Journalismus

Medienforscher Klaus Meier: „Wir erleben eine Art Sternstunde für regionalen Journalismus“

Weingarten / Lesedauer: 7 min

Journalismusforscher Klaus Meier spricht darüber, was Medien in der Coronavirus-Krise leisten – und was sie besser lassen sollten
Veröffentlicht:05.04.2020, 05:00
Aktualisiert:14.04.2020, 08:33

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Die Coronavirus-Krise ist auch für den Journalismus eine Herausforderung. Sebastian Heinrich hat darüber mit Klaus Meier gesprochen, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt .

Herr Meier, die Regierungen mehrerer Bundesländer – darunter Baden-Württemberg und Bayern – haben Journalisten seit Ausbruch der Coronavirus-Krise als „systemrelevant“ eingestuft, neben Berufen wie Rettungskräften und Supermarktangestellten. Zurecht?

Ja, absolut. Die Journalismusforschung, Berufsverbände und viele andere weisen seit Langem darauf hin, dass kritischer und unabhängiger Journalismus systemrelevant für die Demokratie und eine offene Gesellschaft ist. Dass er jetzt in der Corona-Krise auf dieselbe Stufe gehoben wird wie Gesundheitsberufe, darauf sollten wir auch nach dieser Krise noch zurückkommen, wenn es darum geht, wie wir als Gesellschaft einen unabhängigen Journalismus auch finanziell langfristig ermöglichen können oder gegen Angriffe von demokratiefeindlichen Gruppierungen schützen.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht guten regionalen Journalismus in akuten Krisen wie dieser aus?

Wir erleben derzeit eine Art Sternstunde für lokalen und regionalen Journalismus. Der Informationshunger der Menschen ist enorm. Viele Redaktionen greifen das auf und leisten da Bemerkenswertes. Das wichtigste Qualitätskriterium ist jetzt Vielfalt, also alle möglichen Fragen aufzugreifen: Zum Einen die Bekämpfung des Virus, die Durchsetzung der beschlossenen staatlichen Maßnahmen. Zum Anderen die Probleme und Nebenwirkungen dieses Shutdowns für die Menschen zu thematisieren: für die Menschen in den Krankenhäusern, für Unternehmer, Selbstständige, Künstler, die damit zu kämpfen haben – oder Sportler und Schüler, gerade auch Abiturienten. Die Auswirkungen zu thematisieren für psychisch Kranke, für Behinderte, für Familien in problematischen Verhältnissen. Es ist ein riesiges Themenspektrum, das jetzt auf der Straße liegt. Gleichzeitig muss auch immer offen diskutiert werden können, wie angemessen die massiven Einschränkungen der Freiheitsrechte mit ihren Nebenwirkungen sind und wie sie wieder zurückgenommen werden können.

Viele Medienhäuser verzeichnen in diesen Krisentagen deutlich höhere Reichweiten und Abo-Abschlüsse. Was ist aus Ihrer Sicht daraus zu lernen?

Das ist schwer zu sagen, weil es eben eine absolute Ausnahmesituation ist. Wenn man dauerhaft etwas lernen kann, dann ist es der Ansatz, Themen immer von den Menschen, den einfachen Bürgern aus zu denken, von ihren Fragen – und nicht nur aus Sicht der Eliten in Politik, Wirtschaft und Kultur. Daraus sind ja schon Rubriken geworden: Leser fragen – wir recherchieren. Das könnte man öfter machen, auch bei anderen Themen. Und dieser Ansatz, Themen und Probleme von den Menschen vor Ort aus zu denken, der zeichnet ja gerade auch den Lokal- und Regionaljournalismus aus.

Denken Sie, dass dieser Vertrauenszuwachs nach der Krise bleibt?

Auch das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass man Abonnenten halten kann, wenn man ihnen überzeugende Angebote macht, wenn man die Menschen in den Mittelpunkt stellt – und auch nach Ende der Beschränkungen weiter über die Nachwirkungen dieser Krise spricht. Das Interesse an der Corona-Krise wird nachhaltig bleiben.

Kontaktverbote, soziale Distanzierung, Schließungen von Geschäften: Die Landesregierungen haben in der Corona-Krise Freiheitsgrundrechte der Bürger erheblich eingeschränkt. Manche Beobachter erheben den Vorwurf, viele Medien nähmen das unkritisch hin. Ist das berechtigt?

