Soldat

Lehrer: Franco A. war „nie fremdenfeindlich“

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Lehrer: Franco A. war „nie fremdenfeindlich“
Veröffentlicht:30.04.2017, 21:17
Aktualisiert:23.10.2019, 05:00

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Das Doppelleben des Bundeswehrsoldaten Franco A. wirft weiterhin Fragen auf. Die Bundeswehr wusste schon länger von dessen Fremdenfeindlichkeit. Der 28-Jährige soll eine „völkische“ Masterarbeit geschrieben haben. Sein früherer Realschullehrer in Offenbach sagt dazu im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“: „Franco war nie fremdenfeindlich.“

Dass jemals ein ehemaliger Schüler von ihm so im Mittelpunkt der bundesweiten Berichterstattung stehen würde, hätte er nie gedacht. „Das ist schon krass“, sagt er. Über mehrere Jahre sowie in mehreren Fächern war er der Lehrer von Franco A. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen.

In Gesellschaftslehre, das heißt in den Fächern Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde und Ethik, hatte er ihn unterrichtet. Seine Frau, ebenfalls Lehrerin, hatte ihn in Deutsch und Englisch. 2005 hat A. seinen Realschulabschluss gemacht. Nie habe er sich im Schulalltag „ausländerfeindlich“ oder „rechtsextrem“ geäußert oder verhalten. „In der Klasse gab es immerhin auch einen hohen Ausländeranteil“, sagt sein damaliger Lehrer. Es habe nie Probleme in dieser Richtung gegeben.

Bamf gewährte ihm 2016 eingeschränkten Schutz

„Franco war ein kluges Köpfchen“, sagt er. Und zwar so ein kluges Köpfchen, dass er es schaffte, sich als syrischer Flüchtling registrieren zu lassen, obwohl er nur ganz wenig bis gar kein Arabisch spricht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gewährte ihm nach einer Anhörung auf Französisch Ende 2016 eingeschränkten Schutz. A. soll sich nach Informationen des Bayerischen Rundfunks als syrischer Christ mit dem Namen David Benjamin ausgegeben haben.

Er sei auf eine französische Schule in einer französischen Kolonie in Damaskus gegangen und könne deshalb nur wenig Arabisch. Warum der Oberstleutnant, der im französischen Illkirch beim Jägerbataillon 291 der deutsch-französischen Brigade stationiert war, sich als Flüchtling ausgab, ist noch nicht vollends geklärt. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt geht aufgrund von Sprachnachrichten von einem „fremdenfeindlichen Motiv“ aus.

Franco A. soll Anschläge geplant haben - sein Lehrer hält das für absurd

Er soll Anschläge geplant haben. Sein Lehrer hält das für „absurd“. Franco A. schweigt zu den Vorwürfen. Dass A., wie die „Bild“-Zeitung berichtete, sogar eine geheime Todesliste gemacht habe, kann sich sein ehemaliger Lehrer überhaupt nicht vorstellen. Genauso wie die Meldung, dass A. schon immer mal Journalist werden wollte. Er habe immer nur eines im Kopf gehabt: „Sein Wunsch war die Bundeswehr. Davon hat er geschwärmt.“ Das wird auch in einem in der Schülerzeitung erschienen Bericht über die Winterwanderwoche der siebten Jahrgangsstufen im Jahr 2002 deutlich. Franco A., damals in der Klasse 7e, ist einer der Autoren des Artikels. „Der Soldat in ihm erwachte“, heißt es dort.

Nach seinem Realschulabschluss an der Offenbacher Schule wechselte A. nach Angaben seines damaligen Lehrers auf ein Gymnasium in Frankfurt und machte das Abitur. Zwölf Jahre ist das nun her. In dieser Zeit habe der Lehrer keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. „Ich weiß also nicht, ob in den letzten zwölf Jahren Brüche entstanden sind.“ Er könne nicht einschätzen, wie sich die weitere Sozialisation entwickelt hat. Irgendwann und irgendwas scheint in diesen zwölf Jahren aber mit dem Bundeswehrsoldat passiert zu sein.

