Immer krank in Urlaub und Freizeit - Was kann ich gegen "Leisure Sickness" tun?

Morgendliches Stimmungstief kann auf Depression hindeuten
Krank im Hotelbett? Für Menschen, die an Leisure Sickness leiden, ist das keine Seltenheit. (Foto: Jens Kalaene/dpa)
Digital-Redakteurin

Der Urlaub ist da, aber statt der ersehnten Entspannung plagen uns Müdigkeit, Kopfschmerzen, Halskratzen, Übelkeit oder gar eine Erkältung oder Magen-Darm-Infekt. Krank hüten wir dann das Hotelbett und fragen uns, warum es uns ausgerechnet jetzt, in der freien Zeit erwischt hat.

Wer damit nicht nur im Urlaub, sondern gerne an Feiertagen oder dem verlängerten Wochenende zu kämpfen hat, könnte an etwas leiden, was als „Leisure Sickness“, also Freizeitkrankheit, bezeichnet wird.

Doch welchen Ursprung haben die Infekte zur Unzeit? Professor Dr. Eva Peters forscht an der Justus-Liebig-Universität in Gießen in der Klinik für Psychosomatik daran, wie sich Belastungen und Stress auf unser Nervensystem und damit auch unsere Immunantwort auswirken.

Um zu verstehen, warum manche Menschen in ihrer freien Zeit eher krank werden, müsse man zunächst verstehen, wie unser Immunsystem unter Stress funktioniert.

Akuter Stress löst starke Immunreaktion aus

Um "akuten Stress" zu umschreiben, wird beispielsweise der Löwe im Dschungel als Bild für eine plötzliche Gefahr angebracht. Im modernen Leben ist es aber eher ein Papierstapel auf dem Schreibtisch, der unbedingt noch vor dem Urlaubsbeginn erledigt werden muss.

In diesen Situationen greift unser Körper auf sein angeborenes Immunsystem zurück. Eiweißmoleküle, die Gefahrensignalmuster unspezifisch erkennen, Fresszellen und natürliche Killerzellen sorgen dafür, dass unser Immunsystem in dieser Phase schnell reagieren kann.

Es wird befähigt, mit neuen, noch unbekannten Herausforderungen umzugehen und möglichst alles von uns fernzuhalten, was uns jetzt akut krank machen könnte.

„Diese Reaktion hängt sehr stark damit zusammen, wie lange wir Menschen schon Erfahrung damit gesammelt haben, welche Gefahrstoffe aus der Umwelt immer wieder auf uns zukommen, wir kommen schon mit einem Reaktionsrepertoire auf die Welt“, sagt Peters.

In „Flucht oder Kampf“-Situationen ist eine solche Stressreaktion des Immunsystems schon seit Urzeiten überlebensnotwendig und deshalb eng an die Ausschüttung von Stressbotenstoffen wie Adrenalin gebunden.

Das Herz pumpt schneller, die Atmung wird hektischer und transportiert mehr Sauerstoff, die Muskeln werden besser durchblutet. „Nehmen wir an, Sie treffen jemanden, dem Sie noch nie begegnet sind. Durch diese Person könnten Sie in Kontakt mit Keimen oder Viren kommen, die Ihr Körper nicht kennt. Wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt, oder Sie fliehen müssten, und sich dabei verletzen, dann wird das angeborene Immunsystem die Erreger schon gleich in der Haut und an den Schleimhäuten unschädlich machen“, erklärt Peters.

Ganz nach dem Prinzip „Schrotflinte“ schießt diese ererbte Immunreaktion breit und unspezifisch auf die neuartigen Erreger und stoppt sie somit.

Allerdings: Das angeborene Immunsystem erkennt nur die Störung, die ein Erreger verursacht, nicht den Erreger selbst und ist nicht „lernfähig“. Es reagiert auf jeden Erregertyp immer gleich und verletzt auch umliegendes, gesundes Gewebe.

Beim Start in den Urlaub vollzieht sich ein Wechsel

Was geschieht nun, wenn unsere Psyche denn Alltagsstress hinter sich lässt und wir in den Urlaub oder das verlängerte Wochenende starten? Unser Immunsystem fährt nicht, wie häufig vermutet, durch den Wegfall von Stress komplett runter, es vollzieht sich ein Wechsel.

