Die digitale Corona-Visite

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Maria Neuendorff

Björn Weiß kommt gerade aus einem Behandlungszimmer der Berliner Charité, als das Notfallhandy klingelt. „Wir haben hier einen kritischen Fall“, sagt der Kollege einer Brandenburger Klinik am anderen Ende der Leitung. Nur eine Minute später sitzt Weiß in einem separaten Computerraum vor einem von vier Rechnern.

In über 100 Kilometern Entfernung erscheint sein Gesicht auf dem beweglichen Bildschirm eines Roboterkopfes. Mit geübten Mausklicks fährt der Oberarzt für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin durch die Klinikgänge den Brandenburger Kollegen hinterher. „Man braucht keinen Führerschein, aber viel Übung“, sagt der 37-Jährige, der wie seine anderen Charité-Kollegen dafür extra am Simulator geschult wurde.

Die Patientin ist Mitte 30. Sie hat typische Corona-Symptome. Fieber, Atemnot, Luftnot. Weiß fährt mit dem Visitenroboter dicht an das Krankenbett heran. Via Bildschirm kann er die Pupillen der Frau heranzoomen, Hautveränderungen wahrnehmen, die Beatmungsgeräte anschauen und genau die Einstellung an den Infusionsständern sehen, an die die Patientin angeschlossen ist. Ob sie wirklich mit Covid-19 infiziert ist, können die Ärzte in diesem Moment noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.

„Wenn das Virus nicht mehr im Hals, sondern schon tief in der Lunge sitzt, ist es mit dem Nasen-Abstrich nicht mehr eindeutig nachzuweisen. Jedenfalls nicht so schnell, wie eine Behandlung nötig sein könnte“, erklärt Weiß.

So müssen die Ärzte und Intensivpfleger quasi Detektivarbeit leisten. Bei der jungen Frau deutet zwar vieles auf Covid-19 hin, nur ihr Alter ist ungewöhnlich für den schweren Verlauf. Und einer der Blutwerte passe nicht ganz ins Bild, bemerkt der Arzt vor Ort.

Gemeinsam geht Weiß mit dem Brandenburger Kollegen sowie einer Fachpflegekraft eine Checkliste mit acht Punkten wie Beatmung, Nahrungsaufnahme, Medikamentengabe, Angehörigensituation durch. Sie begutachten das Ergebnis der Computertomografie, beleuchten jedes Detail. Am Ende kommen sie gemeinsam auf das erleichternde Ergebnis: Die Patientin leidet nicht an Covid-19, sondern an einer rheumatischen Autoimmunerkrankung, die ganz ähnliche Symptome wie die Viruserkrankung aufweist. Sie muss nicht beatmet werden, eine medikamentöse Behandlung reicht aus.

Die junge Frau ist nur eine von rund 20 bis 30 Patienten am Tag, die die Spitzenmediziner der Charité derzeit in anderen Kliniken in Berlin und Brandenburg mit Hilfe der Visitenroboter mitbetreuen. Das Nottelefon in Deutschlands berühmtester Universitätsklinik ist dafür 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche geschaltet.

Die Teamarbeit mit Hilfe der Telemedizin ist nur möglich, weil Weiß und seine Kollegen seit 2017 die bisher einzigartige E-Health-Plattform ERIC entwickelt haben. Bis Ende März haben sie 10 000 Roboter-Visiten an rund 1450 Patienten durchgeführt. Mitten in der Endphase des weltweit einmaligen Pilotprojekts brach die Pandemie aus. Schnell wurde weitere Telemedizintechnik beschafft, um die sogenannten „Corona-Schwerpunktkrankenhäuser“ in Berlin miteinander zu vernetzen.

Zu Spitzenzeiten behandeln die Charité-Ärzte täglich rund 60 Patienten über diese Technik mit, so dass es in einer Woche rund 400 Robotervisiten gab. Derzeit verhandelt die Berliner Klinik gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut mit Krankenhäusern in Baden-Württemberg und Bayern über eine Ausweitung des Projekts bis in den Süden der Republik. Unter dem Namen FUTURE sollen deutschlandweit Kliniken mit der Robotertechnik ausgestattet werden.

