Faktencheck: Corona-Test kann tödlichen Hirn-Schaden verursachen?

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Faktencheck
Deutsche Presse-Agentur

Ein Facebook-Post sorgt in Deutschland seit ein paar Tagen für Aufregung und Verunsicherung. Demnach könne ein Corona-Test zu tödlichen Hirn-Schäden führen. 

BEHAUPTUNG:

"Hör auf, dich testen zu lassen, wenn du nach 2021 leben möchtest", warnt ein Facebook-Post, der seit Tagen kursiert, fast 3.000 Mal geteilt und vielfach kommentiert und bewertet wird. Gemeint ist der Corona-Test, dessen Grundlage zumeist ein Abstrich des Nasen-Rachen-Raumes ist.

Die Einführung des Stäbchens sehr tief in die Nasenbahnen verursache nämlich nicht nur Schmerzen, sondern eine "hämato-enzephalische Barriereschädigung der Schädeltiefe", heißt es im Post weiter.

So entstehe ein direkter Zugang zum Gehirn, durch den Bakterien ungehindert eindringen und lebensbedrohliche Entzündungen verursachen könnten. Eine mehrteilige Grafik, die veranschaulicht, wo der Abstrich entnommen wird und vermeintliche Verletzungen auftreten könnten, flankiert den Beitrag.

(Foto: Facebook)

FAKTENLAGE: 

Ein Nasenabstrich verursacht keine Schädigung der Blut-Hirn-Schranke. Das Hirngewebe ist zusätzlich von einer Knochenschicht umgeben, die ein Abstrichtupfer unmöglich durchbohren kann.

Steht der Verdacht einer SARS-CoV-2-Infektion im Raum, wird ein Diagnose-Test vorgenommen. Grundlage des Tests sind bestenfalls - so schreibt es das Robert-Koch-Institut (RKI) auf seiner Website - Proben der oberen und unteren Atemwege. Konkret bedeutet das: ein Abstrich des Nasen-Rachen-Raumes sowie eine Probe des Auswurfs. 

Der Abstrich wird bevorzugt aus den tieferen Abschnitten der Nase entnommen. Denn jüngere Studien belegen, dass die Nase zumeist Eintrittspforte für das Virus in den Körper und seine Konzentration dort darum relativ hoch ist.

Wolfgang Wagner, Chefarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde der München Klinik Schwabing, widerspricht entschieden der bei Facebook verbreiteten Behauptung, ein Abstrich könne die hämato-enzephalische Barriere, besser als "Blut-Hirn-Schranke" bekannt, verletzen oder gar außer Kraft setzen.

Anders als vor allem die Grafik des Postings suggeriert, handelt es sich bei der Blut-Hirn-Schranke nämlich nicht um eine lokal begrenzte Barriere zwischen Rachen und Gehirn. Die Blut-Hirn-Schranke setzt sich aus speziellen Zellen zusammen, die die Innenwände der Blutgefäße auskleiden, welche die Hirnmasse umgeben und versorgen. Die dichte Zellschicht verhindert auf diese Weise, dass gefährliche Erreger oder Substanzen aus der Blutbahn ins Gehirn gelangen. 

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Hals-Nasen-Ohren-Spezialist Wagner schließt aus, dass ein Behandler bei einem Abstrich überhaupt bis dorthin vorzudringen vermag: "Hinter allen Abschnitten der Schleimhaut der tiefen Nasenabschnitte und des sich anschließenden Nasenrachens befindet sich eine Knochenschicht, die die Schleimhaut von den Gewebeschichten des Gehirns trennt. Dieser Knochen kann durch einen Abstrichtupfer unmöglich durchbohrt werden."

Außerdem, so Wagner weiter, sei es auch nicht zutreffend, dass ein Abstrich immer schmerzhaft sei. "Das ist nur der Fall, wenn es in der Nase Engstellen gibt. Ansonsten ist der Abstrich bei vorsichtiger Durchführung nicht besonders unangenehm", erklärt der Arzt der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Auch die Faktencheck-Teams von AP und BBC kommen bei diesem Thema zu ähnlichen Ergebnissen. Belgische Experten haben sich zu der Frage in einem Faktencheck der dpa auf Französisch geäußert.

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