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Stacheldraht

Keine Angst vor Stacheldraht, keine Angst vor der Polizei

Politik / Lesedauer: 3 min

Trotz der Fertigstellung einer Barriere an der serbisch-ungarischen Grenze versuchen Flüchtlinge dort weiterhin, in die EU zu kommen
Veröffentlicht:30.08.2015, 19:37

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Gerade hat sich Nasreen unter den drei Stacheldraht-Rollen an der ungarischen Grenze durchgezwängt. „Wir haben weder Angst vor der ungarischen Polizei noch vor dem Zaun“, ruft die 29-jährige Syrerin, nachdem sie den Grenzübertritt von Serbien in die EU geschafft hat. „Das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir in Syrien durchgemacht haben.“ Nach Deutschland will die junge Frau weiterreisen oder nach Schweden, so wie die vielen Tausend, die derzeit täglich über die Grenze kommen. Die von Ungarn hektisch hochgezogenen Stacheldraht-Rollen schrecken niemanden ab.

Völlig unbeeindruckt von dem messerscharfen Stacheldraht zeigt sich auch ein 25-jähriger Computerexperte aus dem Irak. „Zäune oder Polizei sind mir egal. Ich habe Geld, ich finde ein Taxi“, sagt der junge Mann in der Nähe des ungarischen Grenzorts Röszke. Er will zu Verwandten nach Belgien.

Stolz hatte die ungarische Regierung am Samstag verkündet, dass der Bau der Stacheldraht-Barriere an der 175 Kilometer langen Grenze zu Serbien vollendet sei. Am selben Tag kamen laut ungarischer Polizei erneut 2700 Flüchtlinge über die Grenze. Der Rekord war am vergangenen Mittwoch mit 3000 Flüchtlingen an einem Tag erreicht worden, darunter 700 Kinder. In den ersten Monaten des Jahres waren es noch 250 bis 500 täglich gewesen. Seit Januar kamen somit bereits 140000 Flüchtlinge über diese Grenze.

Um trotz des Stacheldrahts nach Ungarn zu kommen, schlüpfen die Flüchtlinge meist unter der untersten der drei Stacheldraht-Rollen durch. Zum Anheben des Drahts nutzen sie Stangen, die ungarische Soldaten dort nach dem Errichten der Grenzbarriere haben liegen lassen.

Plötzlich sind die Schreie eines Kindes zu hören, das sich mit seinen Haaren in den Spiralen verfangen hat. Rasch hilft die Mutter, ihr Kind zu befreien. Dann, auf der ungarischen Seite, verschwindet die Familie in einem Waldstück.

Auf serbischer Seite gibt eine junge Polizistin den Flüchtlingen Tipps, wo sie am besten über die Grenze kommen. Kinderwagen, Rucksäcke oder Decken haben Flüchtlinge dort einfach zurückgelassen. Viele der Flüchtlinge kommen aus Syrien oder aus Afghanistan. Keiner will im EU-Land Ungarn bleiben. „Deutschland! Deutschland!“, ruft ein afghanischer Jugendlicher, der einen Maiskolben über offenem Feuer grillt. Der 35-jährige Kasim, Mathematiklehrer aus dem Irak, pflichtet ihm bei: „Ich will nach Deutschland gehen. Dort kann man Arbeit finden, und das Gesundheitssystem ist gut.“

In Ungarn werden die Flüchtlinge von der Polizei an einer Stelle neben den Maisfeldern zusammengeführt und in Bussen zu Registrierungszentren gebracht. Angesichts des Andrangs drohte die Regierung sogar mit Gefängnis für illegalen Grenzübertritt. Außerdem soll die Stacheldrahtbarriere zu einem vier Meter hohen Zaun ausgebaut werden.

Dennoch werden die Flüchtlinge vermutlich so oder so einen Weg nach Westeuropa finden. Für die Syrerin Nasreen – die sich trotz der Hitze einen Pullover angezogen hat, um für kalte Nächte in nördlicheren Gefilden gewappnet zu sein – ist all dies längst nicht so schlimm wie der Krieg in ihrer Heimat: „Täglich mussten wir mit den Bomben leben, den Morden, dem Blut und den Toten.“