Picknick

Was die Menschen am Picknick so schätzen

Panorama / Lesedauer: 7 min

Was dem Briten sein Picknick, ist dem Bayer seine Biergarten-Brotzeit – Warum es Menschen zum Speisen in die Natur zieht
Veröffentlicht:02.07.2022, 05:00
Aktualisiert:02.07.2022, 05:01

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Freilich kann man eine große Decke ausbreiten, alles schön anrichten, kunstvoll drapierte Sandwiches zur Hand nehmen, die polierten Kristallgläser füllen und dann anstoßen. Das geht aber auch genauso gut und rustikaler auf einer Bank im Park oder am Wegesrand einer Wanderrunde mit Weckle und Wurstzipfel. Welchen Namen man der kulinarischen Prozedur unter freiem Himmel dann gibt, kann eigentlich egal sein. Wichtig ist nur, dass man was Gutes dabei hat. Dann ist es auch sprichwörtlich wurscht, ob wir von Picknick sprechen oder von profaner Brotzeit. Müßig erscheint dann auch die Antwort auf die Frage, wer’s denn eigentlich erfunden hat. Geklärt ist das nämlich keineswegs eindeutig, auch wenn die Engländer die Urheberschaft des Picknicks mit Nachdruck für sich reklamieren.

Und wenn das Picknick nun gar keine typisch britische Erfindung wäre? Obwohl die Engländer schließlich auf der ganzen Welt dafür bekannt sind, dass sie immer und überall picknicken können: beim Cricket, beim Pferderennen, ja, früher sogar am Rande des Schlachtfeldes und auf dem Friedhof. Mehr als ein paar wärmende Sonnenstrahlen, eine Decke und reichlich gute Laune brauchen sie dazu nicht. Na ja, außer vielleicht ein paar Sandwiches, ein bisschen Lachspastete und natürlich jede Menge Champagner.

Wer hat’s erfunden?

Historiker verweisen aber auf einen Eintrag in dem französischen Aufsatz „Les Origines de la Langue Françoise“ von 1650. Demzufolge käme zumindest das Wort „Picknick“ vom französischen „pique nique“, was so viel bedeutet wie „eine Kleinigkeit aufpicken“. Damit wäre zumindest schon einmal klargestellt, dass ein Picknick sehr viel mehr ist als nur eine bloße Nahrungsaufnahme unter freiem Himmel. Ein Picknick ist pure Sinnenfreude, ein Vergnügen, zu dem man sich ganz bewusst im Grünen verabredet. Es vereint den Müßiggang mit anregenden Gesprächen und stilvollem Genuss.

Nichts anders passiert übrigens – vielleicht nicht ganz so prätentiös – in einem anständigen bayerischen Biergarten, der es noch gestattet, die eigene Brotzeit mitzubringen und zu verzehren. Prickelndes Extra: Im Biergarten braucht sich der Picknicker keine Gedanken um die Getränke zu machen. Denn da ist frisch Gezapftes immer in Reichweite. Was man sonst noch dazu braucht? Radi, Speck und zünftiges Brot. Oder alles andere, was einem zum Bier gut schmeckt.

Was das klassische Picknick und dessen Ausstattung angeht, so sind der Fantasie und damit dem Geldbeutel kaum Grenzen gesetzt. Man kann locker 100 Euro allein für einen schicken Picknickkorb ausgeben, in dem dann aber auch jedes Messer seine Schlaufe, jeder Teller seinen Gurt und jedes Gläschen seinen Halter hat. Inklusive verschiedener Fächer, die mittels Kühlakku Speis’ und Trank frisch halten. Die Standardgröße ist für zwei Hungrige geeignet. Die Körbe für sechs Personen sind dann ganz schöne Brummer, sodass es schon etwas schön mühselig wird, das Trumm allzu weit vom Auto zum angestrebten Platz schleppen zu müssen.

Der Adel hat damit angefangen

Historisch betrachtet gehörten zum Picknick manchmal auch Musik und Tanz, was in einigen Ländern auch heute noch so ist. Aus genau diesen Gründen war das Privileg auch lange nur dem Adel vorbehalten, denn wer sonst hatte dereinst schon die Zeit und das Geld, sich derartigen Vergnügungen hinzugeben? Historiker gehen heute so auch davon aus, dass die Wurzeln des Picknicks wohl in den aristokratischen Jagdgesellschaften zu suchen sind. Wenn die Hochwohlgeborenen nach der Jagd etwas Entspannung suchten und natürlich auch etwas essen und trinken wollten, dann wurde ganz selbstverständlich direkt vor Ort mitten im Grünen aufgetischt.

Und in der Gegenwart? Schwer im Trend sind heute mittlerweile Picknicks, die organisiert angeboten werden und zu Orten führen, an die man sonst nicht so selbstverständlich gelangt. In Lindau am Bodensee etwa gibt’s beim Weingut Haug ein sogenanntes „Picknick to rent“. Will heißen, der Winzer kümmert sich um die kulinarische Ausgestaltung, natürlich mit den hauseigenen Weinen. So bepackt, geht’s in die Weinberge, wo sich das Freiluftvergnügen genussvoll mit Anekdoten und Wissenswertem aus dem Weinbau verbindet. Alternativ geht’s auch ohne persönliche Führung mit nichts als dem Spaß an der Freude. Der kulinarische Korb „klassisch“ kostet 37 Euro und reicht für zwei. Enthalten sind Käse, Wurst, Gemüse der Saison, Brot, eine Flasche Wein und Wasser.