Ich würde da das Fernsehen viel stärker kritisieren als die regionalen Medien. In den TV-Nachrichten und -Sondersendungen haben wir lange gerade zu Beginn der Krise kaum eine kritische, vielfältige Herangehensweise gesehen – sondern eher den Antrieb zu transportieren, was einzelne Chef-Virologen empfehlen und die Politik gehorsam und uneingeschränkt umsetzt, und das nicht in Frage zu stellen, um das Virus nur ja nicht zu verharmlosen. Das ist sicherlich auch wichtig, aber nicht um den Preis, eine distanzierte und vielfältige Perspektive komplett über Bord zu werfen. Gerade in den ersten drei Märzwochen hat man da die nationale Öffentlichkeit wenigen Virologen überlassen, die man zu unfehlbaren Medienstars aufgebaut hat – vor dem Hintergrund der immer wieder inflationär gezeigten Bilder von Särgen aus der Lombardei. Große Angst schafft immer viele Möglichkeiten, widerstandslos Grund- und Menschenrechte einzuschränken. Dieser Mechanismus sollte uns klar sein. Wir müssen in einer demokratischen Öffentlichkeit immer auch Platz für Zweifel, andere Meinungen und verschiedene Perspektiven einräumen. Auch die Virologen sind sich nicht einig; das wird jetzt sehr spät auch im Fernsehen mehr und mehr thematisiert. Wissenschaftler müssen sich irren dürfen. Sie müssen in der Forschung sogar daran arbeiten zu beweisen, dass die Wissenschaft sich geirrt hat. Wissenschaft, also die Suche nach Wahrheit, muss per se mit Unsicherheit leben. Deshalb ist es grundfalsch, Wissenschaftler als unfehlbare Medienstars aufzubauen. Und: Wissenschaftler sind Experten in ihrem je eigenen Fachgebiet. Deshalb braucht es in der demokratischen Gesellschaft Journalismus: einen recherchierenden, distanzierten Journalismus, der verschiedene Perspektiven, auch verschiedene Fachgebiete befragt. Es ist jetzt auch wichtig, offen über mögliche Exit-Strategien aus den Beschränkungen zu diskutieren, also diese Fragen nicht zu unterdrücken – nur, weil wir befürchten, dass einzelne Menschen die nötigen Restriktionen nicht ernst nehmen.

Die meisten Journalistinnen und Journalisten – in unserem wie in anderen Medienhäusern – arbeiten wegen der Einschränkung durch die Corona-Krise aus dem Home Office, Pressekonferenzen finden nur noch per Videostream statt, Protagonisten persönlich zu besuchen ist schwerer als vorher. Was ist Ihre Einschätzung: Schaffen regionale Medien es trotzdem, einen guten Job zu machen?

Es gibt da natürlich noch keine Studien – aber ich nehme schon hervorragende Beispiele dafür wahr, wie Lokal- und Regionalmedien mit der Krise umgehen. Ich denke, das liegt auch daran, dass vieles, das die Branche sonst beschäftigt und belastet, in den Hintergrund gerät: die Frage, wie man künftig Journalismus finanziert, die Arbeitsverdichtung, das Ausdünnen von Redaktionen und so weiter. Jetzt geht es vor allem um die Urfrage des Journalismus: Wie können wir die Fragen unserer Leser beantworten? Was können wir jetzt tun, um gut journalistisch zu arbeiten? Wie lange das anhält, kann man nicht sagen, weil ja die aktuelle Krise auch die ökonomischen Probleme von Regionalzeitungen verschärft, wenn Anzeigeneinnahmen einbrechen. Aber Krisenzeiten fordern den Journalismus immer heraus - und spornen Journalisten zu Höchstleistungen an.

Viele Medienhäuser haben seit dem Beginn der Coronavirus-Krise neue Formate gestartet. Gibt es da etwas, das Sie besonders bemerkenswert finden?

Ich würde gerne etwas aufgreifen, was einerseits toll gemacht, aber andererseits hochproblematisch ist: Das sind Formate, die Zahlen zur Pandemie aufbereiten – interaktive Grafiken, die super gemacht sind und die viele Nutzer auch stark interessieren. Aber das führt dazu, dass man diese Zahlen wie Tabellenstände im Sport miteinander vergleicht: Sind wir jetzt schon wie Italien oder Spanien? Wie schneiden die USA ab? Wie stehen die Bundesländer und Landkreise in Deutschland da? Wer überholt wen? Die Zahlen werden für bare Münze in Echtzeit genommen. Aber auch wenn die Zahlen sauber recherchiert sind, können sie gar nicht das leisten, was man von ihnen erwartet: nämlich ein getreues Abbild der Wirklichkeit zu sein. Diese Zahlen erzählen die Geschichte nur einseitig, schmal und mitunter auch schief. Wenn es zum Beispiel heißt: „Zahl der Infizierten“ – dann stimmt das nicht. Es ist die Zahl der bekannten positiven Tests. Die Zahl der positiv Getesteten international zu vergleichen, macht gar keinen Sinn. Es gibt Länder, wo nur diejenigen getestet werden, die in die Klinik eingeliefert werden, in Deutschland wird dagegen vergleichsweise breit getestet, in anderen Ländern noch viel breiter. Auch der tägliche oder gar stündliche deutschlandweite Vergleich hinkt: In manchen Regionen dauern die Tests zwei Tage, in anderen fünf bis zehn Tage. Man sollte immer wieder darauf hinweisen, welchen Hintergrund und welche Schwächen diese Zahlen haben. Journalisten sollten diese Zahlenfixiertheit hinterfragen und die Gültigkeit der Zahlen relativieren. Und Mediennutzer sollten sich nicht nur über Zahlen oder Tabellen informieren, sondern lieber zweimal am Tag längere Texte lesen, die diese Zahlen einordnen.

Zur Person: Klaus Meier ist Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt. Nach Stationen als Journalist, Berater und Coach war Meier von 2001 bis 2009 Professor für Journalistik an der Hochschule Darmstadt. Von 2009 bis 2010 leitete er den Lehrstuhl für crossmediale Entwicklungen des Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. (se)