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Schlager-Star Anita Hofmann spricht über ihre Magersucht

Meßkirch / Lesedauer: 6 min

„Es war eine toxische Mischung“. Schlagersängerin Anita Hofmann schreibt offen über das Showgeschäft, Essstörungen, Medikamente, Haarausfall – und ihre Schwester.
Veröffentlicht:10.02.2024, 10:00

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Sei einfach nur schön“. So lautet der Titel des ersten Buchs der Schlagersängerin Anita Hofmann, das sie am 25. Februar bei einer Lesung im Schloss Meßkirch vorstellt.

Die „Schwäbische Zeitung“ durfte die 196 Seiten umfassende Autobiografie vorab lesen. Sie offenbart unbekannte Seiten der 46-jährigen Künstlerin, die nach Außen stets strahlt, aber innerlich extrem verletzbar ist.


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Schlagersängerin Anita Hofmann liest am 25. Februar 2024 im Schloss Meßkirch aus ihrer bewegenden Autobiografie “Sei einfach nur schön“. Der Eintritt ist frei. Anmeldung: Tel. 0173/8608187
Schlagersängerin Anita Hofmann liest am 25. Februar 2024 im Schloss Meßkirch aus ihrer bewegenden Autobiografie “Sei einfach nur schön“. Der Eintritt ist frei. Anmeldung: Tel. 0173/8608187 (Foto: OH)

Es geht um Krankheiten, Essstörungen, Selbstzweifel, psychische Probleme – aber auch um Lösungswege aus Lebenskrisen. Hofmann gibt der „Schwäbischen Zeitung“ das nachfolgende Interview. Schwäbische.de veröffentlicht exklusiv das Kapitel „Schneewittchen“ der Autobiografie.

Frau Hofmann, warum heißt das Buch „Sei einfach nur schön“?

Ich hatte als 11-Jährige bereits mehr als 200 Auftritte pro Jahr. Ich musste in einer perfekten Glitzerwelt funktionieren. Ich musste immer schön sein. Dieser Satz hat mich jahrelang verfolgt. Er spiegelt einen Teufelskreis wider, der mich letztlich krank machte.

Sie schreiben offen über Ihre Neurodermitis, Essstörungen und Bulimie. Wie kam es dazu?

Ich wurde mit Neurodermitis geboren. Hautunreinheiten, Juckreiz und so weiter. Das ist unangenehm, aber damit kann man leben. Im Showgeschäft ist das allerdings schwierig. Ich musste mich vor jedem Auftritt mit Make-up zukleistern. Gleichzeitig pumpten mich die Ärzte mit Medikamenten voll. Das führte zu Haarausfall. Jede Frau weiß, was das bedeutet. Das potenziert sich mal zehn, wenn man in der Öffentlichkeit steht.

Hatten Sie Angst, dem Druck nicht standzuhalten?

Ja. Ich bekam in den Jahren 1997 bis 2007 psychische Probleme. Ich hatte das Gefühl, nicht schön genug für diese Glitzerwelt zu sein. Ich fand mich mit etwas Babyspeck und Dellen im ständigen Vergleich mit meiner Schwester Alexandra auch zu dick. Ich bekam Essstörungen.

Ich wurde magersüchtig. Am Ende einer Bulimie, die man so bezeichnen muss, wog ich 43 Kilo. Zum Vergleich: Heute sind es etwas über 58 Kilo. Trotzdem habe ich lange Zeit ein normales Essverhalten vorgetäuscht. Es bekam niemand mit, dass ich mich an der nächsten Toilette sofort übergeben musste.

Wie sind Sie aus diesem Teufelskreis herausgekommen?

Es gab mehrere Schlüsselerlebnisse. Meine Eltern nannten mich in meiner Kindheit liebevoll Schneewittchen. Ich habe irgendwann bei den Gebrüdern Grimm nachgelesen, wer dieses Schneewittchen eigentlich ist. Eine wunderschöne Figur, aber ohne eigenen Charakter. Da erkannte ich Parallelen zu meinem Leben. Ich war als Kind immer fremdbestimmt. Ich musste nur performen und schön sein. Ich war nicht ich selbst. Es war eine toxische Mischung, Unfreiheit gepaart mit Selbstzweifeln.

