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Vinton Cerf (Google): Spähen durchs Schlüsselloch

Panorama / Lesedauer: 8 min

Vinton Cerf (Google): Spähen durchs Schlüsselloch
Veröffentlicht:03.07.2016, 16:30
Aktualisiert:23.10.2019, 14:00

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Vinton G. Cerf ist einer der Väter des Internets: Im Interview mit Yannick Dillinger und Christoph Plate erzählt der Google-Mann über Privatsphäre und Algorithmen, die uns bestimmen werden.

Vinton G. Cerf ist ein elegant gekleideter, schlaksiger Herr. Der 73-Jährige gilt als einer der Väter des Internets. In den 1970er-Jahren war er an der Entwicklung von Internetprotokollen beteiligt, die die Kommunikation zwischen Computern auf der ganzen Welt ermöglichen. Yannick Dillinger und Christoph Plate haben mit dem vielfach Geehrten am Rande der Lindauer Nobelpreisträgertagungen über die Entwicklung des Internets, sein Verständnis von Privatsphäre und über seine Rolle als „Chief Evangelist“ des Internet-Riesen Google gesprochen. Der Mathematiker und Informatiker erinnert sich auch wehmütig an einen Studienaufenthalt in Stuttgart in den 1960er-Jahren.

Professor Cerf …

Ist nett, dass Sie mich so ansprechen. Aber ich bin schon seit 30 Jahren kein Professor mehr.

Aber Sie haben gelehrt.

Ja, das war 1976. Lange her. Ich habe 28 akademische Ehrentitel.

Wie sollen wir Sie ansprechen?

Nennen Sie mich Vint, so wie alle anderen auch.

Wissen Sie, wir Deutsche haben es nicht so mit dem Duzen.

Mal im Scherz: Meine Freunde nennen mich Vint. Sie können Dr.Cerf zu mir sagen.

Danke, Dr. Cerf. Waren Sie heute schon im Internet?

Aber natürlich.

Was haben Sie dort getan?

Zweierlei: E-Mails bearbeitet und einen Vortrag vorbereitet. Ich habe Daten verglichen. Ich wollte sichergehen, dass ich keine Aspekte bei der Darstellung des Internets auslasse. Und ich habe Tafeln vorbereitet über das, was in der Zukunft passieren wird.

Was passiert in der Zukunft – sagen wir: bis 2026?

Ich kann Ihnen sagen, welche Trends es gibt. Es wird höhere Verbindungsgeschwindigkeiten geben, noch mehr kabellosen Verkehr, die Software wird immer spezieller. Sie werden morgens aufstehen und Ihr Auto wird Ihnen sagen: „Rate mal, was ich alles kann!“ Das Internet der Dinge kommt, alles ist Internet. Anstatt etwas in eine Tastatur zu hämmern, werden wir mit den Maschinen reden – und die antworten uns. Wir versuchen das gerade bei Google mit Hochdruck umzusetzen. Unsere Programme werden den Wein erkennen, den wir trinken. Sie wissen, aus welcher Region er kommt und aus welcher Traube er gekeltert ist.

Das Netzwerk wird in den nächsten zehn Jahren praktisch unsichtbar werden. Wir werden sagen, was wir brauchen, das Haus hört uns zu. Wenn Sie außer Haus sind, wird das Smartphone Ihnen mitteilen, ob es irgendwelche Probleme gibt. Sie werden in der Lage sein, Ihr Auto herbeizurufen.

Das klingt alles faszinierend. Aber in Europa , speziell in Deutschland, sorgt man sich sehr um den Schutz der Privatsphäre. Sie haben einmal gesagt, dass Privatsphäre als etwas Anormales betrachtet werden könnte …

Damals, als ich in Stuttgart studierte, in den 1960er-Jahren, da wusste der Postmann im Dorf alles über jeden. Es gab keine Privatsphäre. Viele Menschen verwechseln Privatsphäre mit Anonymität. Als die Städte zu wachsen begannen, man unter Hunderttausenden anderen lebte, fühlte man sich wohl in der Anonymität. Das lag aber nur daran, dass einen niemand kannte. Mit Smartphones, Kameras und dergleichen mehr ist es heute sehr schwierig vorstellbar, die Privatsphäre zu sichern. Nehmen Sie das Beispiel Großbritannien: Dort gibt es derart viele Überwachungskameras, dass jeder Bürger 50- bis 60-mal am Tag erfasst wird. Es ist eine wahre Herausforderung, Menschen die Möglichkeit zu verschaffen, trotz all dieser Überwachung ihre Privatsphäre zu sichern. Auf der anderen Seite teilen Menschen ohnehin ohne viel nachzudenken alle möglichen Informationen über sich: auf ihrer Facebook-Seite.

Sie hingegen sind kaum auf Facebook aktiv.

Aber ich habe eine Facebook-Seite.

… auf der Sie zum letzten Mal 2013 etwas gepostet haben.

Ja, ich poste sehr unregelmäßig. Ich bin mehr auf Twitter unterwegs.

So wie vor ein paar Tagen, als Sie auf das angeblich beste Restaurant der Welt hinwiesen.

Sie haben wirklich Ihre Hausaufgaben gemacht…

Ist Twitter für Sie angenehmer als Facebook?

