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Sprengbombe

Wo die ersten Schüsse fielen: Ins polnische Wielun brachten deutsche Flieger vor 80 Jahren den Tod

Wielun / Lesedauer: 6 min

Ins polnische Wielun brachten deutsche Flieger vor 80 Jahren den Tod – Zum Gedenken kommt der Bundespräsident
Veröffentlicht:01.09.2019, 06:00

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Mitten in der Nacht stürzten Feuer und Tod vom Himmel. Viermal ließen deutsche Piloten am 1. September 1939 Brand- und Sprengbomben in die schlafende Kleinstadt Wielun krachen, rund 20 km von der damaligen deutsch-polnischen Grenze entfernt. Immer wieder kehrten die Stukas, die Sturzkampfbomber, zurück, rasten mit Sirenengeheul auf einzelne Gebäude zu, verfolgten flüchtende Männer, Frauen und Kinder. Nach einem Tag lag das 15 000-Seelen-Städtchen in Schutt und Asche. Zerstört waren der mittelalterliche Stadtkern und das Krankenhaus, waren Kirchen und die große Synagoge.

In diesem Jahr wird in Wielun mit Frank-Walter Steinmeier zum ersten Mal ein deutscher Bundespräsident an den Gedenkfeiern zum Kriegsausbruch in teilnehmen. Die 19-jährige Wieluner Abiturientin Weronika hofft, dass es nicht wieder nur bei den Sätzen „Ich schäme mich“ und „Ich bitte um Vergebung“ bleibt. „Steinmeier sollte uns die Angst vor den Deutschen nehmen und sagen, dass wir Polen uns heute auf die Deutschen verlassen können, dass die Deutschen uns beistehen, wenn Not am Mann ist.“

Um 4.40 Uhr heulen die Sirenen

Selbst 80 Jahre nach Kriegsbeginn ist aber keineswegs klar, wo nun tatsächlich die ersten Bomben und Schüsse fielen – in Wielun um 4.40 Uhr oder in Danzig auf der Westerplatte um 4.45 Uhr? Die Zeitzeugen in Wielun wurden erst viele Jahre nach Kriegsende zum ersten Mal befragt. Sie können sich geirrt haben. Dem Zeitsystem an Bord der damaligen Luftwaffe entsprechend fand der Angriff auf Wielun erst eine Stunde später statt. „Ich bin in Wielun aufgewachsen, und hier heulen die Sirenen jedes Jahr um 4.40 Uhr“, sagt der Schweißer und Rockmusiker Piotr Walaszczyk. „Aber letztlich ist es doch egal, wo nun die ersten Bomben fielen“, ergänzt er.

Wielun steht für das erste Kriegsverbrechen der Nazis, begangen am ersten Tag des Krieges. Danzig und die Westerplatte hingegen stehen für die mutige Gegenwehr der dort stationierten polnischen Soldaten. „Ich kämpfe gegen Hass und Rassismus, wie er leider unter jungen Leuten wieder stärker wird“, sagt Walaszczyk zum Gedenktag. „Es wäre gut, wenn der deutsche Bundespräsident uns eine allgemeingültige Lehre aus der deutschen Geschichte mitbringen könnte, eine Warnung vor der Katastrohe, zu der Hass und Nationalismus führen können.“

Am Sonntag, den 1. September, werden die Präsidenten Steinmeier und Andrzej Duda um 4:40 Uhr der Opfer in Wielun gedenken. Doch nicht nur die genaue Uhrzeit, auch die Zahl der Opfer steht bis heute nicht genau fest: Sie schwankt zwischen 127, knapp 1200 und rund 2000. Namentlich bekannt sind nur einige Dutzend Opfer, darunter viele Wieluner Juden, die im Zentrum der Stadt wohnten. Danach machen die beiden Präsidenten einen kleinen Rundgang durch das damals zerstörte Stadtzentrum. Sie legen Kränze an den Fundamenten der Erzengel-St.-Michaels-Kirche aus dem 13. Jahrhundert nieder. Die Kirche trug in der ersten Bombennacht zwar nur Schäden an einem Seitenflügel davon, wurde aber unter deutscher Besatzung Ziegel für Ziegel abgetragen. Die Kirche wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut.

