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Prostitution abschaffen? Bordellbesitzer gegen Sexkauf–Verbot

Berlin / Lesedauer: 6 min

Die Union plädiert für die Bestrafung der Freier nach schwedischem Vorbild. Kritiker wie viele Bordellbesitzer oder auch Annalena Baerbock fürchten Nachteile für Frauen.
Veröffentlicht:14.09.2023, 19:00

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Soll käuflicher Sex verboten werden nicht? Nach einem Vorstoß der CSU–Politikerin Dorothee Bär ist eine Diskussion über Prostitution in Deutschland entbrannt. Bär will die Einführung des Nordischen Modells wie in Schweden, bei dem zwar Käufer von Sexdiensten bestraft werden, Prostituierte aber nicht. „Deutschland hat sich zum Bordell Europas entwickelt“, sagte Bär der Bild–Zeitung. Deutschland sei mittlerweile weltweit attraktiv „als Land für Sex–Tourismus“.

In Schweden habe man laut Bär dagegen gesehen: „Mit einem Sexkauf–Verbot geht die Zahl der Prostituierten drastisch zurück.“ Ein Berliner Bordellbetreiber hält jetzt dagegen und das Nordische Modell für gefährliche Augenwischerei. Aurel Marx (Foto: privat) sagt: „Man muss das ganz klar sagen: Das nordische Modell ist in erster Linie für die Huren schlecht.“ Seit über 20 Jahren mischt Marx im Berliner Rotlicht–Milieu mit, offenbar erfolgreich. Er fährt einen noblen Siebener–BMW, trägt eine schicke Rolex und lebt im vornehmen Grunewald.

Bordellbesitzer gegen Verbot

In seinen aktuellen Bordellen wie etwa dem Candy–Shop im Bezirk Steglitz–Zehlendorf arbeiten rund 40 bis 50 Frauen -– „alle legal und alle angemeldet“, wie Marx betont. Das war aber nicht immer so. „Als ich um die Jahrtausendwende meinen ersten Escort–Dienst und meine ersten Bordelle aufgezogen habe, lief vieles noch anders“. Tatsächlich galt Prostitution bis 2002 als sittenwidrig, Huren konnten damit etwa keine Arbeitsverträge abschließen. „Also ist ganz vieles unter der Hand gelaufen und die Mädels waren letztlich immer auf den guten Willen von Menschen wie mir angewiesen.“

Dass es den nicht immer gab, räumt Marx auf Nachfrage ein: „Ja, es gehört zur Wahrheit dazu, dass ich nicht immer nett war. Wenn eine Frau nicht erreichbar war oder drei Freier abgelehnt hat oder sonst irgendwie keinen Bock hatte zu arbeiten, hab ich sie im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren Sachen in einer Ikeatüte auf die Straße gesetzt oder auch mal an den Haaren gezogen. Nicht cool, aber das war damals halt so.“

Mehr Illegalität befürchtet

Heutzutage sei das für ihn undenkbar. Marx: „Jetzt gar nicht mal, weil ich mich zum Gutmenschen entwickelt habe. Aber man kann ja auch einen Kellner oder Chauffeur oder eine Krankenschwester nicht einfach anbrüllen und an den Haaren ziehen, wenn sie schlecht arbeiten. Und das geht heute mit Prostituierten auch nicht mehr. Ist ja alles offiziell und gesetzlich geregelt.“ Nach seinen Worten genießen Prostituierte durch ihren gesetzlich verankerten Status den Schutz des Staates. „Und dieser Schutz wäre beim Nordischen Modell ganz einfach weg.“ Befürworter des Modells betonen oft, dass sich das Gesetz gegen Freier und nicht Frauen richten würden, da diese ja auch dann straffrei blieben, wenn sie bei der Sex–Arbeit erwischt würden.

Dazu sagt Marx: „Das ist doch Bullshit. Wenn Prostitution illegal ist, fliegt die ganze Branche ruckzuck unter dem Radar. Und wozu das führt, hat man wunderbar während den Bordell–Schliessungen in der Corona–Zeit gesehen.“

Auch Menschenrechtler gegen Sexkauf–Verbot

Als die legalen Sex–Betriebe im Rahmen der Verbote und Maßnahmen geschlossen wurden, seien nahezu zeitgleich illegale Wohnungsbordelle „wie Pilze aus dem Boden geschossen“, sagt Marx. In den illegalen Hinterzimmer–Bordellen der Corona–Zeit mussten die Frauen nach seinen Worten zu entwürdigenden Bedingungen arbeiten, waren den Hintermännern völlig schutzlos ausgeliefert und mussten „zu allem ja und Amen sagen, auch zu noch so abgedrehten Praktiken und Kundenwünschen, obwohl sich die Mädels absolut davor geekelt haben.“

