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Ravensburger Band "Provinz" im Interview zum Southside-Auftritt

Neuhausen ob Eck / Lesedauer: 7 min

Auf Streaming-Diensten erreicht die Band Provinz aus Vogt bei Ravensburg Millionen Hörer. Mit ihrem Auftritt am Freitag auf dem Southside habe sie ein Etappenziel erreicht.
Veröffentlicht:17.06.2022, 19:17

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Sie haben lange auf diesen Moment gewartet - seitdem sie selbst als Gäste vor einigen Jahren auf dem Southside-Festival waren. Nun haben sich Provinz aus Vogt bei Ravensburg auf der Blauen Bühne einen Traum erfüllt und den Festival-Freitag eröffnet.

Tausende Fans feierten die drei Cousins Vincent Waizenegger (Gesang), Robin Schmid (Keyboard), Moritz „Mosse“ Bösing (Bass) und ihren Freund Leon Sennewald (Schlagzeug). Im Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ erklären sie, warum das Musikmachen mit Familienmitgliedern mehr Segen als Fluch ist und wie sie es geschafft haben, trotz Veröffentlichung ihres Debütalbums während der Corona-Pandemie so durchzustarten.

Im April 2020 wolltet Ihr Euer erstes Album veröffentlichen - dann kam Corona und alles wurde anders. Wie haben sich die vergangenen zwei Pandemie-Jahre angefühlt? Wie in der Warteschleife?

Wir waren erst noch unterwegs auf Support-Tour, zwei Wochen später wäre unsere eigene losgegangen. Gut war: Wir hatten plötzlich Zeit, was wir die Jahre davor nie hatten. Und wir haben viele coronakonforme Konzerte gespielt wie Picknick-Konzerte.

Vincent: Wir kannten es ja gar nicht anders.

Robin: Das Touren jetzt fühlt sich an wie eine Belohnung.

Eben standen Tausende vor der Blauen Bühne des Southside-Festivals, haben Eure Lieder mitgesungen und Euch gefeiert. Wie habt Ihr diese Community trotz Pandemie erschaffen? Einfach nur durch gute Musik?

Mosse : Ich glaube, das hat zwei Gründe: Die Texte schaffen Bilder bei den Leuten. Und wir sind echt auf der Bühne.

Robin: Wir schauen selbst manchmal völlig perplex auf unsere Streaming-Zahlen. Wir wissen manchmal selbst nicht, wie wir da hingekommen sind.

Auf der Bühne hast Du, Vincent, gesagt: „Ihr habt keine Ahnung, wie krass es von hier oben aussieht.“ Wie denn? Was ist das für ein Gefühl?

Vincent : Es ist ein Meer aus Menschen. Es ist, als würde die ganze Menge mit uns zu einem großen Wesen werden und mit uns zusammen feiern. Es ist egal, wie man tanzt, ob man den Text richtig singt oder nicht. Alle halten zusammen. Und wenn sie dann noch unsere Texte fühlen, ist es schon schade, dass die manchmal nicht sehen, was wir sehen. Es war brutal heiß! Respekt vor allen, die das mit uns durchgezogen haben.

Robin : Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist so schön. Es ist egal, wer man ist, wo man herkommt.

Mosse : Das fühlt sich ein bisschen wie ein großes Klassentreffen.

Vincent : Wir waren auch ein bisschen Pandemiebegleiter für viele. Das war es sicher krass, jetz mit uns live zu feiern.

Und Du hast gesagt, Vincent, dass es immer ein Traum von Euch gewesen sei, hier zu spielen. Was bedeutet das

Mosse : Ich war sechsmal am Stück hier.

Vincent : Und er hat uns alle mitgenommen, sobald wir 16 geworden sind. Dann stand ich 2017 hier und habe Bilderbuch gesehen - ich stand mit offenem Mund vor der Bühne und hab geträumt, da oben zu stehen. Heute ist ein Traum wahr geworden.

Leon : Wir haben gesagt, das hier ist der Horizint. Den haben wir jetzt erreicht, wir haben hier tatsächlich gespielt. Im Moment check man das sowieso noch nicht.

