StartseitePanoramaKettensäge für mehr Seeblick? Jens Lehmann vor Gericht

Ex-Nationaltorwart vor Gericht

Kettensäge für mehr Seeblick? Jens Lehmann vor Gericht

Panorama / Lesedauer: 3 min

Ein Pfosten soll seinen Seeblick gestört haben. Grund genug für den Ex-Nationaltorwart zur Kettensäge zu greifen und beim Nachbarn rumzusäbeln. Das ist nicht der einzige Vorwurf.
Veröffentlicht:08.12.2023, 20:00

Artikel teilen:

Es sind alles nicht so sehr gravierende Dinge, die dem ehemaligen Fußballtorwart Jens Lehmann vorgeworfen werden. Doch es summiert sich, wie bei der Verlesung der Anklageschrift durch den Staatsanwalt Stefan Kreutzer vor dem Amtsgericht deutlich wird.

Zwei Polizisten soll der 54-Jährige im März 2022 als „Lügner“ beschimpft und einer Beamtin „eine Fehlschaltung im Gehirn“ attestiert haben.

Vier Monate später, so wird ihm vorgeworfen, sei er auf das Gelände des Nachbarhauses in Berg am Starnberger See mit einer laufenden Kettensäge eingedrungen, auf den Garagendachaufbau geklettert und habe einen Pfosten zersägt. Denn der Aufbau habe seinen Seeblick gestört. Eine junge Birke soll er bei dieser Gelegenheit auch umgesäbelt haben. Lehmann ein hemmungsloser Wüterich mit Problemen bei der Impulssteuerung?

Wenn die Anklage stimmt, dann geht es schon etwas ins Irreale: Um die Überwachungskamera auszuschalten, habe er aus dieser „ein der Stromversorgung dienendes Kabel“ herausgerissen. Pech für ihn: Die Kamera lief mit Batterie weiter, wie die Staatsanwaltschaft bestätigt, und filmte das ganze Geschehen.

Parken ohne zu bezahlen

Und dann die Sache mit dem Flughafen: Zweimal soll er am Münchner Airport versucht haben, die Betreiber des Parkhauses um die Parkgebühr für seinen Porsche zu prellen - einmal 191, einmal 128 Euro. Der Trick: Ohne zu bezahlen, habe er sich in die Nähe der Schranke gestellt. Als andere Autos herausfuhren, sei er „Stoßstange an Stoßstange“, so die Anklage, gefolgt und herausgewitscht. Macht insgesamt: Beleidigung, Sachbeschädigung sowie versuchter Betrug.

Lehmanns Verteidigung hatte versucht, dieses Verfahren unbedingt zu verhindern und stattdessen einen Strafbefehl zu erwirken. Doch die Justiz ließ sich darauf nicht ein. Staatsanwalt Kreutzer sagt, Lehmanns Verhalten erinnere an „Selbstjustiz“. Und: „Wir mögen das nicht, hierfür gibt es ein staatliches Gewaltmonopol.“

Und so muss der ehemalige WM-Held von 2006, der im Elfmeterschießen gegen Argentinien zweimal hielt und das Team ins Halbfinale brachte, selbst in Starnberg im Gerichtssaal 125 erscheinen. Er ist schlank, trägt ein dunkles Jackett mit Krawatte. Als Beruf nennt er „arbeitsloser Fußballtrainer“. Einst hatte er beim FC Schalke, Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart im Tor gestanden.

Entschuldigungen und Zahlungen

Sein Anwalt Christoph Rückel müht sich, die Richterin Tanja Walter milde zu stimmen und trägt zu Beginn eine Erklärung vor: Für die Polizistenbeleidigung habe sich Lehmann entschuldigt und biete eine Geldspende an für ein Fußball-Event der Polizeijugend.

Mit dem Nachbarn, einem 92-jährigen Architekten, sei die strittige „Privatangelegenheit“ erst zwei Tage vor Prozessbeginn beendet worden, dieser habe ein „Angebot“ Lehmanns angenommen, es dürfte sich dabei um Geld handeln. Und die Parktickets seien ja schließlich nachträglich bezahlt worden.

Auf seinem Angeklagtenplatz verweigert Jens Lehmann durchaus nicht die Aussage, wie es in solchen Fällen oft geschieht. Vielmehr attackiert er ziemlich locker-flockig die Staatsanwaltschaft und die Ermittler und macht lange Ausführungen über seine ganz andere Sicht der Dinge.

Die „Leute“, so sagt er, hätten „gar nicht im Sinn, Recht herzustellen“. Damit meint Lehmann offenbar die Justiz. Dies sei „extrem rufschädigend“. Er unterstellt immer wieder, wegen seiner Prominenz vor Gericht gestellt zu werden und fragt: „Was ist schlimmer: Mord oder Rufmord?“

Eigene Wahrheiten

Die Lehmann’sche Wahrheit über den Kettensägen-Vorfall geht so: Er habe am Nachbarhaus lediglich die Hecke geschnitten, das habe sich der alte Mann gewünscht, und dann geschaut, was dieser in der Garage „da überhaupt macht“.

Die Richterin fragt: „Haben Sie den Dachbalken angesägt oder zersägt?“ Lehmann bleibt die Antwort schuldig. Der Staatsanwalt möchte wissen, welche Art von Hecke es denn gewesen sei, die er geschnitten habe – Laub-, Nadel- oder eine Hecke aus Bäumen? Lehmann: „Ich weiß es nicht.“

Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Das Urteil wird am 22. Dezember erwartet.