Weißbartgnu

Serengeti lebt – dank Grzimek

Panorama / Lesedauer: 6 min

Der Biologe hat dafür gesorgt, dass der Ngorongoro-Krater in Tansania noch heute eine der tierreichsten Regionen Afrikas ist
Veröffentlicht:27.03.2015, 16:47
Aktualisiert:24.10.2019, 04:00

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Der Tag beginnt mit einem Schakal, fünf Weißbartgnus und einem Leoparden. Letzterer liegt auf dem Ast einer Gelbfieberakazie, räkelt sich und scheint ausgesprochen guter Laune zu sein – soweit man das einem Leopard ansehen kann: In der Astgabel über ihm hängt, seltsam gespreizt, eine gar nicht so kleine, frisch gerissene Thomson-Gazelle. Wie hat er die dort hochgekriegt? „Kein Problem für einen Leoparden“, erklärt Führer Malley Gwandu seinen Gästen im Landcruiser. „Er schleppt bis zum Doppelten seines eigenen Gewichtes.“ Vier Tage lang hält das Fleisch an der frischen Luft. Streitig macht es ihm dort keiner. „Die Geier, die dafür in Frage kämen, fressen nicht auf dem Baum.“

Wie ein Puzzle

Der Nebel hebt sich im Ngorongoro-Krater in Tansania. Die knochigen grünen Finger der Kandelaber-Euphorbien treten aus dem Dunst, Wolken quellen über den Kraterrand wie ein weißer Pelzkragen. Ganz oben am Hang in 3000 Metern Höhe thront die Ngorongoro-Wildlife-Lodge gleich einem Schloss. Von dort liegt die 17 mal 21 Kilometer große Ebene dem Besucher zu Füßen wie ein Puzzle aus gelber Steppe, dunkelgrünem Wald und hellblauem See. Flüsse durchziehen es wie Adern, eine Sumpfniederung erinnert an den Fleck auf einem Röntgenbild. Der Kessel liegt im Südosten der Serengeti , jenem Landstrich von fast der Größe Schleswig-Holsteins, der geprägt ist von flachen Savannen, Flüssen und Schirmakazien.

Es waren Bernhard Grzimek und sein Sohn Michael, die dieses Stück Land vor über 50 Jahren weltberühmt gemacht haben. „Serengeti darf nicht sterben“ – das Buch wurde zum Bestseller und in 23 Sprachen übersetzt, der Film erhielt als erster deutscher Streifen nach dem Zweiten Weltkrieg in Hollywood einen Oscar. Er zeigt, wie die Grzimeks von ihrer schwarz-weiß gestreiften Dornier-27 aus Zebras zählten, wie sie Gnus aus Schlingen befreiten und mit dem Massai-Ältestenrat diskutierten. Von oben dokumentierten sie erstmals die große Wanderung der Wildtiere und sorgten dafür, dass der seit 1951 bestehende, großflächige Nationalpark nicht zerstückelt wurde, wie es die Regierung Tansanias plante. Zäune hätten das Ende des jährlichen Zuges bedeutet. Grzimek vertraute dem jungen Präsidenten Julius Nyerere, und der verstand, welche Bedeutung der Naturschutz für die Zukunft seines Landes haben könnte. Dank der Arbeit der beiden Deutschen machen sich auch heute noch jedes Jahr fast zwei Millionen Zebras, Gnus und Gazellen auf den Weg nach Norden und folgen Regen und sprießendem Gras, mehr als tausend Kilometer durch den Grumeti und den Mara-Fluss, wo riesige Krokodile träge lauern. Heute kann man gar nicht anders, als dem charismatischen Frankfurter Zoodirektor dankbar zu sein, dass er sich nicht beirren ließ: Die Serengeti lebt.

Um die 25 000 Tiere, schätzt man, gibt es heute im Ngorongoro-Krater. Zebras flanieren über die Piste wie ein Horde schnippischer Teenager, eine Riesentrappe schreitet gravitätisch durchs Gras, zwei Geparden trotten gelassen am Landcruiser vorbei. In der Ferne, klein, und doch deutlich zu erkennen, steht ein Spitzmaulnashorn still und starr wie ein schwarzes Monument Afrikas. Vielleicht ein Dutzend von ihnen leben noch im Krater, abseits der befahrenen Pisten. Wehe, einer der Wagen verließe die vorgegebene Spur und näherte sich ihnen: Der Fahrer wäre umgehend seine Lizenz los – vom Kraterrand aus beobachten nämlich Ranger den ganzen Tag die Ebene.