Vor der Bühne habe ich vorhin Nikolas getroffen, ein großer Fan von Euch. Warum, hab ich ihn gefragt. Er meinte, Ihr trefft genau den Nerv von Jugendlichen auf dem Dorf - da sei er auch aufgewachsen. Definiert Ihr Euch so? Die Jungs vom Dorf, aus Vogt nahe Ravensburg?

Robin : Wir waren de facto die Jungs vom Dorf. Aber es ist nicht so, als würden wir jetzt das Dorf vertreten.

Leon : Wie man aufwächst, das spiegelt sich auch unterbewusst in Kunst wieder. Da ist immer Autobiografisches dabei - auch in unseren Liedern. Es ist uns nie so richtig bewusst gewesen, aber hat sich so entwickelt.

Vincent: Wir sind die Dorfboys, sind da aufgewachsen. Auch wenn wir uns in der Großstadt wohlfühlen: Das Dorf kriegt ihr nicht aus den Jungen raus.

Was bedeutet für Euch denn Provinz?

Leon : Es ist ruhig, es ist vielleicht ein bisschen langweilig, aber hat viele gute Seiten - vielleicht engere Freundschaften.

Robin : Abgeschiedenheit! Das kann sehr positiv sein. Man fühlt sich vielleicht immer ein bisschen hintendran, aber dadurch kann man auch Eigenes entwickeln.

Vincent : Für mich ist es auf jeden Fall das Langeweileding. Ich kann nich dran erinnern, dass es Momente gab in meiner späten Kindheit und Jugend, da wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen soll. Also hab ich Fußball gespielt, dann Gitarre, dann kam das Texteschreiben und irgendwann Musikmachen. In unserer Familie gab es immer ganz viele Kinder, ich musste mich auch mit mir selbst beschäftigen. Das ist auch richtig und war gut so.

Ist die Provinz schöner als die Großstadt?

Vincent : Beides ist geil. Ich mag die Kontraste, das Leben in der Stadt, aber ich mag es auch nach Hause zu kommen. Wir waren an jedem Fleck in Deutschland, aber nirgends ist es so krass schön wie am Bodensee.

Mosse : Ich mag, dass die Leute aus der Provinz die Stadt feiern und umgekehrt.

Es gibt andere Bands, die wie Ihr hauptsächlich aus Familienmitgliedern bestehen - zum Beispiel Kings of Leon, die auch auf dem Southside spielen. Ist das Fluch oder Segen, mit Cousins eine Band zu haben?

Mosse : Es ist ein Segen. Man kennt sich seit der Geburt.

Vincent : Es gab schon Situationen, in denen die ganze Familie involviert war, wenn wir uns mal gestritten haben. Aber wir sind alle ziemlich harmoniebedürftig, wir mussten erst lernen uns zu streiten. Deshalb heißt auch das neue Album „Zorn und Liebe“.

Robin : Unsere Familie war schon immer von großem Zusammenhalt geprägt. Und man weiß, wenn man sich jetzt streitet, dann sieht man sich spätestens nächsten Mittwoch bei Achim auf’m Geburtstag. Leon wird auch zu Familienfesten eingeladen.

Leon : Es ist schon ein Segen! Auch wegen dem Fakt, dass Familie immer da ist. Die haben alle eine sehr lange Geschichte, das merkt man auch, und das bringt uns weiter.

Vincent : Findest Du, dass es einen Unterschied gibt zwischen uns drei und Dir?

Leon : Nö, ich fühle mich überhaupt nicht ausgeschlossen.

Vincent : Leons kühler Kopf tut uns auch echt gut.

Ihr hattet schon Auftritte bei Inas Nacht und Late Night Berlin!habt schon zwei Mal die 1Live Krone abgestaubt - einmal in der Kategorie Beste Band. Wie gehts jetzt weiter?

Vincent : Wir sind total ehrgeizig, wir wissen, dass wir nächstes Jahr hier wieder spielen wollen, dann aber später. Jetzt bringen wir das neue Album raus. Wir haben viel erreicht, aber noch lange nicht alles. Wollen auf Platz 1 der Charts.

Robin : Und ich glaube, dass da noch viele ungeschriebene Songs in uns schlummern.