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Psychische Erkrankungen nehmen zu

Wie Kriege und Krisen uns krank machen

Politik / Lesedauer: 8 min

Die weltweiten Konflikte belasten auch in der Region die Bürger. Psychische Erkrankungen oder Überforderungen nehmen zu. Medizin allein löst die Probleme nicht.
Veröffentlicht:29.11.2023, 05:00

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Erst wollte sein Geschäft nicht mehr laufen, dann verließen Thomas Wedel (Name von der Redaktion geändert) auch die inneren Kräfte. Sein Körper, sein Geist und nicht zuletzt sein seelisches Gleichgewicht fielen in sich zusammen.

Ich war immer zielstrebig und leistungsorientiert.

Thomas Wedel

Was so gar nicht seinem Selbstbild entsprach. „Ich war immer zielstrebig und leistungsorientiert“, erklärt der 30-Jährige, der sich kurz vor der Corona-Pandemie am Bodensee als App-Entwickler selbstständig gemacht hatte. Anfangs noch mit Erfolg, wenn auch für einen hohen Preis, arbeitete er doch 14 Stunden am Tag, vernachlässigte Hobbys, Familie und Freunde.

Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Herzrhythmusstörungen

Die Pandemie zog ihm zunächst geschäftlich den Stecker, und damit wuchs auch der psychische Druck. Gedanklich schon überhitzt, fahrig und oft schlaflos, litt er schließlich an Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen und Herzrhythmusstörungen. Vor etwa zwei Wochen folgte dann der Systemabsturz. Schon am Morgen fühlte er sich leer und schwer auf der Brust. Konnte sich kaum bewegen und brach scheinbar grundlos in Tränen aus. Nun wartet er auf einen Termin beim Facharzt.

Krankmeldungen alarmierend hoch

Thomas Wedel wird womöglich Eingang finden in eine jener Statistiken oder Analysen, die schon jetzt ein alarmierendes Bild zeichnen. Darunter die Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“, in der das Robert-Koch-Institut (RKI) eine „bemerkenswerte Verschlechterung“ der psychischen Verfassung in der erwachsenen Bevölkerung erkennt. Verbunden mit einer Zunahme an Depressionen und Angststörungen bis in 2023 hinein.

Die Nachwirkungen der Pandemie, die Unsicherheit in Deutschland durch die vielen Krisen in der Welt: Das alles belastet die Psyche der Menschen zunehmend.

Sophie Schwab

Ähnlich fallen die Auswertungen der Krankenkassen aus. So spricht die AOK Baden-Württemberg von einem „extremen Jahr“ 2022 und einem Rekord an Krankmeldungen mit 48,8 Millionen ausgefallenen Arbeitstagen. Der Negativtrend hält an, wie die DAK Bayern bestätigt, die in diesem Sommer knapp ein Viertel mehr Fehltage verzeichnet wegen Depressionen, Angststörungen sowie Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfällen. „Die Nachwirkungen der Pandemie, die Unsicherheit in Deutschland durch die vielen Krisen in der Welt: Das alles belastet die Psyche der Menschen zunehmend“, erläuterte DAK-Landeschefin Sophie Schwab. „Dazu kommt, dass viele Branchen durch Personalmangel unter besonderem Druck stehen.“

Dauerstress durch Pandemie, Kriege und Arbeitswelt im Ausnahmezustand

Pandemie, Kriege und eine Arbeitswelt im Ausnahmezustand; ein Volk wähnt sich im Dauerstress. Den die einen recht gut verarbeiten, immer mehr Menschen dagegen schlecht bis gar nicht.

Diese Tendenz bestätigt auch Dennis Riehle aus Konstanz, Sprecher beim Bundesverband Burnout und Depression (BBuD) in Baden-Württemberg, der von einer Zunahme beim psychosozialen Beratungsangebot im Südwesten berichtet. „Gerade im letzten halben Jahr hat diese Dynamik noch einmal zugelegt.“

Verbunden damit sind erhebliche soziale Ängste vor einem wirtschaftlichen Abschwung, vor einem Wegbruch der Daseinsvorsorge.

Dennis Riehle

Die Betroffenen oder ihre Angehörigen klagen über Ausgebranntsein, Überforderung und Hilflosigkeit. Von einer Furcht, wie sich die zahlreichen Herausforderungen als Gesellschaft und auch als Einzelner bewältigen lassen. „Verbunden damit sind erhebliche soziale Ängste vor einem wirtschaftlichen Abschwung, vor einem Wegbruch der Daseinsvorsorge“, sagt Riehle.

