Geschwisterlichkeit

Gemeinwohl-Ökonomie verzeichnet erste Erfolge

Achberg / Lesedauer: 3 min

Achberger Symposium bietet „Aufklärung mal anders“
Veröffentlicht:29.04.2019, 15:55
Aktualisiert:22.10.2019, 10:00

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„Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit“ sind die dominierenden Stichworte des dreitägigen Symposiums gewesen, das der Verein Soziale Skulptur auf die Beine gestellt hat. Anlass war die Feier zu „100 Jahre Dreigliederung“, ein Begriff, den Rudolf Steiner gegen Ende des Ersten Weltkriegs prägte und in dem das Wirtschaftsleben der Geschwisterlichkeit, das Rechtsleben der Gleichheit und das Geistesleben der Freiheit gegenübergestellt wurde.

Ziel der sozialen Dreigliederung war und ist eine Zivilgesellschaft, in der alle gestalterisch und selbstverwaltet teilhaben, um ein gutes und friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Das „freie Wirken der Menschen“ steht im Vordergrund, nicht die Lenkung durch einen Staat oder eine Führungselite.

Dass die drei Werte zusammengehören und nicht eines auf Kosten des anderen gelebt werden solle, betonte Gerald Häfner, Leiter der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach. Im Bereich der persönlichen Freiheit „haben wir schon vieles (seit Steiners Leitbild) geschafft“, in der Gleichheit vor dem Gesetz seien wir nicht weit gekommen, in der weltumspannenden Geschwisterlichkeit jedoch „sind wir noch völlig am Anfang“. Es gehe darum, den Begriff des „Eigentums“ völlig neu zu definieren und die besten Ideen miteinander zu teilen, um die „Welt für alle fruchtbar zu hinterlassen.“

„Was kann die Politik konkret dazu beitragen, dass das heutige Wirtschaftssystem in Richtung Gemeinwohl und Brüderlichkeit verändert wird?“, war die Frage, die Moderator Rainer Rappmann, Gründer des veranstaltenden Vereins, den Referenten des Impulsvortrags in der vollbesetzten Achberghalle stellte. Christian Felber , Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie, forderte ebenfalls ein Umdenken und erläuterte, dass das Ziel des Wirtschaftens das Gemeinwohl sein müsse und nicht allein die Finanzbilanz. Dazu sei es notwendig, eine Gemeinwohlbilanz zu erstellen, die Fragen der Ethik und der Moral ebenso beinhalten wie der Schutz der Allgemeingüter wie Luft und Umwelt. In (mindestens) 20 zu messenden Faktoren werde diese Bilanz aufgestellt. Beispiele: Steckt Kinderarbeit in dem Produkt, wie sieht es mit der Lohngleichheit im Unternehmen aus, ist das Klima und die Umwelt entsprechend berücksichtigt, ist die Arbeitszeit und die Freiheit des Einzelnen in Einklang miteinander?

In achteinhalb Jahren kontinuierlicher Arbeit haben laut Felber bereits 500 Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz aufgestellt, ein Lehrstuhl für Gemeinwohlökonomie in Valencia wurde eingerichtet, „die Idee zeitigt erste Erfolge“, sagte er. Die Politik könne dies alles unterstützen, indem sie ihre Fördergelder nach gemeinwohlökonomischen Kriterien verteile.

Mehr aus der Perspektive der Nachhaltigkeit betrachtete die deutsch-französische Umwelt- und Forstwissenschaftlerin und Grünen-Kandidatin bei der Europawahl, Anna Deparnay-Grunenberg, die Dreigliederung in Form von Mensch-Natur-Kultur. Das, was früher in Innen (Gruppenzugehörigkeit) und Außen (das Fremde) getrennt werden konnte, funktioniere heute nicht mehr: „Der Planet ist rund und wir sind alle drinnen“, betonte sie. Deswegen müssen Bürger mehr beteiligt werden, die Politik müsse klären, was die Menschen wirklich brauchen. Die Gemeinwohlwohl-Ökonomie biete da Orientierung und Transparenz. Nicht nur kommunal, sondern ebenso europaweit sei der Gemeinwohl-Gedanke angekommen. So beschäftige sich die UN mit Nachhaltigkeitssystemen und erstelle „Non Financial Reports“, in denen Menschenwürde ein entscheidender Bilanzierungsfaktor sei.

Auf die Frage, wie denn weltweit mit Dumpingprodukten oder unethischem Geschäftsgebaren umgegangen werden könne, war die klare Antwort aller drei Gäste: „Wir entscheiden, was wir kaufen, wo wir mitmachen, wen wir unterstützen. Wir können uns einmischen, denn wir bringen das Gemeinwesen hervor.“