Bierkorn

„Nacktschnecken fressen fast alles, sogar Hundekot“

Panorama / Lesedauer: 6 min

Schneckenforscher Michael Schrödl verrät, wie man lernt, sich mit den unerwünschten Gästen im Salatbeet zu arrangieren
Veröffentlicht:29.07.2022, 10:46
Aktualisiert:29.07.2022, 10:47

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Ob Schere, Bierkorn oder Zwiegespräch: Jeder Gartenbesitzer muss seinen eigenen Weg finden mit den gefräßigen Tierchen umzugehen. Warum salzen gar nicht geht und Schnecken im Garten durchaus nützlich sind, erklärt Schneckenforscher Michael Schrödl im Interview mit Sandra Markert.

Herr Schrödl, mag man als Schneckenforscher eigentlich auch Nacktschnecken?

Wenn sie mir den Salat wegfressen, mag ich das natürlich auch nicht. Aber mich fasziniert sehr, wie es diese kleinen Tiere schaffen, uns Menschen so aus der Fassung zu bringen. Und egal wie viel Aufwand ein Gartenbesitzer betreibt, ganz los wird er die Wegschnecken nie. So heißen die braunroten Nacktschnecken, die so gefräßig sind.

Sie kennen also auch kein Allheilmittel?

Nein. Meine Frau hat mich vor einigen Jahren gezwungen, eine Lösung gegen das Schneckenproblem in unserem Garten zu finden. Also habe ich so ziemlich alles ausprobiert, was an Hausmitteln so rumgeistert und was man im Laden kaufen kann. Als Wissenschaftler mache ich so etwas sehr kritisch. Und ich habe festgestellt: Die eine Lösung gibt es nicht, es braucht für jeden Garten und jeden Gärtnertyp eine eigene, passende Strategie.

Und wie findet man die?

Die grundsätzliche Frage ist: Will ich die Wegschnecken aktiv bekämpfen oder will ich mich irgendwie mit ihnen arrangieren? Wer in den Kampf zieht und tötet, nimmt am besten die Gartenschere, da leidet die Schnecke am wenigsten, wenn man sie im vorderen Drittel durchschneidet. Danach aber bitte im Garten vergraben, denn sonst werden neue Schnecken angelockt, die das Aas fressen.

Was ist mit Schneckenkorn?

Da leiden die Tiere auf jeden Fall mehr. Kauft man Produkte mit dem Wirkstoff Metaldehyd, wirkt das nach dem ersten Regen nicht mehr. Und es ist giftig für Vögel oder Igel, welche die toten Schnecken fressen. Wenn Schneckenkorn, dann bitte mit Eisen-III-Phosphat, das ist umweltverträglich. Die Schnecken fressen es und ziehen sich dann zum Sterben in die Erde zurück.

Manche Gartenbesitzer jammern, dass die Produkte mit Eisen-III-Phosphat nicht helfen.

Die Wegschnecken fressen dieses Schneckenkorn tatsächlich nicht so gern und werden davon auch nicht so gut angelockt. Aber es gibt einen super Trick.

Welchen?

Bierkorn.Wenn man das Schneckenkorn ein bisschen mit Bier besprenkelt und richtig im Garten verteilt, funktioniert das super.

Warum dann nicht gleich die gute alte Bierfalle?

Weil Wegschnecken tatsächlich so auf Bier stehen, dass davon die Tiere aus der ganzen Nachbarschaft angelockt werden. Oft klettern sie wieder aus der Falle raus und machen sich dann beschwipst über den Salat her. Beim Bierkorn passiert das nicht. Man kann es häufchenweise verteilen und möglichst nicht nur im Gemüsebeet.

Warum, da will ich doch den Salat schützen?

Ja, aber wenn die Wegschnecken angelockt werden und dann doch kein Korn fressen, war’s das mit dem Salat. Besser verteilt man es an den Ecken, in die sich die Schnecken tagsüber zum Schlafen zurückziehen. Denn Schnecken sind nicht blöd. Sie wollen möglichst wenig Zeit mit Kriechen und möglichst viel Zeit mit Fressen verbringen.

