Intelligenz

Ist die Angst vor Künstlicher Intelligenz Ergebnis purer Panikmache?

Panorama / Lesedauer: 3 min

Auf dem Lindauer Nobelpreisträgertreffen unterhalten sich Physiker über die Vorteile von selbstlernenden Systemen
Veröffentlicht:04.07.2016, 11:37
Aktualisiert:23.10.2019, 14:00

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Vinton Cerf lächelt. Doch es wirkt leicht verzweifelt. „Nein“, wiederholt der Turing-Preisträger und Vize-Präsident von Google beim Pressetalk zum Thema „Kann Künstliche Intelligenz besser experimentieren als Wissenschaftler?“ auf dem 66. Lindauer Nobelpreisträgertreffen, „Ich habe keine Angst vor Künstlicher Intelligenz.“ Ebenso wenig davor, dass diese wie in den Terminator-Filmen die Macht übernehmen und die Menschheit auslöschen. „Computer sind nicht unfreundlich“, betont Cerf. Sie seien nichts anderes als Werkzeuge – sicherlich mächtige Werkzeuge, da sie Rechenoperationen viel schneller durchführen können als der Mensch. Aber im Vergleich zum menschlichen Gehirn seien diese mechanischen Systeme regelrecht primitiv.

Es sei schon merkwürdig, dass die Menschen sich vor Künstlicher Intelligenz (KI) fürchten, aber gleichzeitig Online-Dating-Portale benutzen, meint der Nachwuchswissenschaftler Yuan-Sen Ting aus Taiwan. Denn diese würden bei der Suche nach einem Partner mathematisch betrachtet doch nicht anders vorgehen, als Programme mit künstlicher Intelligenz: Daten werden eingegeben, diese werden anhand eines vorprogrammierten Algorithmus verglichen und der Computer präsentiert entsprechende Vorschläge. Wenn diese sich als nicht passend erweisen, fügt man diese Daten zu den alten Daten, damit das Programm seine Suche weiter verfeinern kann.

Dem Astrophysiker helfen Programme mit Künstlicher Intelligenz bei der Suche nach besonderen Ereignissen in den Weiten des All. Laut Ting fallen bei der Erforschung des Weltraumes mittlerweile so viele Daten an, die anders einfach nicht mehr zu bewältigen seien. Das bestätigt auch sein Kollege aus Südafrika, Arrykrishna Mootoovaloo, der im Moment versucht, mit Hilfe von KI-Technologie die Daten von Radioteleskopen weltweit zu verknüpfen. Ein schweres Unterfangen fallen dabei alleine bei einem Radioteleskop doch „mehrere Exabytes an Daten“ an. Zur Verdeutlichung: Ein Exabyte entspricht einer Trillion (10 hoch 18) Bytes oder einer Milliarde Gigabyte.

Werkzeug um komplexe System zu untersuchen

Auch Rainer Blatt, wissenschaftlicher Leiter der Tagung und Physiker am Institut für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck, kann nicht nachvollziehen, warum in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz immer derartige Schreckensszenarien heraufbeschworen werden. Künstliche Intelligenz sei nicht anders als ein Werkzeug, das Wissenschaftlern hilft, komplexe Systeme, wie beispielsweise Quantensysteme, zu berechnen und zu untersuchen. „Das ist wie das Bauen mit Legosteinen“, meint Blatt. Nur eben mit mathematisch sehr komplexen Operationen. Aber, so betont der Physiker, „künstliche Intelligenz wird niemals den Wissenschaftler ersetzen“. Und auch nie den Menschen.

Keine Bewertung der Ergebnisse

Dazu fehle der KI auch die Kreativität, erklärt Vinton Cerf. KI-Programme lernten durch Wiederholung, in dem sie immer Zwischenlösungen speichern und neue Rechenschleifen starteten, die zu neuen Ergebnissen führten, die ebenfalls gespeichert werden. Der Unterschied zum menschlichen Lernen liege in der Tatsache, dass das Programm die Ergebnisse nicht bewertet – im Gegensatz zum menschlichen Gehirn, das einen bei einer richtigen Antwort belohnt. Die Furcht vor Künstlicher Intelligenz rühre vielleicht daher, dass wir unsere Kenntnisse über das Gehirn und das Wissen um unsere eigene Gefühle auf diese mechanische Systeme übertragen. Aber Computer seien nun mal keine Gehirne, die in einer „chemischen Suppe“ schwämmen, die Emotionen hervorrufen und damit auch nicht „heimtückisch“. Deshalb fürchte er sich auch nicht vor Künstlicher Intelligenz. Aber vor Fehlern in Software – und deshalb setze er sich auch nie in die Massagestühle, die bei Google überall stehen. „Weil ich Angst davor habe, dass jemand beim Programmieren dieser Stühle einen Fehler gemacht haben könnte und der Stuhl zusammenklappt, während ich gerade drinsitze.“