Masterarbeit wurde als "extremistisch" eingestuft

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ schrieb der terrorverdächtige Soldat während seines Studiums an der französischen Militäruniversität Saint-Cyr an einer Masterarbeit zum Thema „Politischer Wandel und Subversionsstrategie“. Diese Arbeit ist von den französischen Professoren im Offizierslehrgang im Jahr 2014 als extremistisch eingestuft worden. Sie sei nicht mit der demokratischen Grundordnung vereinbar gewesen. Sein ehemaliger Lehrer sagt dazu: "Das schockiert mich."

Auch ein Bundeswehrwissenschaftler vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr habe die Arbeit damals gelesen. Er sei zu dem Fazit gelangt, der Text enthalte eindeutig „völkisches Denken“. Trotz der klaren Urteile sei dem Verdacht nicht weiter nachgegangen worden, weil sich Franco A. gegenüber seinem deutschen Vorgesetzten von der Arbeit distanziert und angegeben habe, das Papier unter Zeitdruck geschrieben zu haben, berichtet der „Spiegel“.

Die Bundeswehr wusste entgegen der bisherigen Angaben also schon seit drei Jahren von der fremdenfeindlichen Einstellung des festgenommenen Oberleutnants. Mit A. wurde auch ein 24-jähriger Student ebenfalls aus Offenbach in Untersuchungshaft genommen. Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurden bei ihm Waffen und Sprengstoff gefunden. Mit ihm soll sich A. über Chats fremdenfeindlich unterhalten haben. A. und sein mutmaßlicher Komplize sind laut der „Offenbacher Post“ beide in einem Offenbacher Ruderverein aktiv. Der Student Mathias F. habe laut dem „Tagesspiegel“ gegenüber dem Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Frankfurt am Main angegeben, er habe die bei ihm gefundene Gewehrmunition von dem Offizier erhalten.

Franco A. und Mitbewohner in Untersuchungshaft

Oberleutnant Franco A., der ebenfalls dem Ermittlungsrichter vorgeführt wurde, habe hingegen weiterhin geschwiegen. Die Polizei hatte die Männer am Mittwoch festgenommen, am Donnerstag steckte das Amtsgericht die beiden in Untersuchungshaft. Im Haftbefehl wird dem 28-jährigen Offizier Betrug und Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen, dem Studenten (24) ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Laut einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ überprüfen die Staatsanwaltschaft Frankfurt und der Militärische Abschirmdienst (MAD) zudem weitere zwei langjährige Bekannte des mutmaßlich rechtsextremistischen Bundeswehr-Offiziers.

Es soll herausgefunden werden, ob A. Teil eines Netzwerkes war, zu dem auch diese beiden gehörten. Die Frage, ob ein solches Netzwerk existiert, ist demnach noch nicht abschließend beantwortet. Bisher waren die Behörden lediglich darauf gestoßen, dass der 28-jährige Oberleutnant in Verbindung zu dem 24-jährigen Studenten stand. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) versprach unterdessen eine Untersuchung zur Frage, wieso der deutsche Soldat als Flüchtling aus Syrien registriert wurde. "Zur lückenlosen Aufklärung des Falls habe ich eine Untersuchungsgruppe im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingerichtet, die sehr rasch Ergebnisse vorlegen soll", stand am Samstag in einer Mitteilung des Ministeriums.

Bundesregierung räumt Fehler ein

Bereits am Freitag hatte die Bundesregierung Fehler eingeräumt. Franco A. war erstmals vor fast drei Monaten aufgefallen, weil er auf dem Flughafen Wien eine Pistole in einer Toilette versteckt hatte. Nach Informationen des „Spiegels“ soll es sich dabei um ein gut 70 Jahre altes Modell aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs handeln. Sie stamme aus der Produktionslinie "French Unique". Heutzutage gelte die 7,65-Kaliber-Pistole eher als Sammlerobjekt. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt geht davon aus, dass mit der Waffe eine schwere staatsgefährdende Straftat geplant war. Zu möglichen Anschlagszielen äußerten sich die Ermittler bisher nicht.

Doppelleben

Ein Oberleutnant mit Doppelleben

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