Weihnachtsmärchen

Zwei Amtzellerinnen wollen „einfach für die Leute da sein“

Amtzell / Lesedauer: 5 min

Wie Saskia Graf und Christine Schuler vom Amtzeller Netzwerk Alna helfen – und was sie noch für Pläne haben
Veröffentlicht:08.01.2022, 12:00
Aktualisiert:09.01.2022, 12:43

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Es klingt fast wie ein Weihnachtsmärchen, wenn Saskia Graf und Christine Schuler vom Netzwerk Alna ( A mtzell l ässt n iemand a llein) erzählen, das die beiden Amtzellerinnen vor gut einem Jahr ins Leben gerufen haben und das inzwischen zu einer festen Institution in der Gemeinde geworden ist. Hunderte Menschen („Es kommt uns nicht auf Zahlen an, sondern nur dass wir wirklich helfen können“) haben von der immer tatkräftigen Unterstützung eines rund zehnköpfigen Teams profitiert. Das Motto der beiden Koordinatorinnen lautet: Wir wollen helfen.

„Kümmerer“ im besten Sinne des Wortes

Die Basis für die Hilfe ist das „Café Herzraum“, das mitten im Dorf als Treffpunkt und als Anlaufstelle für Alna dient und in dem das Telefon des Netzwerks steht. Denn bei Alna kann man anrufen, wenn man Unterstützung braucht – wofür auch immer. Ein Anruf setzt dann die Aktivitäten von Saskia Graf und Christine Schuler in Gang, die nahezu rund um die Uhr erreichbar sind: „Wir kümmern uns um jeden Anruf, jede E-Mail, die bei uns ankommt.“ Sie sind „Kümmerer“ im besten Sinne des Wortes, verfügen über ein breites Netzwerk in und um Amtzell und können so viele Probleme lösen helfen. „Für dieses Netzwerk sind wir sehr dankbar“, so Saskia Graf, „denn durch die Zusammenarbeit mit Kirchen, Rathaus, Vereinen und vielen Einzelpersonen können wir tatsächlich oft gute Lösungen für die Menschen finden.“

Gummistiefel in Größe 36?

Die bis zu zehn Anfragen am Tag betreffen unterschiedliche Themen, etwa wenn jemand krank ist und nicht selbst einkaufen oder kochen kann. „Dann organisieren wir, häufig mit dem Kaufhaus Schellinger im Dorf, dass die- oder derjenige entsprechende Lebensmittel geliefert bekommt. Oder wir kochen auch schon mal selbst etwas und bringen es der Person vorbei“, erzählt Graf. Anfragen zu Haushaltshilfen, begleitenden Personen bei Behördengängen oder Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, bei der Wohnungssuche und gegebenenfalls auch beim Umzug, landen ebenfalls immer wieder bei Alna . Zu Beginn der Corona-Pandemie haben die beiden sogleich die Aktion „Suppentöpfle“ organisiert. Ehrenamtliche kochten Suppe, füllten sie in Gläser und brachten sie denen, die die Suppen bestellt hatten, direkt an die Haustür. „Da wir ja auch das Kleiderstüble in Amtzell in der Kogenwiese 5 betreiben, rufen auch manchmal Leute an und wollen einfach wissen, ob es auch Gummistiefel in Größe 36 gibt.“

Auch ernste Themen wie häusliche Gewalt

Sehr viel ernster sind Themen wie häusliche Gewalt, Sucht oder Nötigung, derer sich die beiden Frauen annehmen. Auch hierbei wissen sie ein Netzwerk mit Sozialarbeitern, Jugendamt und Polizei im Hintergrund, das die Hilfesuchenden unterstützt. „Wir begleiten auch in solchen Fällen die Menschen, sie können sich jederzeit an uns wenden und wir schauen manchmal auch einfach bei ihnen vorbei, um zu sehen, wie es ihnen geht und wie sie mit allem klarkommen.“

Als die beiden Frauen gemerkt haben, dass es gerade in Corona-Zeiten an Kontaktmöglichkeiten fehlt, riefen sie kurzerhand einen Treff für Alleinerziehende ins Leben oder einen Treff für Kinder, wo einfach gespielt werden kann, aber auch ganz praktische Hilfe, beispielsweise bei einer Präsentation für die Schule. „Da haben wir das große Glück, dass mit dem Café Herzraum ein Begegnungsort zur Verfügung steht, in dem soziale Aktivitäten ebenso stattfinden können wie ganz persönliche Gespräche“, betont Christine Schuler.

„Es hat einfach ‚bing‘ gemacht“

Die Gemeinde Amtzell stellt dem Verein Füreinander-Miteinander, zu dem auch Alna gehört, diese Räume im Ludwig-Steimle-Haus kostenlos zur Verfügung. Alle Aufwendungen darüber hinaus werden ausschließlich über Spenden finanziert. Füreinander-Miteinander selbst stellt bereits ein Netzwerk dar. Dazu gehören Besuchsdienst, Hospizgruppe, Nachbarschaftshilfe, Flüchtlingshilfe, Machakoshilfe in Kenia und einiges mehr. „Ich hatte schon lange die Idee für ein Café“, so Schuler, „und damit sind wir beide dann zu Paul Locherer, dem Vorsitzenden des Vereins, gegangen.“ Dann kommt sie ins Schwärmen: „Es hat einfach ‚bing‘ gemacht, es hat gepasst und verschiedene Puzzle-Teile rückten zusammen“, freut sie sich noch heute. Seitdem verfolgen sie gemeinsam mit dem früheren Amtzeller Bürgermeister die Aktivitäten für die Bürgerinnen und Bürger und wissen sich auch über ihn gut vernetzt.

„Ins Café Herzraum laden wir alle ein, die einfach mal zu Hause rauskommen wollen. Dann merken wir während der Café-Zeiten oft auch, wenn jemand Hilfe braucht. Und wir erleben, dass hier so viel angestoßen wird, neue Kontakte entstehen, die Besucherinnen und Besucher sich gegenseitig helfen – das ist schön und erfüllend.“ Damit beschreiben Christine Schuler und Saskia Graf auch einen Teil ihrer Motivation für dieses selbstlose Engagement für andere in der Gemeinde.

Viele Ideen für noch bessere Hilfe

Und die beiden haben noch viele Ideen, wie sie Menschen in Amtzell noch mehr und besser unterstützen können: „Dazu wünschen wir uns noch mehr Menschen – zum Beispiel im Rentenalter – die ein wenig Zeit übrighaben und zum Beispiel hin und wieder für eine Stunde mit jemandem spazieren gehen, Kinder vom Kindergarten holen und nach Hause bringen, sich als Leih-Oma oder -Opa anbieten, mal eine Suppe kochen oder einen Kuchen backen fürs Café.“ Darüber hinaus sollen im Garten des Café Herzraum noch Spielgeräte für Jung und Alt aufgebaut werden und „ein Backhäusle fänden wir auch toll“.

Die beiden Freundinnen, die Alna erfunden haben, kümmern sich um Vieles fast wie Sozialarbeiter es tun – und das mehr oder weniger ehrenamtlich. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart finanziert eine 450-Euro-Stelle als Ehrenamtskoordinatorin für Saskia Graf, Christine Schuler erhält eine Übungsleiter-Pauschale. Aufs Geld kommt es den beiden ohnehin nicht an. Sie wollen „einfach für die Leute da sein“. Dafür haben sie die volle Unterstützung ihrer Familien – Ehemänner und Kinder packen häufig selbst mit an. Und so viel ist für beide klar: „Wir machen weiter“.