Demenz

Momentesammler: Erleben Menschen mit Demenz Glück?

Wangen / Lesedauer: 12 min

Momentesammler: Erleben Menschen mit Demenz Glück?
Veröffentlicht:20.01.2014, 09:00
Aktualisiert:24.10.2019, 17:00

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Einfach nur gesund bleiben: Laut einer bundesweiten Studie der Bertelsmann Stiftung ist das für 87 Prozent der Deutschen die Grundbedingung für Glück. Elisabeth Bernhard ist nicht gesund. Sie leidet an Demenz. Mitunter verwechselt die 76-Jährige die Namen ihrer Kinder. Auch die Wochentage bringt sie manchmal durcheinander. Doch macht sie die Krankheit samt Begleiterscheinungen zu einem unglücklichen Menschen?

Ortstermin im Seniorenzentrum St. Vinzenz in Wangen. Roland Haug leitet das Haus seit zwei Jahren. Elisabeth Bernhard lebt dort seit vier Jahren – gemeinsam mit 17 anderen Menschen in der Wohngruppe Sonnenseite, einem räumlich getrennten Bereich speziell für Menschen mit Demenz. Es ist Winter und es ist kalt. Zu kalt für ein Gespräch im sonst so farbenprächtigen Garten, in dem auch Elisabeth Bernhard an schönen Tagen gerne auf einer der Holzbänke sitzt. Roland Haug begrüßt uns im weiten Foyer.

Herr Haug, werden wir in der Demenzabteilung denn auch auf glückliche Menschen treffen?

Haug: Aber ja! Menschen mit Demenz erleben Glück – vielleicht sogar intensiver als gesunde Menschen. Das Ziel in unserer Betreuung ist es, den Bewohnern möglichst viele Glücksmomente zu bescheren. Anhand der Mimik und Gestik können die Fachkräfte sehr gut erkennen, ob das gelungen ist.

Ihre Angestellten haben also die Aufgabe, die Bewohner dauerhaft glücklich zu machen?

Haug: Ich würde es eher so sagen: Wir bieten eine Form von Alltag, von normalem Leben. Natürlich gibt es Momente, in denen ein Mensch unglücklich ist. Da können wir dann auch nicht einfach so Unglück in Glück verwandeln. Vielmehr ist es in solchen Situationen unsere Aufgabe, das Unglück zu reduzieren. Wir versuchen, düstere Stimmungen in eine Normalform zu bringen – und eben für Glücksmomente zu sorgen, die die Dementen sammeln können. Je öfter uns das gelingt, desto erfüllter sind auch wir. In manchen Fällen ist das Leid allerdings tatsächlich nicht zu lindern. Das ist dann auch für uns sehr schwierig.

Der Weg zu Elisabeth Bernhard führt über ein Treppenhaus aus kaltem Beton. Es ist dunkel. Bauschick der 1970er-Jahre. Elisabeth Bernhard erwartet uns im Wohnzimmer mit angeschlossener offener Küche. Sie sitzt alleine an einem Tisch – so wie viele hier. Sie lacht – so wie manche hier. Sie lacht zu Beginn des Gesprächs. Sie lacht während des Gesprächs. Sie lacht, als das Gespräch beendet ist. Sie freue sich über Besuch, sagt sie immer wieder. Vor allem, wenn er so überraschend komme. „Schön, wirklich schön“, findet sie das. Ihre blauen Augen funkeln immerfort. Aber ist sie glücklich?

Elisabeth Bernhard: Mir geht es richtig gut, wenn ich reden kann und mir jemand zuhört. Reden ist mein großes Hobby. Nähen oder Fernsehen mag ich nicht. Ich könnte den ganzen Tag einfach nur reden. Damit bleibe ich wach im Kopf. Reden macht mich glücklich.

Früher haben sie vor allem die Einkaufsausflüge nach Ravensburg glücklich gemacht. Oder das Umsorgen der Kinder. Heute liebt sie es, mit Menschen im Wohnzimmer der Wohngruppe zu sitzen und zu erzählen. Von ihrem Leben. Vom Leben der Anderen. Von ihren Kindern, die sie, wie auch viele Verwandte und Bekannte, regelmäßig besuchen.

