Granitfelsen

Wer Ruhe sucht, muss in Elbas Norden reisen

Sant’Andrea / Lesedauer: 5 min

Wer auf Elba dem Touristenrummel entfliehen will, muss nach Sant’Andrea an der Nordküste der Insel
Veröffentlicht:01.04.2022, 05:00

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Schon morgens vor acht ist die Welt in Sant’Andrea in Ordnung. Am Strand des beschaulichen Ortes an der Nordküste der Insel Elba wirft die braun gebrannte Signora im geblümten Sommerkleid ihre Angel ins Wasser und wartet. Immer wieder zieht sie die Schnur an Land und hängt erneut einen Wurm an den Haken. Granitfelsen säumen den Sandstrand und fallen ins türkisblaue Wasser. Die Sonne taucht die Bucht in einen strahlenden Goldton. Noch ist der 130 Meter lange Sandstrand fast leer. Nach und nach wagen sich Schwimmer ins Wasser und lassen sich von sanften Wellen treiben. Aloe vera, riesige Kakteen, allerlei Sukkulenten, Sträucher und Büsche überwuchern die Felshänge. Darunter, vor der Steinmauer, entspannt sich ein älterer Herr mit eleganten Tai-Chi-Bewegungen.

Mit seinem gelben Schlauchboot legt Andrea an der Bucht an. An seinem Tauchzentrum sammeln sich täglich Tauchwillige und Schnorchler, um Tauchkurse zu machen oder mit dem Boot zum Schnorcheln hinauszufahren. Das Capo Sant’Andrea gilt auf Elba als Paradies für Taucher und Schnorchler. Kristallklares Wasser, Höhlen und Felseninseln bieten sich an, um die faszinierende Unterwasserwelt zu entdecken. Mit Andrea und seinem Kompagnon Cristian fahren wir im Schlauchboot Richtung Westen am Capo Sant’Andrea entlang. Mitten im Wasser erhebt sich ein Felsenriff. Noch schnell Flossen und Taucherbrille übergestreift, rutschen wir in die Fluten. Unter Wasser sind alle Geräusche wie weggeblasen. Das Blau des Meeres ist betörend. Sanft gleiten wir an Fischschwärmen vorbei, entdecken Neptungras und andere Meerespflanzen entlang der abgeschliffenen Gesteinsbrocken. Zahlreiche Höhlen bohren sich in den Küstenstreifen. Ein enger Kanal führt uns Schnorchler in eine Höhle, die sich wie ein Trichter öffnet. Flechten schillern in Rot und Altrosa, Fische gleiten durchs klare Meerwasser.

Ruhe, Natur und Strandleben

Farbenprächtig ist vieles in Sant‘ Andrea. Rosa Oleander und violette Bougainvilla zieren den Straßenrand. Das Orange der Dattelpalmen ergänzt das Gelb der leuchtenden Zitronen. Der Ort ist vom Massentourismus weit entfernt. Hier können Besucher einen ruhigen Urlaub genießen. Es ist alles da, was man braucht. Ein Lebensmittelladen mit lokalen Produkten. Daneben ein kleines Geschäft, das alles führt, was für einen Strandurlaub nötig ist – von der Badehose bis zur Taucherbrille. Hotels und Restaurants mit feiner Küche findet man vom Strand bis zur Hauptstraße, die sich den Berg bis nach Zanca hochschlängelt. Auch wenn alle 586 Betten für Touristen belegt sind, ist das 122-Einwohner-Dorf nach wie vor beschaulich. Hierher kommt, wer Ruhe und die Natur sucht: Wanderer, Taucher und Schnorchler, Freeclimber und Radfahrer, aber auch Familien, die den Sandstrand der kleinen Bucht genießen.

Der Monte Capanne ist der höchste Berg Elbas. Mit seinen 1019 Metern ist er eingebettet in bewaldetes Küstengebirge, das mal sanft, mal steil zum Meer hin abfällt. Von Marciana aus, der Gemeinde, zu der das Dorf Sant’Andrea gehört, führt eine Seilbahn auf den Gipfel. Fitte Wanderer machen sich auf den Weg durch den mediterranen Wald und die Macchia, wo es nach Erica, Zistrose und Myrthe duftet. Die zweieinhalbstündige Wanderung vom nächsten Küstenort Marciana Marina nach Sant’Andrea gibt auch weniger geübten Wanderern einen Eindruck von Flora und Fauna der Region ganz am nordwestlichen Ende der Insel. Unsere Tour führt über steinerne Pfade an den Klippen entlang hinein in den Wald. Der Wanderweg führt vorbei an den so typischen Terrassen, die die Bauern einst für Wein-, Gemüse- und Obstanbau auf rutschigem Granit angelegt hatten. Vor der Entdeckung durch den Tourismus in den 1960er-Jahren lebten die Bewohner an diesem Flecken vor allem von der Landwirtschaft.

Hotelier erinnert sich: „Hier herrschte Armut“

Nello Anselmi kann sich noch gut an die Zeiten vor dem Tourismus auf der Insel erinnern. „Hier herrschte Armut“, sagt der 83-jährige Hotelier und Autor nachdenklich. „Wir lebten von dem, was Garten und Meer hergaben.“ Wenige Jahre nach Kriegsende hat sein Vater die ersten Gäste aus dem Ausland in den Ort gebracht – eine Familie aus München. Fließendes Wasser gab es noch nicht. Als Badezimmer diente der Bach, der heute durch den schönen botanischen Garten der Anselmis fließt. Unter den weiteren Gästen, die kamen, war der Autor Michael Ende einer der ersten. Mehr Schriftsteller und Künstler aus Deutschland folgten in den 1950er-Jahren – für Nello Anselmi eine Motivation, seine kreative Ader auszuleben. Nicht nur die bizarren Felsformationen auf Elba inspirierten ihn dazu, seine Fotos in ein Buch zu fassen und die Felsen mit Namen zu versehen. Auch ein Kinderbuch hat er geschrieben über die Freundschaft eines Delfins und eines Aals.

Delfine und Wale beobachten

Delfine und Aale gibt es auch in der Bucht von Sant’Andrea. Bei Dämmerung könne man mit viel Glück Delfine vorbeiziehen sehen, erklärt Naturführerin Frederica Ferrini. Auch Wale und Haie werden immer wieder gesichtet in dem Naturparadies. Ein Großteil der Insel, darunter die Küste vor dem Capo Sant’Andrea, ist Teil des Nationalparks Toskanischer Archipel, dem größten Meeresnationalpark Europas.

Frederica wandert mit uns die Felsenküste entlang Richtung Osten, wo der kleine Strand von Cotoncello ins smaragdgrüne Wasser lockt. Bizarre, durchlöcherte Felsformationen umrahmen die kleine Bucht. Auf dem Fußweg überwältigt der Blick aufs türkisblaue Meer immer wieder aufs Neue. An Felsspalten macht Frederica die Gruppe auf Meerestomaten aufmerksam. Krebse flitzen an feuchten Felsen empor, flinke Eidechsen huschen in die nächste Steinspalte.

In Sant’Andrea urlaubt eine Yogagruppe aus der Schweiz. Am Nachmittag verteilen sich auch die yoga-begeisterten Schweizerinnen auf den großen Granitfelsen entlang der Küste, wo sie Schnorchler und Angler beobachten. Die Wellen peitschen in kräftigen Stößen gegen die Felsen. Besucher wie Einheimische sitzen hier gerne am Abend. Wenn die Sonne hinter den Granitfelsen ins Meer versinkt und den Horizont in ein spektakuläres Rot taucht, dann ist die Welt in Sant’Andra auch am Abend in Ordnung.