Es gibt Menschen, die reden mit ihren Schnecken und erklären ihnen, was sie fressen dürfen im Garten und was nicht. Angeblich mit Erfolg.

Naja, effizient ist das nicht. Aber es kann tatsächlich etwas bringen. Schnecken verstehen zwar nicht, was wir sagen. Aber sie sind lernfähig. Wenn ich so ein Tier morgens vom Salatblatt runterhebe und in die Sonne halte zum Reden, dann ist das unangenehm. Und danach setzt man die Schnecke auch noch weit weg vom Salat wieder aus. Sie merkt sich, dass sie im Salatbeet beim Fressen gestört wurde und kriecht das nächste Mal vielleicht woandershin.

Aber meist hat man ja ein ganzes Heer von Nacktschnecken. Die kann man doch gar nicht unterscheiden und alle einzeln zur Rede stellen.

Das muss man auch nicht. Sobald eine Wegschnecke ein Blatt angeknabbert hat, riechen die anderen Nacktschnecken, dass es dort etwas zu fressen gibt, und kommen vermehrt nach. Und sie können leckere Nahrung bis zu 40 Meter weit riechen.

Was kann ich machen, wenn ich nicht der Typ Schneckentöter bin, aber zumindest ein paar Blätter vom gepflanzten Salat selbst essen möchte?

Dann sollte man sich mal in die Wegschnecken hineinversetzen. Sie brauchen ein feuchtes Versteck zum Wohnen, einen Komposthaufen oder eine Hecke etwa. Und sie brauchen etwas zu fressen. Kurz gemähter Rasen schmeckt ihnen nicht, also kriechen sie weiter Richtung Gemüse- oder Blumenbeet. Wenn ich dagegen eine Blumenwiese habe, finden sie auch dort leckere Häppchen. Je naturnäher der Garten ist, umso mehr natürliche Feinde der Schnecke wie Vögel, Igel, Spitzmäuse oder Blindschleichen wohnen auch dort.

Viele schwören auf Hochbeete. Andere jammern, dass ihnen auch dort alles weggefressen wird.

Der Weg ins Hochbeet hinein ist für die Schnecken meist schon beschwerlicher, vor allem, wenn das Beet mit Abstand zu einer Hecke steht und man außen herum Schotter oder Rindenmulch auslegt. Je länger die Kriechzeit der Schnecke, umso kürzer ist die Fresszeit, die Platzwahl vom Hochbeet ist also entscheidend. Komplett schneckenfrei wird es trotzdem nicht sein.

Warum?

Weil es manche Tiere immer irgendwie hineinschaffen. Oder in Form von Eiern oder Jungtieren schon mit der Erde ins Beet kommen. Die leben dann natürlich im Paradies, haben ein super Versteck und leckeres Futter. Deshalb hilft auch im Hochbeet nur kontrollieren und bei Bedarf absammeln – möglichst mehrmals am Tag und das über Wochen. Leichter machen kann man sich das mit Holzbrettern, unter die sich die Schnecken tagsüber zurückziehen.

Was ist mit Pflanzen, die Schnecken angeblich nicht mögen?

Ach, wenn Schnecken Hunger haben, gehen sie fast überallhin.

Helfen Hitze und Trockenheit dabei, den Wegschnecken das Leben schwerer zu machen?

Nur bedingt. Die Wegschnecke ist sehr zäh und hat eine klebrige Hautschicht, die sie gut schützt. Genügend Feuchtigkeit bekommt sie übers Fressen, dazu braucht sie keinen Regen.

Sind Wegschnecken eigentlich zu irgendetwas gut – außer als Futter für Igel oder Vögel?

Absolut. Sie sind tolle Verwerter im Kompost und die Geier der Gärten. Wenn tote Tiere rumliegen, fressen sie das Aas. Sie verschmähen selbst Hundekot nicht. Nur essen sollte man sie nicht. Anders als Weinbergschnecken sind sie ungenießbar, auch das habe ich probiert.