Nachfrage bei einem der beiden Söhne.

Ihre Mutter leidet an Demenz und wohnt in einem Seniorenheim. Dennoch kommt sie uns wie ein sehr glücklicher Mensch vor. Wie erklären Sie sich das?

Sohn: Ihr Eindruck ist richtig: Unsere Mutter ist hier tatsächlich sehr glücklich. Das liegt zum einen daran, dass sie ihre Erkrankung angenommen hat. Sie hadert nicht, wie viele andere. Das ist wichtig! Zum anderen ist das Umfeld im St. Vinzenz toll. Sie kann nach wie vor jeden Sonntag in die Kirche, das Personal behandelt sie gut, sie hat Menschen, die ihr zuhören. Man muss aber auch sagen, dass sie mit ihrer momentanen Verfassung eine positive Ausnahme ist. Vielen ihrer Mitbewohner geht es leider nicht mehr so gut. Deshalb ist es auch für die Pflegekräfte und die vielen Freiwilligen so angenehm, unsere Mutter zu betreuen. Sie kann im Gegensatz zu anderen Bewohnern im Seniorenzentrum wenigstens noch „Bitte“ und „Danke“ sagen.

Hatten Sie nie Zweifel daran, dass es Ihrer Mutter hier gut gehen würde?

Sohn: Doch, absolut. Wenn Sie mir vor ein paar Jahren prophezeit hätten, dass sie in einem Seniorenzentrum glücklich werden könnte, dann hätte ich das nie geglaubt. Unsere Mutter wollte nie ihre Eigenständigkeit aufgeben. Nach dem Tod unseres Vaters vor zehn Jahren ist sie zwar in eine betreute Wohnung gezogen, hat aber immer noch selbstständig und sehr selbstbestimmt gelebt. Das war ihr wichtig. Dann kam der Parkinson und ein Schlaganfall. Und irgendwann ging es nicht mehr anders. Der Schritt ins Seniorenzentrum war anfangs schwierig. Auch für uns Angehörige. Doch schon nach wenigen Tagen haben wir unsere Mutter kaum wiedererkannt. Sie strahlt seitdem jeden Tag solch einen Optimismus aus, erzählt viel und – ja: Sie ist glücklich.

Elisabeth Bernhard berichtet detailliert vom Allgäu der Nachkriegszeit, von den Geschäften in Ravensburg, von ihrem Aufwachsen als Tochter einer Gastwirtsfamilie. Geselligkeit hat die 76-Jährige von klein auf genossen. Ganz so wie heute, 70 Jahre später, im Wohnzimmer des Seniorenzentrums St. Vinzenz. Dort, wo es dann plötzlich doch passiert: Sie verwechselt die Namen ihrer Kinder. Grund zum Ärgern? Grund für Scham? Nichts dergleichen. Elisabeth Bernhard lacht – und steckt ihre Gäste damit an.

Ist sie immer so glücklich?

Haug: Es gibt verschiedene Phasen für Menschen mit Demenz. Die schwierigste ist für viele der Beginn der Krankheit, wenn sich lichte Momente mit Momenten mischen, in denen es grau oder dunkel wird. In dieser Phase kommen Bestürzung, Trauer und Zweifel auf. Da wird dann versucht, Fassaden aufrechtzuerhalten. Im fortgeschrittenen Stadium bewegt sich der Betroffene aber zunehmend in seiner eigenen Realität. Und in dieser Realität erlebt er – und das merken wir wie gesagt tagtäglich – sehr glückliche Momente. Deshalb vermeiden wir es auch tunlichst, den Dementen unsere Vorstellung von der Realität aufzuzwingen. Das würde das pure Unglück provozieren. Bei Elisabeth Bernhard bin auch ich mir sehr sicher: Sie ist ein glücklicher Mensch.

