Wunschzettel

Langer Wunschzettel: Das wünschen sich Soldaten aus der Region für die Bundeswehr

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Soldaten im Südwesten profitieren von den 100 Milliarden für die Bundeswehr. Bei ihnen hat sich viel Frust über die bisherige Situation und Ausrüstung angestaut.
Veröffentlicht:04.03.2022, 18:30
Aktualisiert:05.03.2022, 09:30

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Hubschrauber und Flugabwehrsysteme, Munition und Funkgeräte, aber auch Nachtsichtgeräte und Bekleidung für alle Klimazonen: Der „Fehlteilzettel“, den die verantwortlichen Offiziere in den Standorten der Bundeswehr im Südwesten seit Jahren vortragen, ist lang: „Mit der Ankündigung des Bundeskanzlers, dass die Bundesregierung der Bundeswehr ein Sondervermögen von 100 Milliarden zur Verfügung stellen wolle und dauerhaft mehr als zwei Prozent der Wirtschaftsleistung in die Verteidigung stecken will, steigen die Aussichten, dass unser lange schon bekannter Bedarf Beachtung findet“, sagt Oberstleutnant Josef Rauch . Als stellvertretender Vorsitzender des Bundeswehrverbandes in Süddeutschland zeigt Rauch an Beispielen auf, wo es an welchem Material besonders drastisch mangelt.

Von den 100 Milliarden Euro müssen allein fünf Milliarden für den künftigen Schweren Transporthubschrauber der Bundeswehr eingeplant werden. Schwere Transporthubschrauber sind für Einsätze des Militärs von zentraler Bedeutung. Das Hubschraubergeschwader 64 der wartet seit Jahren auf ein Nachfolgemodell für den in die Jahre gekommenen Transporthubschrauber Sikorsky CH-53G, der bis 2030 aus dem Betrieb genommen werden soll. 40 Maschinen sind in Laupheim stationiert, weitere 20 in Holzdorf (Brandenburg). Das erste Exemplar wurde der Bundeswehr 1972 übergeben. Im Kampfeinsatz in Afghanistan zählte die CH-53 zu den wichtigsten Transportmitteln der Bundeswehr.

Hersteller der Ersatzteile vom Markt verschwunden

„Bei alten Hubschraubern ist es wie bei alten Autos“, weiß Josef Rauch, „je älter, desto anfälliger.“ Die Einsatzbereitschaft der Laupheimer CH-53 liegt regelmäßig deutlich unter 50 Prozent, weil Ersatzteile fehlen: „Häufig gibt es die Hersteller der Ersatzteile gar nicht mehr, dann sind teure und zeitintensive Einzelanfertigungen nötig, von denen jedes einzelne die luftfahrtrechtliche Zulassung braucht.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb 2021: „Acht Jahre schrauben, um ein Jahr zu fliegen“.

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Ein Hubschrauber vom Typ CH-53 des Hubschraubergeschwaders 64 der Luftwaffe in Laupheim: Das Investitionsprogramm der Bundeswehr wird ein Nachfolgemodell für die 50 Jahre alten Maschinen beinhalten. (Foto: Ralf Hochrein / Bundeswehr/Schwäbische.de)

Ein Nachfolgemodell ist nicht im Anflug: Das Beschaffungsamt der Bundeswehr hatte das Verfahren aufgehoben, weil die Angebotspreise der Bieter deutlich über den im Bundeshaushalt für die Beschaffung der Hubschrauber veranschlagten Kosten gelegen hätten. Hier hofft Rauch, dass die Ausschreibung bald wieder beginnt, denn geeignete Modelle sind auf dem Markt: Der US-Hersteller bietet seine bewährte H-47 Chinook an: „Boeing und der H-47 Chinook stehen gemeinsam mit einem starken deutschen Industrieteam bereit, die Bundeswehr und ihre Missionen heute und über viele Jahrzehnte hinweg zu unterstützen.“ Rauch bedauert: „Der deutsche Ausschreibungsprozess dauert mehr als 18 Monate, während die Partnerländer einfach losgelöst vom europäischen Vergaberecht einkaufen.“

Zu wenig Munition für die modernsten Geschütze der Welt

Ein Blick auf den Standort Stetten am kalten Markt zeigt, wie umfangreich der Wunschzettel ist: „Für die Artillerie fehlt es an Munition“, weiß Josef Rauch, „das gilt auch für die Panzertruppe: großkalibrige Munition ist Mangelware.“ Die Vorräte für das Stettener Artilleriebataillon 295 mit seinen 16 Panzerhaubitzen 2000, immer noch die kampfstärksten und modernsten Geschütze der Welt, dürften im Ernstfall sehr endlich sein. „Klar aber ist, dass Vorräte massiv abgebaut wurden und die Depots für Munition, Kraftstoff und Ersatzteile aufgelöst wurden“, sagt Rauch.

