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Erdgas

Unionsfraktions-Vize wirbt für Fracking in Deutschland

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Unions-Fraktionsvize Steffen Bilger will weniger Importe und mehr Gasförderung in Deutschland. Dafür setzt er auch auf Fracking.
Veröffentlicht:26.01.2023, 19:00

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Russlands Angriff auf die Ukraine und seine Folgen haben den Deutschen ihre Abhängigkeit von Energie-Importen aus dem Ausland deutlich vor Augen geführt. Um das Pipeline-Gas aus Russland zu ersetzten, werden unter anderem Terminals für Flüssiggas im Rekordtempo an deutschen Häfen aufgebaut. Dort sollen vor allem Lieferungen aus den USA und aus Katar ins Netz gespeist werden.

Nach Ansicht von Steffen Bilger, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag, sollte Deutschland aber vor allem die heimische Produktion steigern – und dabei auch auf Fracking zurückgreifen. Bei dieser Fördermethode werden mit hohem Druck Flüssigkeiten in tiefe Gesteinsschichten gespritzt, die dadurch aufbrechen und Erdgas freigeben.

Die Methode ist in der Bevölkerung umstritten, Kritiker fürchten eine Verunreinigung von Trinkwasser. Warum er die Argumente als nicht stichhaltig betrachtet und weshalb er insbesondere den Grünen Doppelmoral vorwirft, erläutert der CDU-Abgeordnete aus Ludwigsburg im Interview.

Anfang Januar ist in Wilhelmshaven der erste Tanker mit Flüssiggas aus den USA vor Anker gegangen. Eine gute Nachricht für Deutschland?

In Anbetracht der großen Probleme, die wir in Deutschland bei der Energieversorgung haben, ist das eine gute Nachricht. Trotzdem müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir Energie-Importe reduzieren können. Wir sind auch jetzt noch zu abhängig von Lieferungen aus dem Ausland. Wir haben auch in Deutschland große Gasvorkommen. Zum Teil werden sie genutzt, in Niedersachsen werden sogar Vorkommen neu erschlossen.

Und dann gibt es enorme Gasvorkommen in Schiefergestein, an die man nur mit so genanntem unkonventionellen Fracking, also dem Aufbrechen des Gesteins, herankommen würde. Das ist in Deutschland bislang verboten. Stattdessen importieren wir Gas aus den USA, das auf diese Weise gewonnen wurde. Das ist ein Widerspruch, über den wir eine offene und nüchterne Debatte brauchen.

Seit 2016 gilt das Fracking-Verbot in Deutschland. Wollen Sie es kippen?

Ich habe im Bundestag damals selbst dafür gestimmt. So wie ich auch für den Atomausstieg gestimmt habe. Der Ukrainekrieg und seine Folgen haben aber alles verändert, gerade mit Blick auf die Energieversorgungssicherheit. Wir bauen LNG-Terminals. Kernkraftwerke bleiben zumindest ein paar Monate länger am Netz als ursprünglich geplant, auch wenn das aus meiner Sicht nicht lang genug ist.

Wirtschaftsminister Robert Habeck spricht sich inzwischen für CCS aus, also für die Absonderung und Speicherung von CO₂ unter der Erde. Die ganze Diskussionsgrundlage hat sich geändert. Da müssen wir uns ehrlich die Frage stellen, ob wir nicht noch stärker in der Pflicht sind, bei uns vorhandene Potentiale zu nutzen, anstatt die ganzen Lasten der Energiegewinnung ins Ausland zu verlagern.

Was spricht für Fracking in Deutschland, was 2016 als Argument noch nicht zählte?

Drei Gründe: Fracking würde uns unabhängiger vom Ausland machen. Verbraucher und Unternehmen könnten mit niedrigeren Energiekosten rechnen, denn Importe sind sehr teuer. Und drittens geht es schlicht um die CO₂-Bilanz. Gas, das wir jetzt aus den USA bekommen, wird dort mithilfe von Fracking gewonnen, wird verflüssigt, transportiert, und dann wieder in gasförmigen Zustand umgewandelt.