Anita Hofmann hat 2022 den Radiomoderator Christian Filip geheiratet. In ihrer Autobiografie schreibt Hofmann auch über ihre Beziehungen.
Anita Hofmann hat 2022 den Radiomoderator Christian Filip geheiratet. In ihrer Autobiografie schreibt Hofmann auch über ihre Beziehungen. (Foto: dpa)

Deshalb beschlossen Sie, nicht länger Schneewittchen zu sein?

Ja. Aber das war kein einfacher Prozess. Als die Neurodermitis in der Pubertät zurückging, kam plötzlich eine Lebensmittelallergie. Soja, Nüsse, Mandeln, Pistazien, Pinienkerne, Pesto – auf all das reagiert mein Körper bis heute allergisch. Damals mussten wir erstmal herausfinden, was das alles ist.

Es kam zu Schockreaktionen, wenn ich etwas aß, auf das ich allergisch war: Hautausschlag, geschwollene Augen, Anschwellen der Atemwege. Es bestand teilweise Erstickungsgefahr, der Notarzt musste gerufen werden. Es waren knappe Momente dabei. Das mussten wir alles geheim halten. Im Showgeschäft musste alles perfekt sein. Wie es mir ging, wurde nicht gefragt.

Wann haben Sie sich vom schönen Schneewittchen sinnbildlich verabschiedet?

Ich muss noch etwas ausholen. Als ich die Lebensmittelallergie im Griff hatte, kam die Neurodermitis zurück. Mein Körper zeigte mir immer noch, dass irgendwas nicht stimmte. Ich schreibe in meiner Autobiografie: „Die Neurodermitis war die Disharmonie in meinem Leben.“ Dagegen steht die Magersucht, die mich lange Zeit plagte. Die Magersucht war die unbedingte Suche nach Freiheit und Selbstständigkeit. Dabei gab es wieder ein Schlüsselerlebnis.

Welches?

Ein Arzt sagte zu mir: „Sie werden immer krank bleiben!“ Ich habe dann den Ordner mit meinen Arztbefunden genommen, das Schild ‚Krankheit‛ abgerissen und durch ‚Gesundheit‛ ersetzt. Ich habe mir selbst gesagt: „Eine Krankheit darf keine Strafe sein!“ So habe ich es geschafft, mich gesund zu fühlen.

Ich habe mich quasi selbst therapiert. Das ist auch eine der Quintessenzen meines Buchs. Ich gebe den Leserinnen und Lesern Tipps, wie sie persönliche Krisen bewältigen können. Das Buch ist ein Ratgeber. Trotzdem kann in Zusammenhang mit meinen leidigen Krankheiten auch gelacht werden.

Anita Hofmann (l.) stand 35 Jahre mit ihrer Schwester Alexandra auf der Bühne – wie hier bei der ARD-Unterhaltungssendung „Immer wieder Sonntags“. Alexandra Hofmann hatte sich vor einigen Monaten entschieden, eine Solokarriere zu starten. Jetzt veröffentlicht auch Anita ihre ersten Solosingle mit dem Titel „Voll auf Schlager“.
Anita Hofmann (l.) stand 35 Jahre mit ihrer Schwester Alexandra auf der Bühne – wie hier bei der ARD-Unterhaltungssendung „Immer wieder Sonntags“. Alexandra Hofmann hatte sich vor einigen Monaten entschieden, eine Solokarriere zu starten. Jetzt veröffentlicht auch Anita ihre ersten Solosingle mit dem Titel „Voll auf Schlager“. (Foto: imago)

Worüber denn?

