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Personalschlüssel

Bundesweit fehlen mehr als 100 000 Kita-Erzieher

Politik / Lesedauer: 3 min

Bertelsmann-Studie sieht große regionale Unterschiede – Erheblicher Mangel im Osten
Veröffentlicht:28.08.2017, 20:35

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Die Personalschlüssel in Kitas und Kindergärten haben sich verbessert, die regionalen Unterschiede sind aber erheblich. Es fehlen 107 000 Erzieherinnen und Erzieher, so eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung. „Die Bildungschancen von Kindern hängen erheblich von ihrem Wohnort ab“, erklärte am Montag deren Vorstand Jörg Dräger . Rasmus Buchsteiner erklärt die Hintergründe zur Kita-Studie.

Wie viele Kleinkinder gehen in Kitas oder werden von einer Tagesmutter betreut?

Am 1. März 2017 wurden in Deutschland 762 657 Kinder unter drei Jahren in Kindertageseinrichtungen betreut oder – mit öffentlicher Förderung – von einer Tagesmutter. Das waren 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Bundesweit werden 32,7 Prozent der unter Dreijährigen in Kitas oder durch Tagesmütter betreut. Die Betreuungsquote lag in den westdeutschen Bundesländern bei im Schnitt 28,1 Prozent. In den ostdeutschen Ländern einschließlich Berlin waren es 51,8 Prozent. Ab dem dritten Lebensjahr sind fast alle Kinder in Deutschland in Kindertagesbetreuung.

Wie sieht es mit dem Personal in Kitas und Kindergärten aus?

Die Experten der Stiftung empfehlen, dass eine Erzieherin für höchstens drei Kinder unter drei Jahren da sein sollte oder für 7,5 Kinder über drei Jahre. Laut der Studie war 2016 eine Kita-Fachkraft rechnerisch für 4,3 Kinder zuständig. In den Kindergartengruppen bei den über Dreijährigen verbesserte sich die Betreuungsrelation auf 1:9,2. Dabei zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern, vor allem aber zwischen Ost- und Westdeutschland.

Wie groß ist der Ost-West-Unterschied noch?

In den alten Bundesländern kümmert sich in den Krippengruppen eine Fachkraft um im Schnitt 3,6 Kinder, in Ostdeutschland sind es sechs Kinder. In einigen Gebieten Brandenburgs kämen knapp dreimal so viele Kinder auf eine Fachkraft wie in bestimmten Kreisen Baden-Württembergs, so die Bertelsmanns-Forscher.

Welche Entwicklungen gibt es in einzelnen Bundesländern?

In Bayern hat sich die Qualität der Kita-Betreuung nur wenig verbessert: Die Personalschlüssel liegen hier zwischen 1:2,7 und 1:5,0. Baden-Württemberg ist bundesweit führend bei der Betreuung in Krippen und Kindergärten. Bei den Kleinen kommt eine Fachkraft auf 3,0 Kinder, bei den größeren eine auf 7,2 Kinder (siehe nebenstehender Artikel). In Niedersachsen gibt es nur überschaubare Verbesserungen bei der Kita-Qualität. Anders dagegen ist die Lage in Nordrhein-Westfalen, wo sich der Betreuungsschlüssel in den Kindergartengruppen um 0,8 Prozentpunkte verbesserte – auf 1:9:0. Ähnlich wie in Bayern zeigen sich aber auch an Rhein und Ruhr starke Unterschiede.

Wie groß ist der Personalmangel in der Kinderbetreuung?

Um die Personalschlüssel bundesweit auf das von der Stiftung empfohlene Niveau zu heben, wären 107 000 Vollzeit-Fachkräfte zusätzlich erforderlich. Die Kosten dafür belaufen sich laut Studie auf insgesamt 4,9 Milliarden Euro. Das würde einem Anstieg der Personalausgaben um etwa ein Drittel entsprechen.

Warum gibt es keine bundesweiten Kita-Standards?

Die Personalschlüssel sind Ländersache. Bund und Länder beraten jedoch über einheitliche Standards. Dabei geht es nicht allein um Gruppengrößen und Personal, sondern auch um die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Umstritten ist, ob es eine gesetzliche Regelung zur Kita-Qualität geben soll.

Gibt der Bund bereits Geld für mehr Kita-Qualität?

Der Ausbau der Kinderbetreuung soll vom Bund mit Zuschüssen unterstützt werden. Allein in diesem Jahr steht die Rekordsumme von 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung, 1,7 Milliarden Euro für laufende Kosten. Doch die Mittel für den Ausbau werden von den Kommunen bisher nur sehr zögerlich abgerufen. Der Bund will seinen jährlichen Zuschuss zu den Kita-Betriebskosten um 100 Millionen auf 945 Millionen Euro erhöhen. Die Bertelsmann Stiftung warnt davor, die Kita-Beiträge weiter zu reduzieren oder abzuschaffen: „Erst wenn die Qualität stimmt und genügend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, können wir die Beitragsfreiheit angehen.“

Daten zum Kita-Personalschlüssel auf der Kreisebene im Südwesten finden Sie in einer interaktiven Grafik unter schwäbische.de/kita