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Turbobeschleunigung

Tage der Angst, der Turbobeschleunigung und der Zuneigung: Was es bedeutet, jetzt Journalist zu sein

Politik / Lesedauer: 4 min

Was es heißt, in der Coronavirus-Krise Journalist zu sein – und woher ausgerechnet jetzt die Hoffnung kommt, dass es bergauf geht mit diesem wunderbaren Beruf
Veröffentlicht:05.04.2020, 12:00

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Zwei Stunden hatte ich noch. Der schwarze Cursor auf der weißen Seite auf dem Computerbildschirm blinkte, geschriebene Wörter: null. Neben meinen schweißnassen Händen auf dem Schreibtisch vollgekritzelte Notizblockseiten, in meinem Kopf ineinander verknäulte Gedanken, im Magen ein bitteres Ziehen. Ziemlich genau zehn Jahre ist das her, ich saß in einem Büro am Rand der Altstadt von Regensburg, in der Lokalredaktion der „Mittelbayerischen Zeitung“. Es war der Nachmittag, an dem sich entscheiden sollte, ob das was wird mit dem Journalismus und mir.

Im Februar 2010 habe ich zum ersten Mal eine professionelle Zeitungsredaktion betreten, es folgten: Interviews auf Esszimmerstühlen, Abendtermine bei Bürgerversammlungen in dampfig-heißen Wirtshäusern, die erste Beschimpfung durch einen Kommunalpolitiker, der erlösende Anruf vom Chefredakteur. Vier Jahre Volontariat, Ausbildung mit berufsbegleitendem Studium. Gespräche mit Menschen, die mir sechs Lebensjahrzehnte in den Block diktierten, der Schiedsrichter, der mit über 70 noch Fußballspiele leitete, der 17-Jährige, der aus Zivilcourage die Neonazi-Szene in seiner Kleinstadt dokumentierte. Später das erste Champions-League-Spiel von der Pressetribüne, das erste Interview mit einem Bundesminister. Und immer wieder die deprimierenden Gespräche mit den Untergangspropheten, in der Redaktion und außerhalb: Dass das mit dem Journalismus doch früher, vor diesem Internet, alles besser gewesen sei, dass es jetzt dahin gehe mit unseren Jobs. Mich hat mein erstes Jahrzehnt Journalismus in regionalen Medienhäusern etwas anderes gelehrt: Dieser großartige Beruf war nie so spannend wie in dieser Ära des digitalen Umbruchs.

Ein bisschen weniger Spannung könnte es dieser Tage schon sein. Es ist der Frühling der Coronavirus-Krise, es geht die Furcht um vor einer tiefen Rezession, die auch viele Medienhäuser in ihrer Existenz bedrohen kann.

Beim Blick auf die nächsten Wochen ist vielen von uns so bange wie einem Redaktionspraktikanten vor seiner ersten leeren Zeitungsseite.

Es sind aber auch Wochen der Turbobeschleunigung im Journalismus: Redakteurinnen und Redakteure arbeiten im Wohnzimmer und am Küchentisch, organisieren ihre Arbeit über Messenger-Dienste - und stellen fest: Es klappt auch so, und es klappt oft besser. Aus wichtigen Konferenzen werden Videoanrufe, aus unwichtigen werden E-Mails. Journalistinnen und Journalisten finden Tag für Tag neue Ideen, welche Folgen der Coronavirus-Krise beleuchtet werden müssen, welche Probleme man bisher übersehen hat.

Diese Krise, sie wirkt außerdem wie eine gigantische Lupe auf unseren Berufsstand: Deutlich wie selten wird sichtbar, welche Journalistinnen und Journalisten in Artikeln und Beiträgen über die Pandemie nur das eigene Weltbild spiegeln – und welche den Mut haben, sich dem Tempo dieses Virus anzupassen, sich also immer neue Fragen zu stellen, nie stehen zu bleiben mit der Erkenntnis. Das ist ja einer der wichtigsten journalistischen Tugenden: eigene Gewissheiten immer wieder abzugleichen an der sich wandelnden Realität – und die Erkenntnisse daraus mit dem Publikum zu teilen.

In den Wochen der Coronavirus-Krise zeigt sich, welch grandiose Hilfe uns die digitalen Kommunikationsmittel sind.

Wie könnten wir in Zeiten der Selbstisolierung Tag für Tag weiter Antworten suchen bei den Selbständigen in Existenzangst, bei den mutigen Ärztinnen und Krankenpflegern, bei Unternehmenschefs, Bürgermeisterinnen und Landräten, Ministern und Regierungschefinnen, wenn wir nicht so umfassend vernetzt wären? Wie könnten wir erfahren, was die Menschen in der Region bewegt, wenn wir nicht ständig in Kontakt stünden mit Leserinnen unserer Zeitung und unseres Webportals, mit Zuhörern unserer Podcasts, mit Followern unserer Social-Media-Kanäle?

Ja, es sind dies Tage der Angst, die manchmal halszuschnürend wird, auch für uns: Weil auch wir Menschen kennen, die nicht nur Covid-19-Risikogruppenmitglieder sind, sondern Kollegin oder Freund, Mama oder Schwiegervater. Es sind Tage, in denen es freien Autorinnen und Autoren einen Großteil der Existenzgrundlage unter den Füßen wegspült, weil keine Volleyballmatches mehr stattfinden und keine Theaterstücke aufgeführt werden. Tage, in denen Unternehmen massenhaft Werbeanzeigen stornieren, es sind auch in Redaktionen Tage der Kurzarbeit.

Da ist aber auch etwas anderes. Da sind die Telefonate, in denen wir mit der Kollegin in zwei Minuten drei Ideen für neue Recherchen aushecken. Da sind die Podcast-Folgen, die wir mit einem Videoanruf und zwei Mikrofonen aus dem Home-Office aufnehmen – und in denen uns kluge Menschen eine Ahnung davon geben, wie diese Gesellschaft gut herauskommen könnte aus dieser Krise.

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Der Enthusiasmus in den Redaktionen und die Zuneigung unseres Publikums: Wenn uns beides weiter trägt, dann kommen wir gut heraus aus dieser Krise.