilometer und Hunderte von Stunden Vorbereitung liegen hinter Roth, wenn er früher an den Wettkämpfen teilnahm. Ein immenses Pensum, das jedes Jahr von Neuem begann — mit dem Training über den Winter und einem Trainingslager im Frühjahr.

Durch kein Hindernis zu bremsen. Hubert Roth weicht einfach aus. Hier auf einer Tour bei Gunzesried im Allgäu.
Durch kein Hindernis zu bremsen. Hubert Roth weicht einfach aus. Hier auf einer Tour bei Gunzesried im Allgäu. (Foto: Roland Rasemann)

27–mal war er inzwischen auf Mallorca, dem Radsport–Mekka schlechthin. Fast immer zum Radeln. Ein paarmal war er auch mit der Familie dort. Ein Urlaub, der für Roth immer sehr früh begann. Meist vor sechs Uhr schlich er sich aus dem Hotelzimmer und als die Familie so kurz nach acht Uhr aufstand, kam er von seinem Morgentraining wieder zurück.

Familienurlaub im Hause Roth. „Wenn die Familie nicht mitzieht, klappt das nicht“, sagt seine Frau Theresia. Deshalb kennen auch sie viele Beispiele, bei denen die Ehe wegen des Sports in die Brüche ging. Zum Glück nicht bei den Roths. Auch die ältere Tochter trieb leidenschaftlich gerne Sport, bis zur Geburt ihres Kindes im vergangenen Jahr. Die jüngere Tochter sei „normal“, sagt Theresia und lacht. Sie hat also das extreme Sportgen ihres Vaters nicht geerbt.

Und was hat Roth mit 71 Jahren noch für Ziele? Gesundheit sei elementar — klar. Aber er will mit dem Rad noch nach Montenegro fahren und über Ungarn wieder zurück. Auch eine lange Tour. Genau deshalb sind 105 Kilometer für Hubert Roth so etwas wie ein Katzensprung. Eine Runde zum Aufwärmen. Zumindest wenn man ein Radverrückter ist.