Faktencheck: Falsche Zahlen zu Nebenwirkungen bei Corona-Impfung

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Faktencheck
Deutsche Presse-Agentur

Während der Corona-Impfstoff der Unternehmen Biontech und Pfizer in einigen Ländern bereits eingesetzt wird, werden immer wieder Behauptungen über dessen Nebenwirkungen aufgestellt. So auch vom deutschen Mikrobiologe Sucharit Bhakdi. Ein Faktencheck.

BEHAUPTUNG:

Bhakdi spricht von "Nebenwirkungen, die recht schwer sind. Das sind junge, gesunde Menschen gewesen, und die Hälfte hat Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen." Bhakdis Aussagen in einer Talkshow werden auch auf Facebook verbreitet. 

BEWERTUNG:

Die Aussagen Bhakdis zur Häufigkeit dieser Symptome sind ungenau und größenteils übertrieben.

FAKTEN:

Die Aussagen stammen aus der Sendung "Corona-Quartett" im österreichischen Sender Servus TV vom 6. Dezember 2020. Bhakdi spricht von einem "genbasierten Impfstoff, der jetzt in England zugelassen wurde und in Europa demnächst zugelassen werden sollte". Damit bezieht er sich offenkundig auf den Corona-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer, der seit Anfang Dezember über eine Notfallzulassung in Großbritannien eingesetzt werden darf.

Bhakdi behauptet über den Impfstoff: "Alleine die Impfung hat Nebenwirkungen, die recht schwer sind. Das sind junge, gesunde Menschen gewesen, und die Hälfte hat Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und sind krank gewesen. Wenn man hingeht und älteren Menschen, die vorerkrankt sind, mit solchem Impfstoff impft, dann möchte ich nicht wissen, was passiert."

Bhakdi nennt keine Quellen

Belege für einen derart hohen Anteil von Geimpften mit schweren Nebenwirkungen gibt es nicht. Unklar ist, worauf Bhakdi seine Behauptungen stützt. Die Impfungen in Großbritannien begannen zwei Tage nach der Talkshow.

Die aktuellsten Zahlen zu Nebenwirkungen beruhen auf einer sogenannten Phase-3-Studie, also einem Test des Impfstoffs im Vorfeld der Zulassung. Es liegt nahe, dass Bhakdi sich darauf beruft. Mitte November hatten Biontech und Pfizer in einer Pressemitteilung geschrieben, dass man dabei "keine schwerwiegenden Nebenwirkungen" festgestellt habe.

Vier Tage nach der Talkshow mit Bhakdi erschien ein Fachartikel mit detaillierteren Ergebnissen der Tests im "New England Journal of Medicine". Aus diesem geht hervor, dass Fieber nach der zweiten von zwei Impfdosen tatsächlich nur bei 16 Prozent der jüngeren (zwischen 16 und 55 Jahren) und bei 11 Prozent der älteren (älter als 55 Jahre) Studienteilnehmer auftrat. Auch Muskelschmerzen traten nicht wie von Bhakdi behauptet bei der Hälfte, sondern der Studie zufolge bei 37 Prozent der Jüngeren und bei 29 Prozent der Älteren auf. Schüttelfrost nannten demnach 35 Prozent der Jüngeren und 23 Prozent der Älteren.

Lediglich Kopfschmerzen wurden bei rund der Hälfte der jüngeren Teilnehmer nach der zweiten Impfung festgestellt, nämlich bei 52 Prozent. Bei den älteren war dies bei 39 Prozent der Fall. Allerdings traten Kopfschmerzen auch in der Vergleichsgruppe, die nicht das Präparat sondern ein Ersatz-Placebo erhielt, relativ häufig auf: 24 Prozent bei den Jüngeren, 14 Prozent bei den Älteren nach der zweiten Dosis. 

Übliche Schmerzen an Einstichstelle

Am häufigsten kann es dem Fachartikel zufolge lokale Schmerzen an der Einstichstelle geben - nach der ersten Dosis bei 83 Prozent der Jüngeren und 71 Prozent der Älteren. Solche Symptome sind Experten zufolge nach einer Impfung aber durchaus üblich.

Allgemein gilt, dass diese Körperreaktionen bei Jüngeren etwas häufiger auftraten. Die Symptome waren dem Fachartikel zufolge meist mild bis moderat und klangen rasch wieder ab. Anders als bei Bhakdi werden sie auch nicht als "schwere Nebenwirkungen" bezeichnet.

Diese werden im Artikel gesondert aufgeführt und traten demnach generell sehr selten auf. Genannt werden von 21 720 geimpften Teilnehmern vier, bei denen "starke" ("severe") Nebenwirkungen auftraten. 64 Geimpfte beklagten Schwellungen der Lymphknoten, was zumeist allerdings nicht als schwere Nebenwirkung eingestuft wurde.

Falsche Aussage von Bhakdi

Falsch ist zudem Bhakdis Aussage, dass es keine Studienteilnehmer mit Vorerkrankungen gab. Diese waren, wie die Wissenschaftler schreiben, zugelassen und entwickelten auch eine Immunität gegen das Virus.

Daten zur Sicherheit des Impfstoffs sollen weiter geprüft werden, wie Biontech und Pfizer schreiben. Nach mehreren Fällen von schweren allergischen Reaktionen riet die britische Zulassungsbehörde kurz nach dem Impfstart zudem davon ab, Menschen zu impfen, die schon einmal schwere allergische Reaktionen gezeigt hatten.

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