Europakapitel

„Die Prognosen sind robuster geworden“

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Forscherin Daniela Jacob drängt die Politik zu einem verstärkten Klimaschutz
Veröffentlicht:31.03.2014, 21:05
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

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Der Weltklimarat hat den zweiten Teil seines Reports vorgelegt. Josephine Lütke sprach mit Klimaforscherin Daniela Jacob, die am Europakapitel des Berichts gearbeitet hat, über die Besonderheiten dieser Veröffentlichung und die Aufgaben der Politik.

„Wir sehen Fortschritte“, sagt Chris Field , Koordinator des Reports. Viele Staaten hätten begonnen, sich gegen Wettergefahren zu schützen. Stimmen Sie zu?

Ja, auf jeden Fall. Die Analyse der Literaturrecherche, die wir im Rahmen dieses IPCC-Berichtes gemacht haben, zeigt, dass sich viele Länder mit dem sich ändernden Klima auseinandersetzen. In Europa gibt es beispielsweise viele Staaten, die nationale Anpassungsstrategien entwickelt haben. Oder, die in einzelnen Sektoren angefangen haben, sich mit dem extremen Wetterereignissen auseinanderzusetzen – zum Beispiel beim Deichbau oder beim Hochwasserschutz. Die Herausforderung ist es jetzt, diese Pläne umzusetzen.

Ist das ein Zeichen, dass die Politik die Forschungsergebnisse richtig interpretiert und die richtigen Schritte einleitet?

Ich glaube schon, dass an vielen Stellen die richtigen Schritte eingeleitet werden – aber noch nicht energisch genug. Auf den regionalen und lokalen Ebenen haben schon viele Politiker gesagt, dass sie sich gegen stärkere Hochwasser oder Starkregen schützen müssen. Aber die internationale Politik ist noch gefragt.

Wasserknappheit, Meeresspiegelanstieg und Gletscherschmelze: Die Erkenntnisse sind nicht neu. Was ist das Besondere und Neue an diesem Bericht?

Es sind mehrere Dinge neu. Wir konnten in den sieben Jahren mehr Beobachtungen erfassen und sammeln. Sie zeigen, dass Gesellschaft und Natur in vielen Bereichen vom Klimawandel betroffen sind und in weiten Teilen schon Schaden genommen haben. Man kann nicht mehr sagen, das geht an uns vorbei. Im letzten Bericht hatten wir bestimmte Emissionsszenarien, mit denen wir die möglichen Veränderungen des Klimas in der Zukunft berechnet haben. Im aktuellen Bericht liegen den neuen Emissionsszenarien andere sozioökonomische Szenarien zugrunde – zum Beispiel Wirtschaftswachstum, demografische Veränderung oder politisches Eingreifen. Trotz neuer Emissionsszenarien und neuer Modelle kommen wir wieder zu den gleichen klimatischen Veränderungen in der Zukunft. Die Prognosen, die wir schon hatten, sind dadurch viel robuster geworden. Außerdem können wir mehr ins Detail gucken und uns auf spezielle Regionen beziehen.

Wie ist die Klima-Prognose für Baden-Württemberg und den Süden Deutschlands?

Die Erwärmung in Süddeutschland ist relativ stark. Damit einher geht eine Zunahme von heißen tropischen Nächten, ebenso wie eine Zunahme von sommerlichen Starkniederschlägen.

Laut dem Bericht soll es in Europa mehr Flusshochwasser, Extremregen und Wasserknappheit geben. Was kann die Politik tun?

Ganz eindeutig müssen wir verstärkt Klimaschutz betreiben. Einen richtig starken Klimawandel mit über zwei bis vier Grad müssen wir vermeiden. Dazu gehört die Energieeffizienz: Energieverbrauch verändern, mehr erneuerbare Energien und der Verzicht von fossilen Rohstoffen. Das ist auch ein Beitrag zur Luftreinhaltung und damit gut für die menschliche Gesundheit. Die Politiker müssen außerdem realisieren, dass sich das Klima verändert. Anpassungsmaßnahmen müssen in den einzelnen Regionen erarbeitet und umgesetzt werden. Das kann dahin gehen, dass beispielsweise Ulm sein Regenwassersystem ausbauen muss. Es ist vielleicht nicht mehr auf die Wassermengen ausgelegt, die es in Zukunft geben wird. Es gibt ganz unterschiedliche Maßnahmen in den verschiedenen Regionen.

Kritiker werfen dem Weltklimarat vor, politisch beeinflusst zu sein oder sprechen von einer Panikmache. Nicht die Menschen seien für den Klimawandel verantwortlich. Was halten Sie entgegen?

Sicherlich gibt es einen menschlichen und einen natürlichen Einfluss auf den Klimawandel. Aber wir konnten letztes Mal schon zeigen, dass der menschliche Einfluss sehr stark ist. Ich glaube, der Stil des neuen Berichts ist nicht sehr alarmistisch. Es gibt eben viele erschreckende Nachweise, die zeigen, wie Ökosysteme oder Regionen leiden. Die Pflanzen im alpinen Raum beispielsweise haben einfach keine Chance, woanders hinzuwandern. Wenn es dort wärmer wird und sie brauchen das kalte Klima, dann können sie nur aussterben. Das sind Fakten und nichts alarmistisch Aufbereitetes. Wie man damit umgeht, das beschreiben Wissenschaftler nicht. Wir zeigen nur, welche Optionen es gibt. Die Entscheidungen müssen Politiker treffen.