Viele Krisen in schneller Abfolge machen uns Angst

Mag der Umgang mit äußeren Einflüssen unterschiedlich ausfallen, ganz frei machen kann sich von den Krisen kaum jemand, die gehäuft und in schneller Abfolge auftreten. „Entscheidend ist der kumulative Effekt durch die verschiedenen Faktoren, die uns sehr verunsichern und Angst machen“, erklärt dazu Professor Juan Valdés-Stauber, Direktor des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) für die Region Ravensburg-Bodensee.

Viele Krisen sind zwar weit weg, treffen uns jedoch indirekt durch steigende Verbraucherpreise, hohe Energiekosten, den Zuzug von Flüchtlingen oder die moralische Verantwortung.

Juan Valdés-Stauber

„Viele Krisen sind zwar weit weg, treffen uns jedoch indirekt durch steigende Verbraucherpreise, hohe Energiekosten, den Zuzug von Flüchtlingen oder die moralische Verantwortung“, so Valdés-Stauber. Aber auch direkte Effekte spielten eine Rolle, etwa durch die vielen Extremwetter mit Starkregen und Überschwemmungen infolge des Klimawandels oder den belastenden Temperaturanstieg.

Der Rechtsradikalismus ist in allen Ländern in Europa auf dem Vormarsch. Radikale Gruppierungen zu wählen, ist aber auch ein Symptom, eine Art Ventil, eine verzweifelte Flucht in eine extreme Position, weil wir mit den bisherigen Rezepten nicht weiterkommen.

Juan Valdés-Stauber

Dazu wirkt sich laut dem Experten auch die politische Entwicklung auf die seelische Gesundheit aus: „Der Rechtsradikalismus ist in allen Ländern in Europa auf dem Vormarsch.“ Und damit das Denken in Fronten, das von den Menschen als Bedrohung wahrgenommen werde. „Viele Leute, die trotzdem rechts wählen, blenden das aus“, sagt Valdés-Stauber, der an der Universität Ulm auch Philosophie lehrt. „Radikale Gruppierungen zu wählen, ist aber auch ein Symptom, eine Art Ventil, eine verzweifelte Flucht in eine extreme Position, weil wir mit den bisherigen Rezepten nicht weiterkommen.“

Für das Gute ist derzeit kein Platz

Eine Gemengelage, die verschärft wird durch die weltweite Vernetzung. „Durch die Globalisierung hängen wir im Guten wie im Schlechten zusammen. Für das Gute ist momentan aber nur wenig Platz. Für das Schlechte mit Kriegen, Umweltverschmutzung, Inflation und Klimakrise dafür sehr viel.“

Damit verbunden ist der drohende Verlust von Werten und Sicherheiten, die uns lange Halt gaben hinsichtlich Fortschritt, Lebensformen, Naturverhältnissen und Selbstbestimmung. „Wir haben ganz viele Selbstverständlichkeiten verloren“, sagt Valdés-Stauber, „sie sind gebrochen worden, erst durch die Pandemie und jetzt durch die nachfolgenden Krisen. Wir sind desorientiert.“

Vieles davon verdrängt der Mensch, um weitermachen zu können. „Oder wir sind seelisch vulnerabel. Besonders ältere Menschen und Kinder sind die großen Verlierer bei diesen Konflikten, vor allem von Corona, das weiter währt.“

Kinder und Jugendliche besonders belastet

In der Tat verharren psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen auf hohem Niveau, das geht aus einer DAK-Sonderanalyse hervor von rund 800.000 Abrechnungsdaten. „Die Ergebnisse sind sehr beunruhigend“, erklärt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der von einer Grenzerfahrung für Jugendliche spricht, verursacht durch die Corona-Pandemie, den Ukraine-Krieg und die Folgen des Klimawandels. „Das hat die innere Stabilität vieler Jugendlicher nachhaltig aus dem Lot gebracht.“

Man denkt, heutzutage sei die Bevölkerung mehr aufgeklärt über psychische Gesundheit. Tatsächlich aber empfinden sehr viele Menschen psychische Erkrankungen immer noch als Stigma, fürchten vielleicht negative Reaktionen der Öffentlichkeit.

