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Wissenschaftler untersuchen Sinnestäuschungen: Wir sehen, was wir riechen

Berlin / Lesedauer: 4 min

Crossmodale Wahrnehmungen: Sie können täuschen - haben aber auch ihren Sinn.
Veröffentlicht:02.12.2023, 10:00

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Seine Auswahl an Stoffproben war eindrucksvoll: „Mausgrau, staubgrau, betongrau…. „ Im Film „Ödipussy“ zeigt der unvergleichliche Loriot, wie unterschiedlich wir selbst eine unspektakuläre Farbe wie Grau wahrnehmen können. Und eine große Rolle spielt dabei offenbar der Geruch, wie jetzt eine englische Studie herausgefunden hat. Unsere Wahrnehmung wird offenbar von verschiedenen Sinnen beeinflusst.

Wie duften Karamell, Kirsche, Kaffee, Zitrone und Pfefferminze?

Das Forscherteam um Ryan Ward von der University of Liverpool platzierte 24 Männer und Frauen in einem neutralen Raum vor einem Monitor, auf dem sie Quadrate in verschiedenen Farben sahen. Diese Farben sollten sie dann mit stufenlosen Schiebereglern in ein neutrales Grau umwandeln. Währenddessen wurden jedoch in wechselnder Reihenfolge fünf Düfte in den Raum eingeleitet: Karamell, Kirsche, Kaffee, Zitrone und Pfefferminze.

Dabei zeigte sich, dass die Probanden die Regler nicht auf das neutrale Grau einstellten, wie sie es unter den Kontrollbedingungen mit geruchlosem Wasserdampf machten. Sondern es war immer eine andere Farbnuance darin. So hatte ihr Grau bei Kirsch- und Kaffeeduft einen Trend zu Rot-Braun und bei Zitrone zu Gelb-Grün. Und auch bei Karamell ging die Farbverschiebung in jene Richtung, die man erwarten durfte, nämlich Gelb-Braun.

Bei Pfefferminze tendierte das Grau allerdings zu Rot-Braun. „Hier haben eher wir eine Assoziation mit Grün und Blau erwartet“, wundert sich Ward. Die Erwartung der Forscher war, dass die Probanden die Farbe der Pflanze und ihre kühlenden Wirkung im Sinn haben würden, die ja in der Regel mit Blau in Verbindung gebracht wird. Nichtsdestoweniger zeigen die Ergebnisse, wie Ward resümiert, „dass die Anwesenheit verschiedener Gerüche die Farbwahrnehmung des Menschen beeinflusst“. Dass dies in umgekehrter Richtung funktioniert, sei schon länger klar. „Ein orangefarbenes Getränk kann beispielsweise nach Orange schmecken, obwohl es in Wirklichkeit einen Kirschgeschmack hat“, erläutert der englische Sinnesforscher, der auch an der Entwicklung elektronischer Nasen arbeitet.

Mehrere Sinneskanäle werden genutzt

Für Heiko Hecht von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sind solche Beobachtungen nicht überraschend. „Eine Überraschung ist eher, dass es uns auch gelingt, die Sinnesmodalitäten voneinander zu trennen“, so der Experimentalpsychologe. Denn die Nutzung mehrerer Sinneskanäle habe in der Evolution einen großen Überlebensvorteil gebracht. Wer beispielsweise im Wald hinter sich ein Knacken hört, wird sich in der Regel umdrehen und in Richtung Geräuschquelle schauen, um sicher zu gehen, ob dort wirklich eine Gefahr lauert. „Mehrere Sinneskanäle geben eben ein zuverlässigeres Bild der Welt, als wenn wir nur einen davon nutzen“, erläutert Hecht.

Aber sie können sich eben auch gegenseitig beeinflussen und dadurch zu erstaunlichen Verschiebungen in der Wahrnehmung führen. So wie das Grau unter Kaffeeduft zum Rot-Braun tendiert. Aber auch der Geschmackseindruck ändert sich, wenn er visuell mit unterschiedlichen Reizen kombiniert wird.

Riesling schmeckt bei rotem Licht besser

Hecht und sein Forscherteam ließen 150 Probanden von ein und demselben Riesling kosten, allerdings in einer farblich wechselnden, nämlich roten, grünen, blauen oder neutral-weißen Umgebung. Mit dem Ergebnis, dass der Tropfen unter blauem Licht als besser und süßer schmeckend beurteilt wurde als unter weißem oder grünem Licht. Was aber Hecht am meisten verblüffte: „Die Teilnehmer gaben bei rotem Licht an, dass sie über einen Euro mehr für eine Flasche desselben verkosteten Weins zahlen würden als bei grünem Licht.“ Möglicherweise, weil sie grünes Licht eher mit Unreife und rotes Licht mit reifen Früchten assoziieren. Möglicherweise aber auch, weil sie sich in der roten Umgebung einfach wohler fühlen. Dagegen spricht allerdings, dass die Probanden auf Nachfrage angaben, sich in blauer Umgebung am wohlsten zu fühlen.

In einer französischen Studie gelang es sogar, ausgewiesenen Weinexperten ein Urteil mit typischen Rotwein-Begriffen wie „erdig“ und „adstringierend“ zu entlocken, obwohl sie nur einen rot gefärbten Weißwein im Glas hatten. Aber dass man sich so stark von der Farbe eines Lebensmittels beeinflussen lässt, ist erwartbar. „Das war für den Menschen immer schon überlebenswichtig“, betont Hecht. Man denke nur an das verschimmelte Brot, das uns aufgrund seiner Farbe vor dem Verzehr abhält.

Auch akustisch lässt sich Geschmack beeinflussen

Ähnliches gilt für die Beeinflussung des Geschmacks über die Akustik. Denn was beim Essen knackig klingt, ist in der Regel auch frisch. Es kann aber auch hilfreich sein, wenn es nicht knackig klingt. Experimentalpsychologen aus Oxford ließen ihre Probanden allesamt die gleichen Kartoffelchips essen, spielten ihnen dabei jedoch über Kopfhörer unterschiedliche Knuspergeräusche vor. Mit der Folge, dass deutlich weniger Chips verzehrt wurden, wenn sie von knusperschwachen Sounds begleitet wurden. Mit diesem crossmodalem Trick lassen sich unter Umständen viele Kilokalorien am Abend einsparen.

Alle Sinne beisammen

Als klassische Sinne des Menschen zählen seit der Antike: Hören, Riechen, Schmecken, Sehen und Tasten.

Daneben gibt es aber auch Sinne für Temperatur, Schmerzen und Gleichgewicht sowie für die Lage und Bewegungen des Körpers (Tiefensensibilität) und die inneren Organe (Viszerosensibilität). Zu letzteren zählen etwa Hunger, Durst und Harndrang.

Mehr als 50 % des menschlichen Gehirns sind in irgendeiner Weise an der Verarbeitung visueller Reize beteiligt. Wir sind also in erster Linie „Augen-Wesen“. Im Unterschied basiert die Sinneswahrnehmung von Hunden wesentlich auf dem Riechen.