Ostersonntag

Brüsseler Polizei schützt die Trauernden erst spät vor den Hooligans

Politik / Lesedauer: 3 min

Belgier gedenken der Anschlagsopfer und werden von rechten Rowdys gestört – Verdächtiger kommt wieder frei
Veröffentlicht:28.03.2016, 20:45
Aktualisiert:23.10.2019, 17:00

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Am Ostersonntag haben die Brüsseler Trost im Gedenken gesucht. Doch sie wurden von Hunderten rechtsradikalen Hooligans gestört.

Es ist der Platz vor der alten Börse im Zentrum von Brüssel , zu dem es in diesen Tagen viele Menschen zieht. Am Freitag brachten hier die Brüsseler Philharmoniker mit dem flämischen Radiochor Beethovens „Ode an die Freude“ zur Aufführung. Angesichts von bislang 35 Toten und mehr als dreihundert Verletzten mag die Auswahl eines so lebensbejahenden Stücks manchen irritieren. Doch sie entspricht der Botschaft vieler Angehöriger und Opfer, die sich bislang zu Wort gemeldet haben. Ein Journalist des französischsprachigen Senders RTBF, dessen Tochter an der Metrostation Maelbeek ums Leben kam, sagte: „Wenn wir eine andere Welt wollen, brauchen wir mehr Toleranz, nicht weniger. Wenn wir den Hass pflegen, bauen wir uns selbst ein Gefängnis.“

Diese Meinung teilen natürlich längst nicht alle Belgier. Die Behörden hatten am Sonntag einen Trauermarsch in der Innenstadt untersagt, weil sie Krawalle befürchteten und nicht genügend Polizei für den Schutz des Zuges abstellen konnten. Dennoch trafen am Nachmittag immer mehr Menschen vor der Börse ein, legten Blumen und kleine Botschaften ab, standen weinend oder in stiller Umarmung. Der martialische Einzug von etwa 450 grölenden Hooligans traf die Trauernden völlig unvorbereitet, obwohl die Polizei über die Ankunft der Randalierer informiert war.

Einige zeigen den Hitlergruß

Viele der Fußballrowdys waren schwarz gekleidet, manche trugen Sturmmasken, einige zeigten den Hitlergruß. Die Menschen vor der Börse reagierten mit Zeichen des Missfallens und Buhrufen. Die Polizei griff erst ein, als die Hooligans auf die Blumen und Kerzen trampelten und eine junge Frau zu Boden schubsten. Mit zwei Wasserwerfern wurden die Ultrarechten aus Flandern abgedrängt und dann von Polizisten mit Gummiknüppeln und Schutzschilden eingekesselt.

An dem Zwischenfall entzündete sich ein Streit unter den Koalitionären der belgischen Regierung, die aus den flämischen Nationalisten (NV-A), flämischen Christdemokraten und Liberalen sowie wallonischen Liberalen besteht. Innenminister Jean Jambon von der NV-A, der wegen einiger Fahndungspannen extrem unter Druck steht, schob alle Versäumnisse im Vorfeld der November-Attentate in Paris auf die sozialistische Vorgängerregierung. Der sozialistische Bürgermeister von Brüssel wiederum empörte sich darüber, dass die föderale Polizei nichts unternommen hatte, um den Marsch der Hooligans auf Brüssel zu stoppen.

Derweil arbeitet die belgische Polizei mit Hochdruck daran, Hintermänner der Anschläge zu finden und die beiden noch flüchtigen Attentäter zu fassen. Tagelang war man davon ausgegangen, dass Fayçal C. der dritte Attentäter aus dem Flughafen Zaventem sein könnte. Doch er wurde am Montagnachmittag auf freien Fuß gesetzt. Auch der zweite Attentäter aus der U-Bahn-Station Maelbeek ist noch nicht identifiziert. Es wurden allerdings weitere konspirative Wohnungen entdeckt und mehrere Verdächtige festgenommen.

Unklar ist, wann der Flughafen Zaventem seinen Betrieb wieder aufnehmen kann. Die Abflughalle soll vorübergehend in ein Zelt verlegt werden. Die dort arbeitenden Polizisten drohen mit Streik, weil sie die Sicherheitsvorkehrungen für ungenügend halten und zu wenig Personal haben. Ihren Protest hatten sie schon vor dem Anschlag angemeldet.

Angesichts der Schlampereivorwürfe rücken die Belgier enger zusammen. Sie suchen Trost in Wortspielen und ihrem für den Rest Europas sehr gewöhnungsbedürftigen Humor. „Make piss not war“, angelehnt ans Brüsseler Wahrzeichen „Manneke Pis“ und das englische Wort „Peace“ für Frieden, ist derzeit das beliebteste Plakat in der Stadt.