Erfolgsgesicht

Das Geheimnis des rechtsextremen Erfolgs

Hénin-Beaumont / Lesedauer: 4 min

Was die Wähler in Frankreich motiviert, für die Front-National zu stimmen
Veröffentlicht:31.03.2014, 16:30
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

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Das Erfolgsgesicht der französischen Rechtspopulisten strahlt aus blauen Augen und lächelt: Steeve Briois hat rein optisch nichts vom Klischee des strammen Rechten. Und doch ist der 41-Jährige zum Symbol für den Durchbruch der Nationalen Front ( FN ) geworden. Aus dem Stand hatte der FN-Generalsekretär bereits im ersten Durchgang der Kommunalwahlen die absolute Mehrheit in seiner Gemeinde eingefahren. Seitdem haben es ihm seine Parteikollegen in rund zehn Kommunen gleichgemacht, darunter in Béziers, Fréjus, und Beaucaire in Südfrankreich sowie im lothringischen Hayanges. In drei weiteren Städten setzten sich immerhin FN-nahe Listen durch. Während all diese Kandidaten immerhin noch in die Stichwahl mussten, konnte Briois am Sonntag in das Rathaus von Hénin-Beaumont einziehen.

Der knapp 27000 Einwohner zählende Ort, unweit von Lens, wirkt auf den ersten Blick wie so viele nordfranzösische Städtchen: Markt- und Kirchplatz, ein Festsaal sowie überall die typischen ziegelroten Backsteinhäuschen der ehemaligen Minenarbeiter neben den alten Herrschaftshäusern. Doch seine goldenen Zeiten hat Hénin-Beaumont längst hinter sich. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 18 Prozent weit über dem nationalen Durchschnitt. Die letzte Mine, die der Region einst den Aufschwung brachte, machte vor über 20 Jahren dicht. Das war der Anfang vom Niedergang des ehemaligen Kohlgrubenstädtchens – und die Chance für die Nationale Front.

Jetzt sitzt Briois einen Steinwurf von seinem künftigen Arbeitsplatz entfernt zum Mittagessen im „Café de la Paix“. Das Gewand des Amtsträgers hat er übergestreift – grauer Anzug, dezent rosafarbenes Hemd. Und doch wirkt er, als könne er es noch gar nicht richtig fassen, dass ihn die Leute bereits mit „Monsieur le Maire“ ansprechen. Nur einen Wahldurchgang hat er gebraucht, um an die Spitze der Stadt gewählt zu werden. Dabei hatte er doch selbst mit mindestens zwei Runden gerechnet. Jetzt warteten alle nur darauf, dass er einen Fehler mache, sagt er. „Doch ich bin bereit.“

Im Mittelpunkt des Interesses

Briois weiß, dass er und Hénin-Beaumont künftig im Mittelpunkt des Interesses stehen, dass viele mit Sorge, andere mit gespanntem Interesse auf das Städtchen blicken, aus der die FN ihr „Testlabor“ gemacht hat. FN-Chefin Marine Le Pen, die davon überzeugt ist, dass sich die Macht im Land „von unten“, über die Kommunen, erlangen lässt, verlegte sogar ihren Wohnsitz dorthin. Ausgerechnet Hénin-Beaumont, die ehemalige Linken-Hochburg, als Inkarnation des FN-Erfolgs? Wie passt das zusammen? Lässt sich das wirklich nur mit dem Unmut über Präsident François Hollande erklären?

Leonardo Colangelo schüttelt den Kopf. „Hier geht es weniger um eine Denkzettelwahl gegen die sozialistische Regierung in Paris. Die Leute haben vielmehr die Schnauze voll von der Politik im Allgemeinen“, sagt der Besitzer des „Café de La Paix“, während er die Teller hin und her trägt. Colangelo, 67, Sohn italienischer Einwanderer und pensionierter Lehrer, hat selbst alle Parteien ausprobiert: Früher war er Kommunist, dann wählte er sozialistisch, später bürgerlich. Jetzt sagt er: „Ob links oder rechts, die sind doch alle gleich!“ Vor allem die lokale Politik hat ihn enttäuscht: Der frühere Bürgermeister etwa, ein Sozialist, stopfte sich jahrelang die Taschen voll, bevor er verurteilt wurde. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, bei der Wahl wieder anzutreten. „Auch das dürfte ein Grund für den FN-Erfolg sein“, schätzt Colangelo, „ebenso wie die Person Briois selbst, der sehr beliebt ist“.

Im Café scheint der frischgewählte Bürgermeister fast alle Gäste zu kennen, viele duzen ihn sogar. „Er ist einer von uns“, sagen sie über den, der schon seit seiner Jugendzeit in Hénin-Beaumont wohnt. Seit er 15 ist, engagiert sich Briois für die FN, klingelte auch für diese Wahl jetzt wieder an unzählige Türen, schüttelte Hände, verteilte Flugblätter. Doch während seine Partei etwa in Südfrankreich in erster Linie gegen Einwanderung wettert, setzte er vor allem auf die soziale Karte: „Für mehr Arbeitsplätze, Wohnraum und gegen die hohen Lokalsteuern“, werben die Plakate – Themen, die die Bürger beschäftigen.

Erster Erfolg für Le Pen

Man müsse Briois eine Chance geben, meint auch Linda, eine Immobilienmaklerin. „Ich habe früher 500 Euro Wohnsteuer gezahlt, unter den Sozialisten wurde sie von heute auf morgen verdreifacht, es reicht“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir müssen aufhören, den Mann zu verteufeln. Mit Rassismus hat die Wahl hier nichts zu tun!“

Und so zeigt sich selbst der türkische Fast-Food-Verkäufer gegenüber der Kirche nicht außerordentlich besorgt, auch wenn er einräumt, dass manche seiner muslimischen Gäste „darüber nachdenken, die Stadt zu verlassen“. Briois selbst bemüht sich derweil um beruhigende Worte: Als Bürgermeister gehe es ihm in erster Linie drum, „das Gesetz der Republik anzuwenden“, sagt er. Mit Briois hat die Strategie Le Pens, die Partei zu „entdämonisieren“, nur einen ersten Erfolg gezeigt: Weitere sind seitdem dazugekommen. Und für die Europawahl sagen Umfragen der Le Pen-Partei gar ein neues Rekordergebnis voraus.