Temperatur

Wieso kühlere Wohnungen gesünder sind

Panorama / Lesedauer: 4 min

Frieren will in den eigenen vier Wänden niemand – Niedrige Raumtemperaturen gelten aus medizinischer Sicht aber als gesünder
Veröffentlicht:02.07.2022, 05:00
Aktualisiert:02.07.2022, 05:01

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Bei sommerlichen Temperaturen diskutiert Deutschland über die Aussicht auf kühlere Wohnungen im Winter. Weil unklar ist, wie es mit den Gaslieferungen aus Russland weitergeht, steht der Vorschlag im Raum, dass Mietwohnungen künftig etwas kälter bleiben sollen. Wer sich bei 30 Grad gerade pudelwohl fühlt, dem dürfte die Aussicht auf weniger als 20 Grad im Wohnzimmer einen kühlen Schauer über den Rücken jagen. Auch für ältere oder kranke Menschen sind die Aussichten alles andere als rosig. Aber welche Temperatur ist für Menschen ohne gesundheitliche Einschränkungen grundsätzlich am besten?

Das Umweltbundesamt (UBA) rät den Deutschen schon lange zu kühleren Innentemperaturen: „Die Raumtemperatur sollte im Wohnbereich möglichst nicht mehr als 20 Grad Celsius betragen“, heißt es beim UBA. In der Küche empfiehlt das UBA 18 Grad und im Schlafzimmer 17 Grad, schränkt aber ein: „Entscheidend ist in allen Fällen die individuelle Behaglichkeitstemperatur.“

Ein bisschen Frösteln schadet nicht – sagen Mediziner

„Die Temperatur, die wir subjektiv als angenehm empfinden, liegt fast immer höher als das, was gut und gesund ist“, meint dagegen Professor Stephan Vavricka , Facharzt für Innere Medizin am Zentrum für Gastroenterologie und Hepatologie in Zürich. Ein bisschen zu frieren, schade keineswegs. Dass der eine bei 25 Grad fröstelt und der andere bei 20 Grad schwitzt, liegt Vavricka zufolge an der unterschiedlichen Thermogenese. Das ist die Fähigkeit, selbst Wärme zu produzieren. Sie entsteht als Nebenprodukt von Stoffwechselprozessen, etwa bei der Verdauung oder durch Muskelaktivität. In der Regel könnten dickere Menschen leichter Wärme produzieren als dünne, sagt Vavricka. Daher seien sie meist auch weniger kälteempfindlich.

Aber das Temperaturempfinden ist unterschiedlich, wie Leonard Fraunberger von der Universität Erlangen-Nürnberg erklärt. Er ist Facharzt für Innere Medizin und Vizepräsident des Bayerischen Sportärzteverbandes. Was wie ein Klischee klingt, ist wissenschaftlich bewiesen: Frauen frieren häufiger als Männer. Denn ob einem kalt ist oder nicht, hängt vor allem von der Muskelmasse ab: „Mehr Muskeln produzieren mehr Wärme.“

Mehr Bewegung wärmt und stärkt Abwehrkräfte

Der eine zieht auf dem Sofa die Decke über sich, der andere den Pullover aus – das liegt Fraunberger zufolge auch an Faktoren, die man selbst in der Hand hat. Einen großen Einfluss hat zum Beispiel, ob man gut geschlafen, genug gegessen und sich ausreichend bewegt hat. „Eine niedrigere Raumtemperatur wäre aus medizinischer Sicht für viele Menschen gut“, sagt Internist und Sportmediziner Fraunberger: Es könnte die Menschen motivieren, sich mehr zu bewegen und sich gesünder zu ernähren. „Damit schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie tun was fürs Klima und für Ihr Immunsystem, denn regelmäßige Bewegung stärkt die Abwehrkräfte.“

Die optimale Außentemperatur für sportliche Höchstleistungen des Körpers liegt unter 20 Grad, wie der Sportmediziner erklärt. Wenn es kühler ist, werden die Gefäße zu den Extremitäten enger, der Körper gibt weniger Wärme ab. „Auf der anderen Seite laufen die Prozesse bei Temperaturen von mehr als 30 Grad nicht mehr optimal.“

Eigenen „Behaglichkeitskorridor“ kann man verschieben

Dass wir wärmere Temperaturen trotzdem meist angenehmer finden, halten Fraunberger und Vavricka vor allem für Gewohnheit. Der individuelle „Behaglichkeitskorridor“ könne bei Bedarf jederzeit nach oben oder unten verschoben werden, sagt Fraunberger. Wer bisher 25 Grad im Wohnzimmer gewöhnt war, sollte allerdings nicht sofort auf 15 umsteigen, sondern die Heizung schrittweise um jeweils ein Grad herunterregulieren.

Der Deutsche Wetterdienst sagt nicht nur die Temperatur vorher, sondern gibt auch die „gefühlte Temperatur“ an. Sie wird unter anderem beeinflusst von der Strahlung der Sonne, der Stärke des Windes und der Feuchtigkeit der Luft, wie Andreas Matzarakis vom Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des DWD erklärt: „Es gibt bis zu 70 Faktoren, die unser thermisches Empfinden beeinflussen.“ Neben Müdigkeit und Hunger gehörten auch Stress und Krankheit dazu, erklärt der Medizin-Meteorologe.

Energie sparen für den Klimaschutz

„26 Grad ist die Temperatur, bei der die Menschen die wenigste Energie verbrauchen“, sagt der Medizin-Meteorologe. Dennoch rät auch der DWD zu kühleren Raumtemperaturen – auch aus Gründen des Klimaschutzes. „Mit jedem Grad, um das ich die Raumtemperatur senke, spare ich sechs Prozent Energie“, rechnet Matzarakis vor. Im Gegensatz zur Hitzebelastung im Sommer kann man gegen Frieren im Winter leichter etwas tun. Sportmediziner Fraunberger empfiehlt, „einfach mal um den Block zu laufen, dann kommt einem die Wohnung gleich viel wärmer vor“. Internist Vavricka rät, „eine Lage mehr anzuziehen“.