Hier komme laut Peters nun unser erworbenes Immunsystem ins Spiel. Dieses richtet sich – im Gegensatz zum angeborenen Immunsystem – ganz gezielt gegen einen Erreger und kann sich diesen für späteren Kontakt merken. Es ist also eine Form der Ergänzung zum angeborenen Immunsystem.

Die verbesserte Treffsicherheit sorgt dafür, dass nur befallenes Gewebe von den Immunzellen angegriffen wird, hat allerdings ihren Preis: Das erworbene Immunsystem braucht eine gewisse Zeit, um einen Erreger zu erkennen und zu bekämpfen – und agiert damit deutlich langsamer als das angeborene Immunsystem. Außerdem braucht es viel Energie, um beispielsweise Antikörper zu bilden. 

„Im Urlaub passiert es häufig, dass wir unseren kompletten Rhythmus ändern. Wir stehen später auf. Wir ernähren uns anders. Und wenn wir verreisen, wechseln wir nicht selten die Zeit- oder die Klimazone“, sagt die Professorin.

Der Ortswechsel bringe dann meist den Kontakt mit neuen Keimen und Erregern mit sich. Weil sich unser angeborenes Immunsystem aber mit uns in „Urlaubsstimmung“ befindet, haben die neuen Erreger erst einmal leichtes Spiel, bis unser erworbenes Immunsystem reagiert. Dies kann allerdings ein paar Tage dauern – die wir dann verschnupft auf dem Hotelzimmer verbringen.

"Leisure Sickness" - Trifft es eher Frauen oder Männer?

Wer an der Freizeitkrankheit leidet, hat also nicht automatisch ein „schwaches“ Immunsystem, wie es oft heißt – er hat einfach den Wechsel zu schnell herbeigeführt.

Während laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Jahr 2017 22 Prozent der befragten 2000 Menschen – also gut jeder Fünfte – angab, einmal von „Leisure Sickness“ betroffen gewesen zu sein, sind zwei Gruppen von Menschen offenbar eher anfällig für das Syndrom als andere.

Das Immunsystem der Frauen arbeitet eher auf der Schiene des erworbenen Immunsystems

Dr. Eva Peters

„Es gibt tatsächlich einen gewissen Unterschied. Das wäre zum einen natürlich die Stressbelastung, der man ausgesetzt war und zum anderen die Art und Weise, wie das Immunsystem grundsätzlich arbeitet“, antwortet Peters auf die Frage, ob Männer oder eher Frauen für „Leisure Sickness“ anfällig sind.

„Der Körper der Frau ist darauf ausgelegt, dass er eventuell etwas Fremdes, also einen Embryo, tolerieren muss. Das Immunsystem von Frauen arbeitete eher auf der Schiene des erworbenen Immunsystems.“ Zielsicherer, aber dafür auch langsamer. „Männer befinden sich eher auf der Seite des angeborenen Immunsystems.“ Ihnen fällt der urlaubsbedingte Wechsel in Richtung erworbenes Immunsystem also offenbar schwerer.

„Wir sehen den Unterschied auch in anderen Situationen, also das Frauen zum Beispiel eher zu Autoimmunerkrankungen neigen, Männer sich schneller Infekte einfangen. Bei Covid war interessant zu beobachten, dass Frauen das Virus während der Erkrankung meist nicht so stark zugesetzt hat, wie Männern. Bei Long Covid sieht es jetzt anders aus. Da gibt es mehr weibliche Patienten. Ein Grund könnte sein, dass Frauen durch ihr anders funktionierendes Immunsystem das Virus nach hinten raus schlechter klären können, als Männer.“

Ein weiterer „Risikofaktor“ sei laut Peters das Alter. Über unser gesamtes Leben lerne unser Körper viele Immunantworten, allerdings lasse mit den Jahren das angeborene Immunsystem nach. Dies sei in den Jahren zwischen 40 und 50 der Fall. Weitere Faktoren seien die genetische Prädisposition und, wie gut die Lungen- und Hautbarriere eines Menschen aufgebaut ist.

Wie lässt sich das Syndrom vermeiden? 

