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Frauen in Ruanda: Claudines Traum vom Zweirad

Kigali / Lesedauer: 3 min

Ruanda setzt voll auf Frauenförderung – und hält sogar einen Weltrekord
Veröffentlicht:13.11.2018, 12:35

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Motorräder waren schon immer die Leidenschaft von Claudine Nyiranajyanbere. Gekonnt bugsiert die 42-Jährige ihre Maschine über ungeteerte Straßen in Kigali , der Hauptstadt des afrikanischen Kleinstaats Ruanda. „Ich bin mit der Liebe zu Motorrädern aufgewachsen“, erzählt sie in einer kurzen Pause. Die zierliche Frau hält in Ruanda einen nationalen Rekord – sie war die erste Frau am Lenker eines Motorrad-Taxis.

Motorrad-Taxis stehen in Kigali an jeder Ecke, für wenige Hundert Ruanda-Francs transportieren sie die Menschen kreuz und quer durch die Millionenstadt. Die Fahrer sind fast immer Männer. „Wie hast du das geschafft?“, werde sie von ihren Kundinnen oft gefragt, berichtet Nyiranajyanbere stolz. Früher verdiente sie ihr Geld als einfache Straßenverkäuferin. Irgendwann mietete sie sich ein Motorrad und fuhr stundenweise Passagiere durch Kigali. Doch die Miete fraß einen Großteil der Einnahmen gleich wieder auf. Schließlich half ihr das Unternehmen „Safe Motos“, für das sie nun unterwegs ist, beim Kauf einer eigenen Maschine.

Für „Safe Motos“ ist Claudine Nyiranajyanbere eine Vorzeige-Fahrerin. Das Unternehmen vermittelt per Handy-App Motorrad-Taxis – und arbeitet daran, mehr Frauen aufs Zweirad zu bekommen. „Frauen fahren vorsichtiger. Wir wollen, dass Kunden sich sicher fühlen“, sagt Sandrine Nikuze , die das Trainingsprogramm für Motorradfahrerinnen leitet. Ihre Schülerinnen brauchen zwar keinen Führerschein, wohl aber eine Lizenz für die Personenbeförderung. Eine formale Ausbildung haben die Frauen in der Regel nicht, sagt Nikuze. „Zum Teil starten wir bei null.“

Eine Frau auf dem Motorrad ist für viele Ruander noch ein ungewöhnlicher Anblick – in anderen Bereichen gilt das Land dagegen als Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung. „Niemand verliert etwas, wenn Frauen gestärkt werden“, betonte Präsident Paul Kagame zum diesjährigen Weltfrauentag. Kagame regiert das Land mit harter Hand und lässt der Opposition wenig Spielraum – in Sachen Gleichberechtigung hat er aber eine klare Linie. Seine Regierung treibt Programme zur Frauenförderung voran und setzt auch auf Quoten. 50 Prozent des Justizpersonals, 45 Prozent der kommunalen Funktionsträger, 40 Prozent der Kabinettsmitglieder sind in Ruanda weiblich. Noch größer ist der Frauenanteil im gerade erst neu gewählten Parlament: Mit 67,5 Prozent weiblichen Abgeordneten hat Ruanda seinen eigenen Weltrekord von 61,3 Prozent aus der vorangegangenen Wahlperiode noch einmal übertroffen. In Deutschland liegt der Wert bei 30,9 Prozent.

Dass Ruanda bei der Frauenförderung vorangeht, hat nach Einschätzung der Organisation UN Women , einem Organ der Vereinten Nationen, auch mit der Erfahrung des Völkermords von 1994 zu tun. Bis zu eine Million Menschen kamen damals ums Leben, als radikale Angehörige der Hutu-Ethnie gegen die Minderheit der Tutsi und gemäßigte Hutu vorgingen. Nach dem 100 Tage währenden Morden waren viele Familienväter tot; andere flohen, weil die Täter ihrerseits zu Gejagten wurden, wurden umgebracht oder kamen wegen ihrer Beteiligung am Genozid ins Gefängnis.

Männerrollen übernommen

Zurück blieben die Frauen. Die meisten hatten Gewalt und Missbrauch erlebt, nun waren sie auf sich gestellt. „Nach 1994 mussten viele Frauen traditionelle Männerrollen übernehmen“, berichtet Schadrack Dusabe von UN Women in Kigali. „Das hat den Bewusstseinswandel gefördert.“ In wirtschaftlichen und politischen Schlüsselpositionen waren Frauen ganz selbstverständlich mit dabei, als Ruanda nach dem Genozid ein wirtschaftlicher Aufschwung gelang. In dem Land, in dem noch immer viele Menschen von der Landwirtschaft leben, besitzen nach den Zahlen von UN Women heute 88 Prozent der Frauen eigenes Land – unter den Männern sind es mit 93 Prozent kaum mehr.

Für die Motorrad-Taxi-Frau Claudine Nyiranajyanbere bedeutet der Aufschwung noch längst keinen Reichtum. Für ihre Arbeit von 6 Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang verdient sie an einem Tag nach Abzug der Benzinkosten 7000 Ruanda-Francs, knapp sieben Euro. Aber das Geld mache sie unabhängig, berichtet die Motorradfahrerin: „Ich kann meine Kinder ernähren und die Miete für mein Haus zahlen.“