Es gab einen ganz banalen Fehler. Eine analoge Körperwaage hatte weniger Kilos angezeigt, als ich wog. Ich habe mit gutem Gefühl mehr gegessen. Das hat ebenfalls geholfen, von der Magersucht wegzukommen. Hinzu kam Glück. Ich hatte acht Jahre nach einer Therapie gegen die Neurodermitis gesucht. In der Optomed-Lichtklinik in Düsseldorf wurde eine Bestrahlung der Haut mit Laser vollzogen.

Dabei wurde die Krankheit quasi aus dem Körper rausgezogen. Heute habe ich glatte Haut und bin gesund. Meine Haare sind nachgewachsen. Rückblickend kann ich sagen: Meine Gesundheit wäre komplett ruiniert worden, wenn ich nicht einen Weg aus der Medikamentenspirale gefunden hätte. Mein neues Selbstbewusstsein spielte dabei eine große Rolle. Das Ende von Schneewittchen.

Wie hat es sich angefühlt, diese privaten Dinge so offen aufzuschreiben?

Ich wollte bewusst in die Tiefe gehen. Ich hatte Interviews mit dem Verlag geführt und dann viele Erlebnisse aufgeschrieben und nachgereicht. Als ich die ersten Seiten bekam, habe ich vieles umgeschrieben. Ich wollte, dass jeder Satz stimmt. Manchmal habe ich gelacht, manchmal flossen Tränen. Ich habe mein Leben nochmal komplett durchlebt. Das kann ich jedem empfehlen. Man reflektiert viele Dinge. „Sei einfach nur schön“ zählt für mich nicht mehr. Mein Schlüsselsatz lautet: „Sei einfach du selbst!“

An dieser Stelle fehlt der Platz, alle Kapitel Ihres Buches zu beleuchten. Welche würden Sie noch herausheben?

Auch mal etwas lustiges. Wie ich mal zur Frau von G. G. Anderson wurde. (lacht) Wie es grundsätzlich in der Liebe lief. Wie ich zur Musik kam. Natürlich das Verhältnis zu meinen Eltern. Ich will aber nicht zu viel verraten.

Spannend ist auch, wie Sie die überraschende Entscheidung Ihrer Schwester Alexandra bewerten, nach 35 Jahren im Duett als Solokünstlerin aufzutreten. Wie fassen Sie dieses Kapitel zusammen?

Sie sagen es richtig: Es war Alexandras Entscheidung, unsere gemeinsame Zeit auf der Bühne zu beenden. Nicht meine. Das hat mich zunächst betroffen gemacht. Hinter den Kulissen waren unsere Persönlichkeiten wie zwei Instrumente, die manchmal harmonisch verschmolzen sind, aber oft dissonant aufeinanderprallten.

Als Schwestern sind wir so verschieden wie Tag und Nacht. Ich stelle in dem Buch die Frage: „Kann man einer Schwester kündigen?“ Meine Schwester wird in diesem Jahr 50. Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute für ihre Musik, für ihre Kunst und für ihre Familie. Sie wird sicher ihren Weg gehen, genauso wie ich.

Anita (r.) und Alexandra Hofmann haben Spaß beim Redaktionsbesuch, hier mit Chefredaktionsmitglied Robin Halle.
Anita (r.) und Alexandra Hofmann haben Spaß beim Redaktionsbesuch, hier mit Chefredaktionsmitglied Robin Halle. (Foto: Stefanie Rebhan)

Ihre Schwester hat bereits ein Album als Solokünstlerin veröffentlicht. Wann ziehen Sie nach?

(lacht) Seit dem 9. Februar gibt es meine neue Single „Voll auf Schlager“. So heißt auch mein erstes Album, das am 24. Mai erscheint. Ich habe zwei Jahre daran gearbeitet. Es sagt ebenfalls viel über mich aus.

Lesung

Schlagersängerin Anita Hofmann liest am 25. Februar 2024 im Schloss Meßkirch aus ihrer bewegenden Autobiografie „Sei einfach nur schön“. Der Eintritt ist frei. Anmeldung: Tel. 0173/8608187, E-Mail: [email protected]


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