Rathaussturm

Fasnet und Krieg in Europa - passt das zusammen? - Leser von Schwäbische.de reden Klartext

Ravensburg / Lesedauer: 7 min

Hier und da finden auch in der Öffentlichkeit Fasnets-Veranstaltungen statt. Doch daran gibt es auch Kritik mit Verweis auf das Töten und Sterben in der Ukraine. So reagieren unsere User.
Veröffentlicht:28.02.2022, 15:45
Aktualisiert:02.03.2022, 13:57

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Mit einem «Rathaussturm» außerhalb des Rathauses hatten Narren im oberschwäbischen Weingarten am «Gumpigen Donnerstag» zur Fastnacht das Regiment an sich gerissen. Damit feierten sie den Auftakt in die Hochphase der schwäbisch-alemannischen Fastnacht - trotz Corona-Pandemie und des russischen Einmarsches in die Ukraine .

«Unsere Gedanken sind jetzt natürlich bei den Menschen dort, die eventuell fliehen müssen», sagte die Zunftmeisterin der Plätzlerzunft Altdorf-Weingarten, Susanne Frankenhauser. «Aber wir brauchen trotzdem einen Anker für unsere Gesellschaft - und die Fasnet ist so etwas.»

Ähnlich sieht das auch der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, Roland Wehrle , im Gespräch mit Schwäbische.de. "Ich war geschockt, aber habe mir gesagt, wenn wir die Fasnet immer absagen, wenn es auf dieser Erde kriegerische Auseinandersetzungen gibt, dann müssten wir konsequenterweise jedes Jahr auf die Fasnacht verzichten."

"Ich nehme Anteil und es betrifft mich auch sehr. Die Stimmung ist gedämpft, das ist gar keine Frage", so Wehrle weiter. "Wir hatten am Donnerstag um acht Uhr eine Narrenmesse, auch da wurde daran erinnert und dafür gebetet, dass Frieden auf der Welt einkehrt. Wir können nur hoffen, dass Putin noch Vernunft walten lässt."

Im Rheinland wollten eigentlich die Kölner Karnevalisten einen Rosenmontagszug im Stadion machen. Doch unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges haben sie ihn abgesagt - stattdessen sollte es eine Friedensdemo geben, bei der Kostüme aber ausdrücklich erwünscht waren.

Wir haben unsere Userinnen und User gefragt:

"Fasnet und Krieg in Europa - passt das zusammen?"

Hier ein Auszug an Antworten:

Wertvolle Ablenkung vom Krieg.

Natürlich ist der Krieg fürchterlich. Allerdings können unsere Narren daran gar nichts ändern. Daher bin ich froh, dankbar, wenn sie uns ein paar lustige Stunden bereiten, damit sind die Menschen hier abgelenkt.

Für mich waren die Umzugsbilder aus Weingarten eher befremdlich.

Annette S.: Das muss jeder mit seinem Gewissen vereinbaren. Ich könnte nicht Halligalli machen, mit dem Wissen, dass 2000 km von uns entfernt Menschen ums Überleben kämpfen und unter Umständen der komplette Weltfrieden den Bach runtergeht. Wie müssen sich die ukrainischen Landsleute, die bei uns leben, da fühlen. Aber vielleicht haben die Feiernden einfach nur Angst vor der Realität oder eine enorme Ichbezogenheit (ICH feiere, MIR gehts gut). Für mich waren die Umzugsbilder aus Weingarten eher befremdlich. Große Hochburgen machen vor, wie es auch gehen kann. Bravo Köln. Ich wünsche kein Breisgau Ofaloch ich wünsche uns allen ein friedliches und lebenswertes Miteinander für uns unsere Kinder und Enkelkinder und alle die danach kommen.

Nein!

Urs S.: Nein - Fasnet und Krieg passen nicht zusammen.

Nie und nimmer kann ich das gutheißen.

Sylvia H.: Was müssen die Menschen in der Ukraine denken, wenn wir im Angesicht dieser menschlichen Tragödien in der Ukraine Humpa Humpa tätterä machen? Nie und nimmer kann ich das gutheißen.

Ich sehe kaum mehr fröhliche Menschen um mich.

Roswitha H.: So schrecklich das alles ist, sollten wir nicht ganz unsere Fröhlichkeit aufgeben. Ich sehe kaum mehr fröhliche Menschen um mich. Aber spenden sollten wir für die Betroffenen auf jeden Fall. Und Jammern hilft auch nicht, noch geht es uns gut. Wir haben zu essen und noch eine warme Stube.

Es gibt immer irgendwo auf der Welt Krieg.

Michael K.: Es gibt Corona, es gibt immer irgendwo auf der Welt Krieg. Wenn wir das alles berücksichtigen, können wir Fasching und unser ganzes Leben abschaffen.

Wäre es nicht sinnvoller, mal innezuhalten, zur Ruhe zu kommen?