Emily Gossmann

Wobei die allermeisten Kinder nicht an einer Erkrankung leiden, sich aber belastet fühlen können, wie Emily Gossmann vom Kompetenzbereich Prävention Psychische Gesundheit am Uniklinikum Ulm erklärt. „Die Chance, dass diese Belastung wieder reduziert wird oder ganz weggeht, ist größer, wenn die Betroffenen früh an Hilfe andocken. Diese Hilfe kann auch niedrigschwellig sein.“ Bei Weitem nicht jeder gesteht sich jedoch seelische Beschwerden ein oder vermag sich anderen anzuvertrauen. „Man denkt, heutzutage sei die Bevölkerung mehr aufgeklärt über psychische Gesundheit“, sagt Gossmann. „Tatsächlich aber empfinden sehr viele Menschen psychische Erkrankungen immer noch als Stigma, fürchten vielleicht negative Reaktionen der Öffentlichkeit.“

Medizin soll alle Probleme lösen

Die EU will das Bewusstsein dafür schärfen und schiebt eine Strategie für psychische Gesundheit mit 1,23 Milliarden Euro an. In Baden-Württemberg fördert die Landesregierung den Kompetenzbereich Prävention Psychische Gesundheit und hat die Krankenhausplätze in der Kinderpsychiatrie erweitert.

Psychiatrie und Krankenhausplätze sind aber nicht die Lösung, weil sich globale Bedrohungen nicht durch die Hände von Allgemeinärzten oder Psychiatern lösen lassen.

Juan Valdés-Stauber

Behandlung und Versorgung sind unabdingbar, tiefer liegende Probleme bleiben dadurch aber unberührt, ist Juan Valdés-Stauber überzeugt. „Wir lassen ganz viel über die Medizin laufen“, so der Facharzt. „Psychiatrie und Krankenhausplätze sind aber nicht die Lösung, weil sich globale Bedrohungen nicht durch die Hände von Allgemeinärzten oder Psychiatern lösen lassen.“

Bis in die 1990er-Jahre war Deutschland eines der wenigen wohlhabenden Länder mit einer geringen Schere zwischen Arm und Reich. In den vergangenen 25 Jahren ist diese Schere jedoch auseinandergegangen. Die enormen Unterschiede machen sich auch in der seelischen Gesundheit bemerkbar.

Juan Valdés-Stauber

Weil Völker, Länder und Systeme heute eng miteinander verknüpft sind. Und weil auch Gesellschaften, in denen große soziale Unterschiede herrschen, auseinanderdriften und an Halt verlieren. „Bis in die 1990er-Jahre war Deutschland eines der wenigen wohlhabenden Länder mit einer geringen Schere zwischen Arm und Reich“, erklärt der Philosoph. „In den vergangenen 25 Jahren ist diese Schere jedoch auseinandergegangen. Die enormen Unterschiede machen sich auch in der seelischen Gesundheit bemerkbar.“ Denn Armut macht in jeglicher Hinsicht krank, Ungleichheiten und soziale Unterschiede wirken auf das Gemeinwohl wie Gift.

Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind wichtig

Als Gegenmittel empfiehlt er Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Und ein Selbstbild, das sich weniger an ungesunden Maßstäben orientiert. „Wir müssen heute überall etwas vorweisen, ohne Titel sind wir nichts mehr. Alles wird dem Leistungsdenken geopfert - anstelle der Bedeutung von Beziehungen.“

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in diesem Sinne den Begriff der Co-Immunität geprägt, der mit der Corona-Pandemie eine brennende Aktualität erfuhr. „Wir Menschen haben nicht nur eine körperliche Immunität, sondern auch eine soziale Immunität“, sagt Valdés-Stauber. „Durch die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Empathie werden wir immuner, durch Freundschaft und Familie schützen wir uns. Aber auch durch den Tonfall und das Klima auf der Arbeit, in der Gemeinschaft, zwischen Lehrern und Schülern, innerhalb eines Teams. Und nicht durch die Konkurrenz darum, wer das meiste Lob erhält.“

Der Ärztliche Direktor plädiert für eine Idee des Relativierens und dafür, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. „Vielleicht müssen wir wieder lernen, dass sich unsere Stärke und ein wichtiger Teil unserer Identität aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe speist.“ Und dass die Vernachlässigung von Freunden und Familie genauso zum Systemabsturz führt wie ein kräftezehrendes Selbstbild.