Mundart

Natürlich ausverkauft: Mundart im Schloss

Amtzell / Lesedauer: 3 min

Rund 180 Besucher folgen der Einladung des Arbeitskreises Dorfkultur Amtzell und des SWR4
Veröffentlicht:04.03.2018, 18:06
Aktualisiert:22.10.2019, 21:00

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Die Amtzeller wussten schon: das wird gut! Deswegen lief der Vorverkauf auf Hochtouren und am Freitagabend war im Schloss Amtzell jeder Stuhl besetzt. Bereits zum sechsten Mal hat der Arbeitskreis Dorfkultur gemeinsam mit dem SWR4 Studio Friedrichshafen die Veranstaltung „Mundart im Schloss“ auf die Beine gestellt.

Wolfgang Wanner vom SWR begrüßte das Publikum und die Künstler. Die nur zwei Kriterien erfüllen mussten: Gut müssen sie sein und Dialekt müssen sie sprechen. „Die badische Fahne im schwäbischen Ausland“ haben die drei „Kistenr(h)ocker“ hochgehalten. „Wir heißen so, weil wir auf Kisten hocken und rocken. Aus Wahlwies bei Konstanz kommen sie. Dä Gegges spielt Bass und Blech, dä Olivor ‚Katzendärme‘ und dä Matze die Kistentrommel. Zu bekannten Melodien sangen sie Mundart-Texte, dass kein Auge trocken blieb. Aus dem Alltag erzählten sie, über Damenbärte, Krötenzäune und den frühen Vogel, der zwar den Wurm fängt, aber dann wegen Überfettung einen Herzinfarkt bekam. Der Hit war jedoch „Mir fliegt’s Navi nab“ auf der Melodie von Feliz Navidad. „Bei unserem letzten Auftritt saßen zwei Damen im Publikum, die sagten: finden Sie auch, dass hier eine schlechte Akustik ist? Jetzt, wo sie es sagen, rieche ich es auch“, erzählte Olivor.

Günther Bretzel , der pensionierte Oberstudienrat aus Friedrichshafen, kam im Anschluss mit der Gitarre auf die Bühne und gab eigene Texte auf bekannte Melodien zum Besten, ruhig, fast unspektakulär und doch: das Publikum war sofort bei ihm, wenn er von der Schlange an der Kasse am Samstagmorgen im Baumarkt erzählte, von den besorgten Kindern, die ihm ein Smartphone schenkten und die Toilettenfinder-App vorinstalliert hatten. „Wenn man da gerade auf den Hochgrat wandert und muss mal, sieht man zum Beispiel, dass man nach drei Stunden Gehzeit im Tal aufs Klo gehen kann“. Auch die Wetter-App ist sinnvoll, wenn einem bei der Grillparty die Würstle im Unwetter schon vom Rost fliegen, die Bierbank die Katze erschlägt, die ohnehin eingeschläfert werden sollte, und da stünde immer noch einer herum, der auf sein Handy schaut und behauptet: “Bei uns tut es nix“. Presley’s „I’m all shook up“ wird im Dialekt zum „Den schuck i nab“ und an Udo Jürgens erinnert der Song „Mit 66 Haaren“, den Bretzel in Anspielung auf seinen letzten Frisörbesuch geschrieben hat.

Ingrid Koch, die „Worthandwerkerin“ aus Tettnang, die „Schwäbin aus Überzeugung“, machte den Abend perfekt mit ihren Gedichten aus dem Leben. Wortreich, lebendig, humorig wie ihre Vorgänger und hinter der Fassade sentimental und berührend. Wie sie als Schuhkaufsüchtige vor dem Schaufenster steht und wieder mal ein Herzens-Pärle, edel, sackteuer und eben unbequem sollten sie sein, entdeckt. „Wie habe ich ohne die bisher bloß leben können?“ Oder wenn sie den Mann des Lebens sucht. „Ich suche einen Mann aus Amtzell, aber keiner hat sich nach mir umgeschaut, obwohl ich seit 50 Jahren Miss Tettnang bin“, weiß die nicht mehr ganz junge Dichterin sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Der SWR hat den Abend aufgezeichnet, und die Künstler sind daher in Zukunft auch im Radio zu hören.