Das hätten ihm „seine“ Frauen immer wieder erzählt, verbunden mit der Bitte, ihnen trotz Corona–Verboten anständige Kunden zu vermitteln. Marx winkte aber ab: „Keine Chance, ich riskiere doch nicht meine Lizenz und meine Existenzgrundlage. Die Frauen mussten also in die Ekel–Puffs, um Geld zu verdienen.“ Marx: „Und diese Situation hätten wir wieder, wenn das Nordische Modell kommt. Die Frauen werden leiden wie in den Corona–Puffs. Und ganz ehrlich: Ich kann mich umorientieren und mein Geld zur Not auch mit was anderem verdienen. Die allermeisten Prostituierten können das nicht.“

Ähnlich wie der Bordellbetreiber sehen das auch Menschenrechtsorganisationen wie etwa Amnesty International (AI). Nach Ansicht der Menschenrechtler würde Prostitution lediglich in einen unsichtbaren Bereich verschoben.

Nordisches Modell in der Kritik

Sexarbeitende wären dann ungeschützt in einer rechtlichen Grauzone tätig. Auch der Deutsche Frauenrat, der Deutsche Juristinnenbund und die Diakonie Deutschland sind Gegnerinnen des Nordischen Modells. Sie alle befürchten, dass Frauen dann unter deutlichen schlechteren Bedingungen arbeiten müssten. Die deutsche Parteienlandschaft ist gespalten: So setzte sich die SPD Baden–Württemberg zuletzt 2019 für „die Umsetzung des nordischen Modells in Deutschland und damit für ein Sexkaufverbot“ ein.

Auch die Frauenorganisation der SPD, die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, wünscht sich nach Angaben der Vorsitzenden Maria Noichl „für Deutschland das Nordische Modell, das Freier bestraft“, wie Noichl zuletzt der „Rheinischen Post“ sagte.

Die SPD–Fraktion in Nordrhein–Westfalen hingegen teilt mit: „Statt eines Sexkaufverbots bedarf es mehr Unterstützung für die Menschen, die diesem Beruf nachgehen. Wir müssen unseren Blickwinkel verändern: weg von der Stigmatisierung der Prostitution, hin zum Schutz in der Prostitution.“ Auch im aktuellen Positionspapier der SPD zum Thema Sexarbeit heißt es: „Ein Sexkaufverbot lehnen wir derzeit ab.“

Landesfrauenverband für Verbot

Auch die Grünen sind sich nicht einig. Zwar sagte die die frauenpolitische Sprecherin, Ulle Schauws, der dpa als Reaktion auf den CDU–Vorstoss für ein Sexkaufverbot: „Wir Grüne sehen ein Sexkauf–Verbot kritisch.“ Die Union mache es sich damit zu einfach. Schauws: „Wir wissen, dass Prostituierte durch ein Verbot in Gefahr laufen, in die Illegalität gedrängt zu werden.“

Der Landesfrauenverband Baden–Württemberg, der auch die Landesarbeitsgemeinschaft Frauenpolitik der Grünen vertritt, ist hingegen für das Nordische Modell. Zu den „positiven Effekten des Sexkauf–Verbotes gehören eine Reduzierung des Menschenhandels und der damit verbundenen Gewalt gegen Frauen“, heißt es in einer Stellungnahme.

Bearbock als bekannte Gegnerin

Auch Grünen–Schwergewicht Annalena Baerbock hat eine klare Meinung zu käuflichem Sex. Auf der Seite „Abgeordnetenwatch“ wurde sie 2021 gefragt, wie sie das nordische Modell zu Freier– und Zuhälterbestrafung beurteile. Baerbock stellte in ihrer Antwort zwar klar, dass Prostitution zwar „kein Job wie jeder andere“ sei. Dass „Frauen sexuelle Dienstleitungen anbieten, ist aber ihre Entscheidung“. Natürlich dürfe man nicht „die Augen vor den äußerst schwierigen Arbeitsbedingungen und den oft gefährlichen Begleitumständen dieser Tätigkeiten verschließen“, ein Verbot von Prostitution halte sie aber „nicht für zielführend“. Studien zu den Auswirkungen der gesetzlichen Regelungen in Schweden und anderen nordischen Ländern seien „umstritten, uneindeutig und von begrenzter Aussagekraft.“

Zwar würden besagte Studien zum Nordischen Modell nach Baerbocks Worten zeigen, „dass sich durch ein Verbot Straßenprostitution verringert. Unklar ist allerdings, ob es dadurch weniger Prostitution gibt, oder sie nur in weniger sichtbare Bereiche verdrängt wird“. Bei Einführung des Nordischen Modells sei laut Baerbock daher „von schwierigeren Bedingungen für die Prostituierten auszugehen, von mehr Illegalität, mehr Ausbeutung und Gewalt“.