Danach werden beide Präsidenten Kerzen am symbolischen Denkmal für die große Synagoge anzünden. „Das ist ein ganz wichtiger Punkt des Besuchs“, sagt die Lehrerin Agnieszka Wolicka-Mysakowska, die sich seit Jahren dafür einsetzt, dass das Andenken an die Wieluner Juden auch im Stadtbild Wieluns sichtbar wird. „Immerhin war jeder dritte Wieluner ein Jude oder eine Jüdin. Die Nazis haben sie alle ermordet – über 5000 Menschen.“ Viele seien bereits in der ersten Bombennacht ums Leben gekommen, die anderen dann entweder im Wieluner Ghetto oder im Vernichtungslager Kulmhof am Ner im sogenannten Warthegau.

Zum Schluss besichtigen beide Präsidenten noch eine neue multimediale Ausstellung zur Bombardierung der polnischen Kleinstadt vor 80 Jahren. Zeitzeugen, damals zumeist kleine Kinder, werden erzählen, wie sie die erste Bombennacht, die totale Zerstörung ihrer Heimat und den Tod von Familienmitgliedern und Nachbarn in den zusammenstürzenden und brennenden Häusern erlebten.

Doch auch in der Ausstellung werden die Präsidenten keine endgültige Antwort auf die Frage finden, warum die Nazis ausgerechnet die Kleinstadt Wielun zu einem ihrer ersten Kriegsziele bestimmten.

Terror oder grausame Übung?

War es Terror, um Panik, Angst und Schrecken unter den Polen zu verbreiten und so deren Kampfgeist zu schwächen? Oder ging es darum, die neuen Stukas auszuprobieren und das Teppichbombardement zu üben – ohne Rücksicht auf Verluste? Militär jedenfalls war in Wielun nicht stationiert, Kasernen gab es nicht, nur zwei Bataillone einer Art Bürgerwehr unter der Zivilbevölkerung. Wielun selbst vergleicht sich oft mit dem spanischen Guernica, das 1937 ebenfalls von Deutschen aus der Luft zerstört wurde und weltweit als Symbol für deutsche Kriegsverbrechen gilt.

Um 12 Uhr beginnt die Hauptgedenkfeier in Warschau auf dem zentralen Pilsudski-Platz. Obwohl sich 40 ausländische Delegationen mit insgesamt 250 Gästen angesagt haben, werden nur zwei Präsidenten eine Gedenkrede zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns halten: Andrzej Duda und Frank-Walter Steinmeier. US-Präsident Donald Trump, dessen Besuch von polnischen Politikern wie Publizisten als der wichtigste von allen eingestuft worden war, sagte kurzfristig wegen eines in den USA drohenden Hurrikans ab.

Viele hatten erwartet, dass er an seinem zweiten Besuchstag in Warschau die Verlegung von rund 1000 oder mehr amerikanischen Soldaten von Deutschland nach Polen verkünden werde. Sie sollen wie auch alle bisherigen Nato-Soldaten auf polnischem Boden alle paar Monate den Standort wechseln, also keine feste Nato-Basis bilden.

Die Ostseestadt Danzig, in der bislang die Hauptgedenkfeiern zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stattfanden, spielt in diesem Jahr nur eine lokale Rolle. An einer kleinen Zeremonie werden Polens Premier Mateusz Morawiecki und Frans Timmermans, der stellvertretende Vorsitzende der Europäischen Kommission, teilnehmen. Die nationalpopulistische PiS-Regierung nimmt es der Danziger Oberbürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz und dem Stadtrat von Danzig übel, dass diese in einer weltoffenen Stadt leben wollen, in der auch die deutsche Vergangenheit ihren Platz hat – und nicht vollständig als Nazi-Geschichte verworfen wird. Vor kurzem enteignete Polens Parlament mit seiner PiS-Mehrheit die Stadt und übertrug einen großen Teil der Danziger Westerplatte an den Staat.

Hier soll ein Westerplatte-Museum entstehen, das die bislang authentischen Ruinen des Munitionsdepots und der polnischen Kasernen ersetzen soll. In den letzten Monaten veränderte bereits der neu eingesetzte und PiS-nahe Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs die Opferzahlen in der Ausstellung, so dass Polen nun als dasjenige Volk erscheint, das im Zweiten Weltkrieg – prozentual gesehen – am meisten Opfer zu beklagen hatte. Dabei sollte das vom renommierten Historiker Pawel Machcewicz konzipierte Danziger Museum die Opferperspektive aller unter Nazi- und Sowjet-Okkupation leidender Gesellschaften zeigen. Die PiS-Regierung kündigte unterdessen an, am 1. September den Grundstein für das neue Westerplatte-Museum legen zu wollen – gegen den erklärten Willen der Stadt Danzig und der meisten ihrer Bürger.