All das sorgt dafür, dass die Klimabilanz dieses Gases aus den USA dreimal so negativ ist wie beim Gas, das wir aktuell hierzulande fördern. Darüber müssen wir reden, wenn wir es mit dem Klimaschutz wirklich ernst meinen.

Dann müssen Sie auch über die Verunreinigungen von Grundwasser durch Fracking reden, die in den USA nachgewiesen wurden. Warum sollte dieselbe Technologie in Deutschland störungsfrei funktionieren?

Die Negativbeispiele aus den USA haben viel in der Diskussion hierzulande kaputt gemacht. Die Technologie hat sich weiterentwickelt, sie ist mit wesentlich weniger Risiken verbunden. Der Schutz von menschlicher Gesundheit und Umwelt muss immer oberste Priorität haben. Sollten wir die Technologie bei uns nutzen, dann setzen wir selbst die Sicherheitsstandards. Und die wären bestimmt die strengsten weltweit.

Mir geht es um eine ganz grundsätzliche Frage: Endet unser Umweltgewissen wirklich an der deutschen Grenze? Ist es verantwortbar, gefracktes Gas aus dem Ausland zu importieren, egal unter welchen Bedingungen es dort gefördert wurde? Und dann transportieren wir es auch noch mit einem ganz enormen zusätzlichen CO₂-Ausstoß um die halbe Welt? Wirtschaftsminister Habeck ist mittlerweile oberster Importeur von US-Frackinggas, aber gegen die Nutzung der Technologie in Deutschland. Das ist grüne Doppelmoral.

Müssen Sie dann nicht der Mehrheit der Gesellschaft Doppelmoral vorwerfen? Eine vom WWF in Auftrag gegebene Umfrage ergab im November trotz Ukrainekrieg und Energiekrise weiterhin eine klare Mehrheit gegen Fracking in Deutschland.

Wir brauchen eine nüchterne, faktenorientierte Diskussion. Eine solche hat übrigens auch dazu geführt, dass aus der klaren Ablehnung der Kernenergie eine große Mehrheit für deren Weiternutzung wurde.

In Baden-Württemberg werden Gasvorkommen vor allem in der Region nordöstlich des Bodensees vermutet. Könnten Sie sich Fracking auch hier vorstellen?

Es geht nicht um die Bodenseeregion. Es geht um Regionen im Norden Deutschlands. Das sage ich nicht, weil ich Baden-Württemberger bin, sondern weil das die klare Aussage der Wissenschaft ist. Die Debatte in Baden-Württemberg wird emotional geführt, der Bodensee versorgt wesentliche Teile des Landes mit Wasser.

Der Schutz des Trinkwassers hat überall oberste Priorität. Ganz grundsätzlich gilt: Frackinggas wird in sehr großer Tiefe gewonnen, weit weg von den Grundwasserschichten. Hier brauchen wir mehr Rationalität in der Debatte.

Bis die Förderung wirklich anläuft, würde es einige Jahre dauern. Käme deutsches Frackinggas in der aktuellen Energiekrise nicht viel zu spät?

Wenn Minister Habeck einen Vertrag mit Katar abschließt, in dem es um Lieferzeiten bis 2041 geht, dann lohnt es sich schon, über die Chancen der heimischen Erdgasgewinnung als kostengünstigere Alternative mit besserer Umweltbilanz nachzudenken. Dass der Einsatz neuer Technologien in Deutschland auch schnell gehen kann, sehen wir beim Bau der LNG-Terminals.

Ich halte nichts davon, noch über Jahrzehnte mit Kohle und Gas zu planen, denn wir wollen ja klimaneutral werden. Gas ist als Brücke in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien und der Wasserstoffwirtschaft aber vorerst weiterhin erforderlich. Und ich bin dafür, dass wir dafür stärker heimisches Erdgas in den Blick nehmen, denn das hat eine bessere CO₂-Bilanz als importiertes.