Sabine H.: Meiner Meinung nach passt das nicht zusammen. Es denke sich einer mal aus, Familienangehörige oder Freunde wären in diese Situation involviert. Wäre es nicht sinnvoller, mal innezuhalten, zur Ruhe zu kommen? Wir stolpern von einer Krise und Misere in die nächste, aber das Volk tanzt auf der untergehenden Titanic.

Die größten Narren sitzen doch in Moskau, mit Narrenvater Putin.

Helmut M.: Die größten Narren sitzen doch in Moskau, mit Narrenvater Putin. Es gibt doch seit zig Jahrzehnten immer irgendwo auf diesem Planeten Krieg. Wenn man sich das alles zu Herzen nehmen soll und deswegen auf die eigene Fröhlichkeit verzichten soll, dann kann ich mir gleich die Kugel geben. Faschingstreiben muss jeder für sich entscheiden.

Am besten, wir hocken uns alle zu Hause hin, und warten bis alles vorbei ist.

Josef B.: Wie können wir nur weiter unseren Freizeitbeschäftigungen nachgehen, solange in der Ukraine Menschen sterben? Skifahren, Wandern, Disco, Ausgehen, usw.? Wie können wir ins Fußballstadion gehen, oder zu anderen Sportereignissen? Wie können wir ins Kino oder Theater gehen? Am besten, wir hocken uns alle zu Hause hin, und warten bis alles vorbei ist.

Denken die Menschen nicht an das Leid?

Alois R.: Nein, im Moment auf jeden Fall nicht. Ich hätte auf keinen Fall Lust, mich lustig zu verhalten. Da ist die Lage doch zu ernst. Denken die Menschen nicht an das Leid, das den Menschen zugefügt wird. Was muss da noch geschehen?

Fasnet zu feiern, heißt nicht automatisch, dass die Narren weniger Mitgefühl haben.

Anja M.: Grundsätzlich war auch mein erster Gedanke "wie kann man angesichts dieser schrecklichen Ereignisse an Fasnet denken?" Auf der anderen Seite müsste man dann konsequenterweise alles andere, was Spaß und Freude macht, auch verbieten oder absagen. Zum Beispiel müssten dann die Clubs wieder schließen, in denen schließlich auch getanzt und gefeiert wird. Und das jetzt, wo sie nach langer Corona-Zwangspause endlich wieder öffnen dürfen. Will man das und macht es Sinn? Nein, aus meiner Sicht nicht. Somit komme ich zu dem Schluss, dass wohl jeder für sich selbst entscheiden muss, auf was er/sie verzichten möchte. Fasnet zu feiern, heißt nicht automatisch, dass die Narren weniger Mitgefühl, Respekt und Solidarität für die Ukrainer (und die Menschen in anderen Krisengebieten) haben als andere. Wie immer sollte man auch hier unterschiedliche Ansichten gelten lassen und nicht verbal über die Andersdenkenden herfallen.

Beschämend für alle Narren.

Thomas M.: Der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, Roland Wehrle sagte: "Ich war geschockt, aber habe mir gesagt, wenn wir die Fasnet immer absagen, wenn es auf dieser Erde kriegerische Auseinandersetzungen gibt, dann müssten wir konsequenterweise jedes Jahr auf die Fasnacht verzichten." Also, da gibt es Krieg in Europa , zwei Flugstunden weg, und dann so eine Aussage - beschämend für alle Narren.

Es ist vermutlich keine Frage von Ja oder Nein und auch nicht von richtig oder falsch, sondern eher von angebracht und unangebracht.

Hermann D. : Es ist vermutlich keine Frage von Ja oder Nein und auch nicht von richtig oder falsch, sondern eher von angebracht und unangebracht. Was nicht passt, kann man ja passend machen, und sei es mit einem feschen "Narri - Narro" nach einem Gebet in der Narrenmesse. Das hat Stil - oder etwa doch nicht?

Dies ist eine völlig andere Kategorie als "irgendeine" kriegerische Auseinandersetzung, wie sie immer irgendwo stattfindet.

Birgit K.: Ich glaube, manche in der Vereinigung der Narrenzünfte haben die Tragweite dieses Krieges noch nicht verstanden. Dies ist eine völlig andere Kategorie als "irgendeine" kriegerische Auseinandersetzung, wie sie immer irgendwo stattfindet. Dieser Krieg betrifft uns direkt! Er kann (oder wird) unser Leben in Europa tiefgreifend verändern - und definitiv nicht zum positiven. Von daher wäre es schön gewesen, die Narrenzünfte hätten die Reißleine gezogen.

Ich denke, unsere Fasnet ist Brauchtum und darf stattfinden.

Joachim M.: In der Tat ist es absolut schlimm, was gerade in der Ukraine passiert! Meine Gedanken sind dort! Am Wochenende haben wir auf Wunsch von vielen vor unseren Fußballspielen eine Gedenkminute abgehalten - aber trotzdem gespielt! Ich denke, unsere Fasnet ist Brauchtum und darf stattfinden.