Dafür, dass wir passend zum Ende der Ferien oder des Urlaubs und damit zum Arbeitsbeginn wieder fit sind, hat Peters eine einfache Erklärung.

„Das Immunsystem wird zum Arbeitsbeginn wieder ähnlich überfallen, wie zum Urlaubsstart. Der Rhythmus ist plötzlich wieder anders, der Hormonhaushalt passt sich an den Tag an.“ Wir wechseln also wieder auf die Schiene des angeborenen Immunsystems – durch das wir Infekte dann schneller wieder loswerden.

Doch wie können Betroffene die Infekte zur Unzeit vermeiden? „Leisure Sickness ist supernervig und Menschen, die dazu neigen, müssen lernen, achtsam mit sich umzugehen und nicht einfach vor sich hinzuleben“, sagt Peters. „Schauen Sie, wann und wie Sie an „Leisure Sickness“ leiden und stellen Sie sich mit entsprechendem Verhalten darauf ein“, empfiehlt die Forscherin.

Sei man vor allem in der Weihnachtszeit von dem Syndrom betroffen, könnten der straffe Zeitplan des Familienfests – samt seiner Konflikte – Ursache für die Anfälligkeit sein. „Bei solchen Ereignissen, empfiehlt es sich, das Ganze zu entzerren, also Besuche vielleicht nicht auf nur einen oder zwei Tage zu packen.

Die klassischen Konflikte und Streitigkeiten unter dem Weihnachtsbaum, die der Psyche zusetzen, sollte man bestenfalls schon vorher einmal ansprechen und aus der Welt schaffen.“ Sei man beispielsweise von Atemwegsinfekten betroffen, könne man schon vor einer Erkrankung mit Tee und Pastillen vorbeugen.

Gleiches gilt auch für den klassischen Sommerurlaub. Es sei für die Betroffenen von „Leisure Sickness“ nicht ratsam, am letzten Arbeitstag direkt zum Flughafen zu hetzen und sich mit dem Flieger in einer anderen Klima- oder Zeitzone zu verabschieden. Besser sei es, sich erst ein paar Tage in gewohnter Umgebung zur Entspannung zu gönnen und zu versuchen, sich an den anstehenden Wechsel zu gewöhnen.

"Leisure Sickness" als Vorstufe zum "Burn Out"?

In der Zeit, in der wir an der Arbeit oder zu Hause – möglicherweise durch die Pflege eines Angehörigen – Belastung und Stress ausgesetzt sind, empfiehlt Peters, mit speziellen Übungen, beispielsweise der progressiven Muskelentspannung, zur Ruhe zu kommen. „Es ist gar nicht so wichtig, was Sie machen, solange es eine gute Methode für Sie ist, zur Ruhe zu kommen.“

Von der im Netz kursierenden These, „Leisure Sickness“ sei eine Vorstufe des Burn Out, hält Peters übrigens nichts. „Das ist richtiger Unfug. „Leisure Sickness“ heißt zunächst mal, dass Sie in der Zeit davor gut angespannt gearbeitet haben und dass Ihr Immunsystem mit dem Wechsel nicht klarkommt.“

Es sei zudem wichtig zu verstehen, dass Arbeit für den Menschen nicht per se Stress bedeute. „Arbeit ist häufig stabilisierend und selbst ein 16-Stunden-Tag kann befriedigend für uns sein, wenn was Tolles am Ende dabei herauskommt“, sagt Peters. Kritisch werde es für das Immunsystem erst dann, wenn negative Gefühle und Stressoren, die einen körperlich und seelisch erschöpfen, ins Spiel kämen.

„Das kann natürlich zu viel Arbeit sein, aber das kann auch ein Chef sein, der einen nie lobt, obwohl man das nach einem schwierigen Projekt bräuchte. Es ist auch oft abhängig von der eigenen Position im Arbeitsumfeld und ob man über oder unter dem arbeite, was man leisten kann und möchte. Es sind dann diese Diskrepanzen, die uns belasten.“

Diese Diskrepanzen gelte es, genauer unter die Lupe zu nehmen und wenn nötig, auch mit professioneller Hilfe zu bearbeiten. Gelingt dies, dürfte das Problem „Leisure Sickness“ bald der Vergangenheit angehören. 

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