Enormer Tierreichtum

Büffel, Löwen, Warzenschweine – an Tieren herrscht wahrlich kein Mangel hier. Elefanten kommen daher wie abgeklärte Boten aus der Vergangenheit. Paviane spielen die Angeber, die gerade verächtlich ihre Hosen heruntergelassen haben. Hyänen – allein der Haltungsschaden und der unterwürfig-verschlagene Blick! Und wer sonst vermag so gräfinnenhaft herunterzublicken wie ein Giraffe von ihrer hohen Warte aus? Es ist ein menschliches Bedürfnis, Tieren uns verwandte Züge anzudienen – und zugleich ein untauglicher Versuch, die fremden Geschöpfe auf ein menschliches Maß zurechtzustutzen.

Die Frankfurter Zoologische Gesellschaft führt Grzimeks Erbe in ihrer Station in Seronera weiter. Ging es während der ersten Jahrzehnte vor allem darum, die Parkgrenzen zu sichern, so genügt heute klassischer Naturschutz nicht mehr. Zwar werden immer noch Zebras gezählt und Gnus mit Sendern versehen, man bildet Ranger weiter und finanziert mobile Tierärzte. Aber Tansanias Bevölkerung wächst, Gärten und Felder rücken immer näher an die Parkgrenzen heran. Die Duldsamkeit, wenn Elefanten ein paar Quadratmeter Mais wegfuttern oder eine Gnuherde das Hirsefeld zertrampelt, nimmt ab. Die letzten Massai, die im Krater lebten, wurden 1970 ausgesiedelt – weshalb ganz alte Stammesangehörige noch immer nicht allzu gut auf die Grzimeks zu sprechen sind. In den Randgebieten lassen die Ureinwohner ihre Rinder weiden und dürfen sie zu bestimmten Jahreszeiten auch im Krater tränken. „Wir versuchen, die Menschen rund um den Park in den Naturschutz einzubinden“, sagt ein Ranger. „Sie sollen lernen, ihr Land selbst zu verwalten, sie können Wildhüter ausbilden und Wandertouren entwickeln, die zu Wildtieren führen – kurz: sie müssen etwas davon haben, wenn sie die Tiere schützen.“

So versuchen es manche mit Tourismus. Ist im Massai-Dorf Obedi der Eintritt bezahlt, rückt die Phalanx der hochgewachsenen Männer und Frauen an und beginnt zu singen und zu tanzen. Die Jungs machen sich einen Spaß aus den berühmten Luftsprüngen – besonders, wenn kurzatmige Europäer auch ein paar Zentimeter hochzuhopsen versuchen. Kiloki ist einer der drei Führer, die der Stamm in die Schule geschickt hat, um Englisch zu lernen. Er zeigt die Hütten aus Holz, Gras und Kuhdung, erklärt im Halbdunkel neben einer Feuerstelle, wie die Massai ihren Rindern das Blut abzapfen, von dem sie sich ernähren, und dass das Geld aus dem Tourismus dazu dient, während der Trockenzeit Wasser für die Kühe zu kaufen. In der Schule stimmen die Kinder wie auf Knopfdruck ein Lied an, und am Dorfzaun hängen Lederschilde, perlenbestickte Armbänder und geschnitzte Keulen zum Verkauf. Das Dorf wurde extra für Touristen eingerichtet, der Häuptling achtet darauf, dass die Besetzung alle paar Wochen wechselt. Es ist der Versuch eines Kompromisses zwischen den Wünschen der Touristen, „Massai live“ zu erleben, und deren eigenen Vorstellungen, Geld an den Besuchern zu verdienen und doch das Alltagsleben nicht deren Neugier zu opfern.

Ein Platz für die Asche

Ganz oben auf dem Rand des Ngorongoro-Kraters steht eine gemauerte Steinpyramide. Sie wurde errichtet, nachdem Michael Grzimek am 10. Januar 1959 mit dem Flugzeug im Krater abgestürzt war. Die Asche von Bernhard Grzimek kam nach seinem Tod 1987 dazu. „A lifetime of caring for wild animals and their place on our planet“ – er hat sich ein Leben lang um wilde Tiere und um ihren Platz auf unserem Planeten gekümmert. Es hat sich gelohnt: Serengeti wird nicht sterben. Und der Ngorongoro-Krater bleibt einer der faszinierendsten Flecken des wilden Afrikas.