Sie kommt ursprünglich aus den USA, wurde aber mit dem Fraunhofer Institut ausgebaut. Auslöser für das ERIC-Projekt war ursprünglich die Tatsache, dass die jährlich mehr als 2,1 Millionen Patienten, die deutschlandweit auf Intensivstationen behandelt werden, häufig an schweren Folgeschäden leiden. „Zwei Tage Intensivmedizin können das ganze Leben beeinträchtigen“, sagt Claudia Spies, Direktorin der Charité-Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin. 30 bis 50 Prozent der Patienten seien nach einer längeren Behandlung an Geräten ein Pflegefall. Neben dem Verlust von Mobilität und Organfunktionsstörungen litten sie oft an starken psychosozialen Einschränkungen wie Traumata und Depressionen. „Eine immer wieder auftretende Langzeitfolge nach einer Intensivbehandlung ist beispielsweise ein kognitiver Schaden“, erklärt Spies. Zurückzuführen sei dies unter anderem auf traditionelle Behandlungsmethoden mit pauschal verabreichten Sedativa.

Die Beruhigungs- und Schmerzmittel sind ebenfalls überlebenswichtig, damit der Patient, wenn er plötzlich mit dem Schlauch im Hals aufwacht, nicht in Stress und Panik verfällt. Doch gerade auch bei den Covid-19-Patienten hätten viele Krankenhäuser anfangs übersediert. „Durch Übermedikation wird aber unter anderem das Zwerchfell gelähmt. Die starken Medikamente setzen sich auf das Gehirn, es entsteht eine toxische Situation, der Patient wird zusätzlich belastet, was sich nachweislich negativ auf das Behandlungsergebnis auswirken kann“, erläutert die Professorin.

Dabei sei es in manchen Fällen durchaus möglich, den Patienten wach und kooperativ zu lassen. Die richtige Mischung zwischen Psychopharmaka, Schmerzmitteln, Blutverdünnern und anderen Medikamenten auszuloten, die Vorerkrankte nehmen müssen, ist die hohe Kunst. Ein Spagat, den die verschiedenen Experten nun gemeinsam und standortunabhängig abwägen. Dass sie sich mit Hilfe der Telemedizin direkt am Krankenbett über die akute Behandlung, aber auch über die bestmögliche Langzeittherapie austauschen können, sei ein riesiger Vorteil für die Patienten und die Ärzte, findet Spies.

Denn gerade bei dem neuartigen, sehr komplizierten Coronavirus werden die Mediziner von den immer neuen Erkenntnissen und Forschungsergebnissen derzeit geradezu überrollt. Die Pandemie zeigt exemplarisch, wie schnell die Uhren in der Medizin inzwischen ticken. „In der frühen Phase wusste man sehr wenig über das Virus und die Therapie“, sagt Spies. Die erste Reaktion von Ärzten weltweit sei gewesen, die Menschen so schnell wie möglich künstlich zu beatmen, um Organschäden zu vermeiden. Dabei sei man aber auch über das Ziel hinausgeschossen. „Die Lunge hat viele kleine Bläschen. Man kann sie sich wie kleine Luftballons vorstellen. Wenn man da mit Überdruck reinbläst, gehen sie kaputt. Hinterher bilden sich Narben, die immer wieder einreißen.“

Inzwischen diskutieren die Fachleute darüber, ob zu viel künstlich beatmet wird. Allein schon die Bedienung der Spezialgeräte erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl. „Nicht jede Klinik, die inzwischen mit der modernsten Beatmungstechnik ausgestattet wurde, hat deshalb auch automatisch genügend Fachleute dafür vor Ort“, betont Spies. Mit den Visitenrobotern können die Experten der Charité nun mit „eigenen Augen“ die Beatmungsschläuche begutachten und jeden Durchflussregler an dem Infusionstropf sehen.

„Es gibt aber auch in kleineren Krankenhäusern hervorragende Intensivmediziner“, stellt Spies klar. „Es geht darum, dass wir alle voneinander lernen und die immer neuen Erkenntnisse gemeinsam bewerten können.“

So meldete kürzlich das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, dass das Coronavirus nach einer Studie seines Instituts für Rechtsmedizin bei ungewöhnlich vielen Erkrankten zu Thrombosen und letztlich zu tödlichen Lungenembolien führe.

Björn Weiß erinnert sich an einen schwerstkranken 70-Jährigen, der schon am Anfang der Pandemie erkrankte und der in einer sogenannten Berliner LEVEL 2 Klinik behandelt wurde. Aufgrund seiner Erfahrung mit Komplikationen der Blutgerinnung empfahl er eine Therapie mit dem Blutverdünner Heparin, um den Patienten so vor der möglichen Lungenembolie zu schützen. Der Patient überlebte und geht inzwischen in die Reha.

Für Björn Weiß, der in Marburg studiert hat und seit zehn Jahren an der Berliner Charité arbeitet, ist das ERIC-Programm inzwischen zu einer Herzensangelegenheit geworden. „Wenn man durch die Digitalisierung schafft, dass auch der Patient auf dem flachen Land Zugang zur Maximalversorgung hat, dann macht das das Gesundheitswesen gerechter.“

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