Ethikunterricht

Ethikunterricht an Grundschulen: Eine Frage der Wahlfreiheit (mit interaktiver Karte)

Ravensburg / Lesedauer: 3 min

Ethikunterricht an Grundschulen: Eine Frage der Wahlfreiheit (mit interaktiver Karte)
Veröffentlicht:15.04.2014, 17:45
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

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In Rheinland-Pfalz ist es möglich, in den neuen Bundesländern ist es Standard, auch Bayern hat es: Ein Alternativangebot zum Religionsunterricht an Grundschulen. In Baden-Württemberg können Schüler in der Regel ab der 8. Klasse Ethikunterricht statt Religion wählen. Die grün-rote Landesregierung hat den Ausbau des Ethikunterrichts zwar schon geplant, andere Projekte hätten laut Aussagen des Kultusministeriums jedoch Vorrang. Solange will eine Freiburgerin nicht warten. Am Mittwoch (16. April) zieht Anna Ignatius in dritter Instanz gegen das Land Baden-Württemberg vor das Bundesverwaltungsgericht. Wenn sie Recht bekommt, würde das weitreichende Folgen haben.

2010 hat alles angefangen: Zwei ihrer drei Kinder gingen in die Karoline-Kaspar-Schule in Vauban. Ein autoreduzierter Freiburger Stadtteil, in dem Bürgerengagement, Bauen in der Gemeinschaft und umweltbewusstes Leben groß geschrieben werden. Wie die Freiburgerin sagt, seien 60 Prozent der Schüler konfessionslos, dennoch gebe es keine Alternative zum Religionsunterricht. Eine Philosophie AG mussten die Eltern selbst bezahlen, die darauffolgende Unterschriften-Initiative führte nicht zum gewünschten Ziel.

Die Humanisten Baden-Württemberg unterstützen die Familienmutter. „Wir sehen uns als Interessenvertretung der Konfessionslosen“, sagt Geschäftsführer Andreas Henschel gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“. Schon das Grundgesetz fordere eine Trennung von Staat und Religion, aus historischen Gründen werde sie nicht vollzogen, sagt Henschel. Zwar vermittle der Religionsunterricht auch ethische Grundwerte, das Problem sei aber, was zusätzlich unterrichtet werde. Als Beispiel führt er die Geschichte von Arche Noah an: Hier handle ein Gott, der fast alle Menschen kollektiv bestrafe. „Was wird da vermittelt?“, fragt Henschel. Auch Anna Ignatius sagt, Religionsunterricht sei nicht dafür geeignet, wertneutral Fragen zu beantworten, die Kinder doch schon in der Grundschule hätten. „Ich finde, dass hier Grundrechte nicht eingehalten werden“, sagt die Freiburgerin.

In neun von 16 Bundesländern wird in Grundschulen eine Alternative zum Religionsunterricht angeboten. Darunter sind alle neuen Bundesländer. In den restlichen Bundesländern gibt es ein entsprechendes Angebot erst frühestens ab der fünften Klasse, in Saarland regulär ab der neunten Klasse. In Nordrhein-Westfalen heißt das Fach Praktische Philosophie, in Brandenburg Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde in Niedersachsen Werte und Normen und in Rheinland-Pfalz Ethik. Ethikunterricht kommt allerdings im Mainzer Regierungsbezirk nur zustande, wenn mindestens acht Schüler daran Interesse haben. Ein ganz besonderen Fall stellt Berlin dar, dort ist weder Religion noch die sogenannte Lebenskunde in der Grundschule Pflicht, Schüler können das jeweilige Fach zusätzlich wählen. Hingegen müssen alle in der Hauptstadt ab Klasse sieben den Ethikunterricht besuchen.

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Kirchen stimmen teilweise zu

Der Sprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Uwe Renz, beruft sich gegenüber der „ Schwäbischen Zeitung “ auf die Position der Deutschen Bischofskonferenz. Demnach begrüße die katholische Kirche grundsätzlich die Einführung eines Ethikunterrichts für Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Er ergänzt jedoch: Die katholische Kirche sei gegen einen verpflichtenen Ethikunterricht für alle. Die Vertreter der Evangelischen Kirchen Baden und Württemberg ließen hingegen bereits in einem 2009 veröffentlichten Papier verlauten, dass Kinder und Jugendliche, die keinen Religionsunterricht besuchen, ein Recht auf Ethik hätten. Dass im Falle eines Falles viele Kinder den Ethik- statt den Religionsunterricht wählten, davor hat Sprecher Oliver Hoesch keine Angst. Schließlich seien die Angebote attraktiv, selbst für Kinder anderer Konfession.

Falls Anna Ignatius recht bekommt, würde das wegweisend sein, auch für andere Bundesländer. Wenn sie nicht gewinnt, will sie vor das Verfassungsgericht ziehen. Aber auch so sieht sie ihre „Aktion für die Gesellschaft“, wie sie es nennt, als Erfolg an. Da sie ein Ziel bereits erreicht habe: Sie habe zum Denken angestoßen.