Elisabeth Bernhard nickt. Nach einer in jeder Hinsicht guten halben Stunde müssen wir uns von ihr verabschieden. Sie könnte noch stundenlang weiterreden. Und wir ihr noch stundenlang zuhören. Doch die anderen Bewohner des ersten Obergeschosses sollen nicht weiter gestört werden. Elisabeth Bernhard drückt allen zum Abschied fest die Hand, lacht und verrät einen Schönheitstipp: „Lachen auch Sie immer viel. Das hält Sie schön – innerlich und äußerlich.“ Wir drehen uns um und sind uns sicher: Elisabeth Bernhard hat immer viel gelacht.

Das Gespräch über Glück und Unglück im Alter und in der Krankheit führen wir im Erdgeschoss weiter. In Roland Haugs Büro. Mit einer persönlichen Frage an den dreifachen Vater.

Herr Haug, wie oft gehen Sie abends glücklich nach Hause?

Haug: Ich bin erfüllt – jeden Tag. Und Erfüllung ist für mich eine Form des Glücks. Besonders erfüllt bin ich, wenn es mir gelungen ist, wem auch immer ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Wie oft gelingt Ihnen das?

Haug: Eigentlich gelingt es uns täglich, besondere Momente zu schaffen. Und nur darum geht es. Wir alle fühlen uns am Abend erfüllt, wenn unsere Bewohner viele schöne Situationen erlebt haben.

Wie viele schöne Momente entstehen denn, wenn Menschen mit Demenz auf Angehörige treffen?

Haug: Das ist sehr unterschiedlich und hängt meistens davon ab, wie das Verhältnis in früheren Zeiten war. Dinge, die zum Teil jahrzehntelang zurückliegen und vielleicht dafür verantwortlich sind, dass es Missstände gibt, die können wir hier kaum aufarbeiten. Es sind aber oft genau diese Erinnerungen, die bei dementen Menschen auch viele Jahre später noch für unglückliche Momente sorgen.

So makaber das klingen mag: Ist es für Menschen mit Demenz irgendwann auch eine Form von Glück, sich an solche Dinge nicht mehr erinnern zu können beziehungsweise zu müssen?

Haug: Das ist wirklich schwierig zu beantworten. Dieser Blick nach innen fehlt uns in diesem Moment. Was man aber mit großer Sicherheit sagen kann: Je länger solche Verletzungen zurückliegen, desto präsenter sind sie. Das ist ja oft die Schwierigkeit in der Demenz, dass Dinge in der Krankheit aufgearbeitet werden, die für uns oder auch die Angehörigen überhaupt nicht mehr präsent sind. Dinge, die sich vielleicht vor 30, 40 oder 50 Jahren zugetragen haben. Beispiel Vertreibung: Das kommt bei manchen Menschen mit Demenz immer wieder hoch. Und diese Form des Unglücks dann in einer Demenz zu bearbeiten und zu therapieren, ist unheimlich schwierig. Für uns ist es daher von Beginn an wichtig, möglichst detailliert über die Biografie der Bewohner Bescheid zu wissen.

Um die Momente des Unglücklichseins besser verstehen und ihnen besser begegnen zu können?

Haug: Ja, aber auch um zu wissen, was den Bewohner früher glücklich gemacht hat. Vielleicht gelingt es uns ja, dahingehend eine Wiederholung zu schaffen, dem Menschen schöne Momente zu bescheren.

Ist es für manchen Kranken aber auch das größte Glück, nicht mehr leiden zu müssen, loslassen zu können, zu sterben?

Haug: Tatsächlich erleben wir viele Menschen, die sehr erlöst wirken, wenn es auf die letzte Reise geht. Wir haben aber auch immer wieder das Thema Unerledigtes und Ungeklärtes, das unglücklich macht – bis zur letzten Lebensphase. Das kann so etwas Banales wie ein nicht geregelter Nachlass sein. Oder auch etwas Tiefgehendes, wie dass das Kind seit Jahren in Australien wohnt und seit längerer Zeit kein Kontakt mehr bestand. Gerade dieses Beispiel kommt immer wieder vor: Menschen sehnen sich kurz vor ihrem Tod sehr häufig danach, die Kinder doch nur noch einmal sehen zu können. Wenn dies dann tatsächlich noch geschieht, können Menschen loslassen und vielleicht auch glücklich gehen.