Auf Twitter ist man sehr schnell mit einer Information draußen, es ist auch leichter zu gebrauchen. Twitters Kürze ist ein großer Vorteil, Facebook braucht mehr Zeit und Facebook nervt mich. Wenn ich dort etwas erwähne, taucht es irgendwann auch in meinen E-Mails auf.

Sie machen sich Sorgen um die Privatsphäre auf Facebook?

Sorgen ist zu viel gesagt. Ich habe das bisher nicht als besorgniserregend empfunden. Ich bin ja sowieso im Lichte der Öffentlichkeit, Menschen fotografieren mich und stellen das auf ihre Webseite.

Wenn ich ein Google-Konto nutze und in einer Mail die Namen „Istanbul“ oder „Nairobi“ erwähne, dann bekomme ich eine Werbung für einen Flug an diese Orte. Ist das nicht auch nervig und eine Verletzung meiner Privatsphäre?

Nein, wir sagen Ihnen ja vorher, dass wir das tun. So finanzieren wir uns. Wir erstellen kein riesiges Dossier über Sie, wir spähen gewissermaßen durch das Schlüsselloch, wir überfliegen Ihre Mails nur. Das ist alles, was wir machen. Manche Leute meinen, wir würden alle diese Daten sammeln, um sie dann zu verkaufen. Täten wir das, wären wir sehr schnell vom Markt verschwunden.

Was halten Sie von Regierungen, die versuchen, den Datenverkehr ihrer Bürger zu kontrollieren?

Wir haben nicht geahnt, dass es so etwas geben würde. Wir waren stinksauer, als wir den Snowden-Bericht gelesen haben und wir haben die Verschlüsselung unseres gesamten Datenverkehrs vorangetrieben. Wir empfehlen, dass man die sichere Verbindung „https“ nutzt, wir verschlüsseln ständig.

Sind die Europäer altmodisch, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht?

Sagen wir es so: Es gibt hier in Europa eine deutlich stärkere Neigung zur Regulierung. Ein informierter Konsument kann sich besser entscheiden. Viele trauen sich aber nicht, diese Entscheidungen selbst zu treffen und rufen nach ihrer Regierung.

Müssen wir uns für die Zukunft auf mehr Konflikte zwischen Firmen wie Google und nationalen Regierungen einstellen?

Eine Regierung soll Ordnung schaffen in einer Gesellschaft. Der Vertrag besteht darin, dass Sie einige Ihrer persönlichen Freiheiten aufgeben, um in einer sichereren Gesellschaft zu leben. Lebten wir in einer Anarchie und ich würde Sie erschießen, müsste ich nichts fürchten. In einer solchen Gesellschaft möchte ich nicht leben. Das andere Extrem wäre eine Regierung, die zu jeder Zeit wüsste, was ich tue. Das wäre zwar eine sichere Gesellschaft, aber auch in der will ich nicht leben. Jede Gesellschaft muss diesen Gesellschaftsvertrag für sich selbst aushandeln.

Das ist im Internet ein bisschen schwierig ...

Richtig, denn das Internet kennt keine Grenzen, es ist ein völlig transnationales Konzept. Das bedeutet, dass der Schaden, der Ihnen im Internet zugefügt wird, vielleicht von jemandem ausgeht, der einer anderen Rechtsprechung unterliegt. Es muss also internationale Abkommen darüber geben, was akzeptabel und was nicht akzeptabel ist. Die Diskussionen laufen seit Langem, sind aber noch nicht richtig vorangekommen.

Bei all der berechtigten Euphorie über den technischen Fortschritt: Das Internet hat auch Arbeitsplätze zerstört. Es ist der Kriegsschauplatz des 21. Jahrhunderts, etwa beim Cyber-Krieg. Müssen wir damit leben?

Stellen Sie sich das Internet so ähnlich wie ein Straßensystem vor. Wir haben eine Technik geschaffen, um Straßen zu bauen. Und wir haben gesagt: Bitte fahrt nur auf einer Seite der Straße, baut die Autos nicht länger als soundso. Solange ihr diesen Anweisungen folgt, könnt ihr euch auf diesem Straßensystem bewegen. Wir haben nicht vorgeschrieben, wohin die Gebäude kommen, wie sie aussehen, wie viele Stockwerke sie haben. Das ist die Metapher für das Web: Es weiß nicht, wie es transportiert und was es befördert.

Wenn Sie in den Spiegel schauen und Ihnen nicht gefällt, was Sie dort sehen, wird es wenig helfen, wenn Sie den Spiegel auswechseln. Wenn Sie unglücklich sind mit dem, was Sie im Internet finden, sind Sie nicht unzufrieden mit dem Web, sondern mit den Menschen, die es benutzen oder missbrauchen. Wir haben ein solches Problem ja nicht zum ersten Mal.

In Deutschland werden einige sehr gute Automobile hergestellt. Aber die Menschen trinken und fahren, sie überfahren andere, sie zerstören. Deshalb werden wir doch nicht die Straßen abschaffen und die Autos verschrotten. Wir sagen: Bei uns gelten bestimmte Verhaltensweisen. Wenn wir Sie dabei erwischen, dagegen zu verstoßen, wird es Konsequenzen geben. Dazu gibt es technische Hilfsmittel. Der Druck des sozialen Umfelds ist aber der größte, auch im Internet.

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