Heute kann man die Picknickkiste online bestellen

Das Café Karamell in Friedrichshafen hat das Picknick ebenfalls als Geschäftsmodell für sich entdeckt. In einem detaillierten Online-Prozess lässt sich eine Picknickkiste zusammenstellen, die ganz dem individuellen Geschmack entspricht. Die Auswahl ist erstaunlich – und reicht von diversen Stullen über Salate, Rührei-Variationen, sowie Süßem aus dem Glas wie Milchreis oder Käsekuchen, bis hin zu Heiß- und Kaltgetränken. Und wohin mit der ganzen Pracht? Auch dafür hat das Café Karamell eine Lösung – und zwar in Form von definierten Touren-Vorschlägen. Gegliedert danach, ob man zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto unterwegs ist. Der Preis für den ganzen Picknick-Spaß richtet sich nach der individuellen Bestellung. Details finden sich unter www.cafekaramell.de .

Aber zurück in die Vergangenheit: Natürlich gelüstete es die Blaublüter danach, möglichst stilvoll zu speisen und sich dabei auch noch zu amüsieren. Und weil das Ganze in Adelskreisen so gut ankam, eiferten in der Renaissance dann auch immer mehr reiche Kaufleute dem Adel nach. „Am Ende des 17. Jahrhunderts setzte eine regelrechte Stadtflucht ein“, meint die Ethnologin Caroline Mame de Beaurepaire vom „Institut français du goût“. „Die Luft war dort so unerträglich schlecht.“ Die Französische Revolution machte dann die königlichen Gärten, Parkanlagen und Wälder auch den ganz normalen Bürgern zugänglich – und das nicht nur in Frankreich.

Bloß raus aus den stickigen Städten!

Im Zuge der Industrialisierung konnten sich bald immer mehr Menschen die kleine Flucht ins Grüne leisten. Das war auch bitter nötig, denn die Städte erstickten damals in Smog und Dreck. Kein Wunder also, dass Picknicks ausgerechnet in England, der Wiege der Industrialisierung, immer beliebter wurden. „Picknicks kamen zur Regierungszeit Königin Victorias ganz groß in Mode“, weiß die australische Kulturhistorikerin Diana Noyce. Die Queen ging selbst mit gutem Beispiel voran und picknickte wann immer und wo immer es nur ging. Die britische High Society zog nach und speiste bei gesellschaftlichen Ereignissen wie etwa dem Derby von Epsom, der Regatta von Henley oder auch beim Kricket in Harrow und Eton stilvoll unter freiem Himmel.

Aber damit nicht genug: Bald fanden sich die Picknick-Gesellschaften auch in den großen Kriegsschauplätzen der Zeit ein. Die Napoleonischen Kriege, der Amerikanische Bürgerkrieg, vor allem aber auch der Krimkrieg 1853 bis 1856 wurden ausgiebig zum Picknicken genutzt. Ausgerüstet mit gefülltem Essenskorb und Fernstecher amüsierte man sich am Rande des Schlachtfeldes mit Gänseleberpastete und Schildkrötensuppe, während in unmittelbarer Sichtweite Freund und Feind ihr Leben ließen. Feinkosthersteller aus aller Welt reisten auf die Krim, damit es den Picknickern auch ja an nichts fehlte. „Die Damen genossen das Vergnügen sehr“, schwärmte Captain Robert Portal vom Vierten Leichten Dragoner-Regiment damals in einem Brief an seine Schwester.

Was die Thermoskanne fürs Picknick bedeutete

Um die Jahrhundertwende herum kündigte sich eine neue Erfindung an, die das Picknicken revolutionieren sollte: die Thermoskanne. 1903 ließ sich der deutsche Glasbläser Reinhold Burger die Isolierflasche mitsamt Trinkbecher patentieren, die damals noch mit einem Korkverschluss ausgestattet war. Damit war es nun erstmals möglich, heiße Getränke und Speisen mitzunehmen. Der kleine Kocher, der bis dahin Bestandteil vieler Picknickkörbe war, konnte von nun an zu Hause bleiben. Immer öfter leistete sich jetzt auch Otto Normalverbraucher sein Picknick, nachdem die neuen Transportmittel Eisenbahn, Dampfschiff, später auch Fahrrad und Automobil den Abstecher ins Grüne erschwinglich machten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg griff die Begeisterung für das gute alte Picknick schnell wieder um sich. Auf der bald schon obligatorischen Urlaubsfahrt in wärmere Gefilde wurde ganz selbstverständlich am Wegesrand Rast gemacht. Heute machen es die modernen All-inclusive-Pauschalreisen und öffentlichen Grillplätze dem Picknick nicht ganz leicht. Aber eigentlich war es ja schon immer sehr viel mehr als nur eine einfache Mahlzeit im Grünen.