Wie ist Ihre Erfahrung: Gehen mehr Menschen glücklich oder unglücklich?

Haug: Aus unserer Erfahrung heraus kann ich sagen, dass mehr Menschen glücklich und entspannt gehen. Wir haben aber auch das Glück, Menschen im letzten Lebensabschnitt zu betreuen. Ich denke, es ist deutlich schwieriger, wenn man mit jungen Menschen zu tun hat, die plötzlich aus dem Leben gerissen werden. Das wäre für uns alle ganz sicher eine andere Dimension.

Roland Haug leitet seit zwei Jahren das Seniorenzentrum St. Vinzenz. Foto: hil

Was Glück und Unglück im Seniorenzentrum St. Vinzenz in Wangen für Menschen mit Demenz und den Leiter bedeuten können, haben wir mittlerweile verstanden. Doch wie gehen Pflegekräfte damit um? 120 arbeiten hier am und mit Patienten. Viele sind jung, stehen am Anfang ihrer beruflichen Karriere, freuen sich über glückliche Momente der Bewohner, bekommen hautnah aber auch die dunklen Stunden mit. Zum Beispiel, wenn ein ehemals aus der Heimat Vertriebener das Gefühl hat, Fremde hielten sich an einem kalten Wintertag zu lange vor seinem Zimmer im Seniorenzentrum auf und beabsichtigten, sein Hab und Gut zu stehlen. So wie früher eben.

Wie bereiten Sie Pflegekräfte auf Momente des Unglücks vor?

Haug: Wir sind hier alle in einem Bereich tätig, der nicht nur mit Spaß behaftet ist. Es geht um ernste, um tiefe Themen. Gerade unsere Auszubildenden sehen hier Dinge, die sie so vorher noch nie gesehen haben. Oder zumindest nicht in dieser Fülle. Natürlich müssen diese Menschen von Beginn an gestützt werden – gerade im Umgang mit Unglück. Oder besser gesagt: im Umgang mit dem Leben. Es ist nun mal der Lauf der Dinge, dass wir hier den letzten Weg des Lebens begleiten. Erst wenn sie in dem Bereich klarkommen und gefestigt sind, können sie auch beginnen, Glücksmomente zu schaffen.

Das klingt alles so, als würde das immer gelingen. Gibt es nicht auch junge Menschen, die die Ausbildung abbrechen, weil sie mit alledem eben doch nicht zurechtkommen?

Haug: Ja, und zwar in einer nicht vernachlässigbaren Anzahl. Da bilden wir – wie in allen anderen Berufen auch – das richtige Leben ab. Scheitern kann und darf jeder. Wir hier müssen nur ganz besonders genau darauf achten, dass dabei keine Narben auf der Seele zurückbleiben.

Roland Haug ist seit 20 Jahren für St. Vinzenz tätig. Der Zivi von damals ist der Chef von heute. Bei ihm hat die Zeit keine Narben hinterlassen. Haug ist oft erfüllt, wenn er heim zu Frau und Kindern fährt.

Gibt es denn einen Moment, der Sie in der langen Zeit am glücklichsten gemacht hat?

Haug: Einen ganz bestimmten Moment kann und möchte ich nicht herausgreifen. Es ist mittlerweile eher die Summe ganz vieler schöner Momente, die mich glücklich macht. Im Prinzip bin auch ich ein großer Momentesammler.

Das heißt, kranke Menschen schaffen es, Sie glücklich zu machen?

Haug: Ja, ich nehme sehr viel von hier mit nach Hause. Ich lerne von unseren Bewohnern, die kleinen Dinge zu schätzen. Damit sind wir wieder beim Thema: Es geht nicht darum, ständig diese riesengroßen Glücksmomente zu erleben, sondern darum, die kleinen Alltagsmomente, die ebenso glücklich und zufrieden machen, auch zu Hause wieder zu sehen. Ja, es ist so: Unsere Senioren haben die tolle Gabe, uns zufrieden, uns glücklich zu machen.