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Die Panzerhaubitze 2000 des Artilleriebataillons 295 in Stetten am kalten Markt: Für die modernsten Geschütze der Welt steht nicht genug Munition zur Verfügung. (Foto: pm/Schwäbische.de)

Massiver Handlungsbedarf besteht auch bei den Flugabwehrsystemen zur Verteidigung von Bodentruppen wie beispielsweise dem Stettener Artilleriebataillon 295 : „Früher gab es die Heeresflugabwehr, die aber aufgelöst wurde“, erinnert sich Rauch. Mittlerweile hat die Luftwaffe diese Aufgabe übernommen, schreibt aber auf der eigenen Homepage über das Waffensystem Ozelot: „Dieses Waffensystem (...) hat seine Leistungsgrenze nun erreicht. Außerdem steht nur eine begrenzte Anzahl der Systeme zur Verfügung. Um diese notwendige Fähigkeit nicht zu verlieren, müsste schnellstmöglich über ein weiterentwickeltes Nachfolgesystem entschieden werden.“ Man ahnt es: Auch für Ozelot steht kein Ersatz bereit. Ein neues Luftverteidigungssystem wurde der Bundeswehr angeboten -allerdings hat der Haushaltsausschuss im Bundestag die Beschaffung des Zwölf-Milliardenprojektes verhindert.

40 Jahre alte Minenverlegesysteme

Frust schieben ebenfalls die Frauen und Männer des Panzerpionierkompanie 550, das ebenfalls in Stetten am kalten Markt stationiert ist: Da die Sperrfähigkeit zu Lande angesichts einer geänderten Bedrohungslage nach dem Ende des Kalten Krieges als nicht mehr sinnvoll angesehen wurde, verschrottete die Bundeswehr im Jahr 2011 ihre 300 Minenwerfer vom Typ Skorpion. Das Minenwurfsystem war in der Lage, eine Minensperre von 1500 Meter Länge und rund 50 Meter Breite in fünf Minuten zu legen, der Feind sollte nicht vorrücken können. Im Zuge der Neuausrichtung zur Bündnis- und Landesverteidigung waren Minenverlegesysteme wieder gefragt, der Skorpion aber lag auf dem Schrott.

Heute fast 40 Jahre alte Geräte, die Minenverlegesysteme 85, die offensichtlich ins Depot gewandert waren, wurden dort im im Jahr 2016 wieder herausgeholt. Heute müssen die Pioniere das Verlegen von Panzerabwehrminen mit diesem Ur-Alt-Material üben. Oberstleutnant Rauch erklärt: „Das Gerät, das so aussieht wie ein unförmiger Pflug und von einem Lkw gezogen wird, hinterlässt im Gegensatz zum Skorpion Spuren.“ Es sei deutlich weniger leistungsfähig moderne Systeme, deren Anschafung bisher nicht geplant war

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Soldaten stehen mit der neuen Nachtsichtbrille XACT nv33 am Helm: Immer noch fehlt es an persönlicher Vollausstattung. (Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Schwäbische.de)

Geradezu peinlich für die Soldaten ist der Mangel an digitalen Funkgeräten: „Der Funk auf unseren Gefechtsfahrzeugen ist nach wie vor analog“, berichtet Rauch. Bei multinationalen Übungen, wie sie beispielsweise die Soldaten des Donaueschinger Jägerbataillons 292 mit den französischen Kameraden aus der deutsch-französischen Brigade durchführen, komme es im Truppenfunk zu Kommunikationsproblemen, da die Franzosen längst digital funken.

Im Gefecht könne diese Verzögerung tödlich sein, fürchtet Rauch. Abhilfe ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Da das Koblenzer Beschaffungsamt der Bundeswehr bis heute keine Digitaltechnik beschaffen kann, wurde im vergangenen Jahr für 600 Millionen Euro das völlig veraltete Analoggerät „SEM 80/90“, das in den frühen 80er Jahren entwickelte Standardfunkgerät bei den Landstreitkräften der Bundeswehr, geordert. Bis heute seien diese in den meisten Bundeswehrfahrzeugen eingebaut.

Soldaten kaufen persönliche Ausrüstung privat ein

Bleibt ein Blick auf die persönliche Ausrüstung der Soldatinnen und Soldaten – und ein Rückblick auf den Jahresbericht des Wehrbeauftragten aus dem Jahr 2018. Schon damals waren alle gut 200 Männer und Frauen der Panzerpionierkompanie 550 auf dem Papier mit einer Nachtsichtbrille ausgestattet. In der olivgrünen Wirklichkeit aber waren genau drei dieser Geräte, den „Augen der Bundeswehr“ in der Kompanie vorhanden. Heute dürften es mehr sein, aber immer nicht 200. Auch hier gibt sich die Bundeswehr verschlossen.

Seitens der Bundeswehr ist das Ausstattungssoll für Einheiten und Soldaten festgelegt, aber bei Weitem nicht alles vorhanden. Doch genau dieser Mangel bei der stets versprochenen, aber nie verfügbaren Vollausstattung, führt zu Frust“, sagt Rauch, „die fehlenden Nachtsichtgeräte sind genauso zu nennen wie die nicht vorhandenen Splitterschutzwesten oder die nie eingetroffene Bekleidung für alle Klimazonen.“ Der Soldat, die Soldatin wisse sich zu helfen: „Dann kaufen wir das Material privat – und dann ist es innerhalb von drei Tagen ausgeliefert und nicht nach Jahren“