Aus aller Welt

„Ich werte nicht – ich bin Ärztin“

Panorama / Lesedauer: 6 min

Dr. Constance Neuhann-Lorenz spricht über ihre Arbeit als plastische Chirurgin und ihre Hilfsorganisation
Veröffentlicht:06.03.2015, 16:49
Aktualisiert:24.10.2019, 05:00

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Wenige Minuten vom Münchener Marienplatz entfernt, befindet sich die Praxis von Dr. Constance Neuhann-Lorenz . Frauen wie Männer gehen dort täglich ein und aus, um sich von der Schönheitschirurgin Augenlider straffen, Brüste korrigieren oder Fett absaugen zu lassen. Gerade kommt die plastische Chirurgin und Mitbegründerin der Hilfsorganisation „WomenforWomen by IPRAS“ aus Bangladesch zurück, wo sie verbrannte oder mit Säure verätzte Frauen operiert hat. Ein krasser Gegensatz. Über Schönheit, die Stellung der Frau in der Gesellschaft und den Spagat zwischen zwei Welten hat die plastische Chirurgin mit Anja Ehrhartsmann gesprochen.

Wie hat sich das Schönheitsideal der Frauen in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert?

Die Amerikanisierung ist nicht von der Hand zu weisen. Das heißt, das Aussehen amerikanischer Fernsehstars ist in den Köpfen der Menschen so verankert, dass sich die blonden Haare, die hohen Wangenknochen, große Augen, kleine Nase, volle Lippen, schmale Taille, großer Busen, schmale Beine, also eigentlich das Barbie-Konzept auch via unsere Medien etabliert hat. Aber ganz ist – Gott sei Dank – der Wunsch nach Individualität und Natürlichkeit noch nicht verschwunden.

Sind die Frauen immer jünger, die Ihre Praxis aufsuchen?

Nein, nicht wirklich. Viele Frauen überlegen sich zwischen 30 und 45 Jahren, auftretende Alterszeichen wie Fältchen oder ähnliche Dinge korrigieren zu lassen. Aber auch ältere Frauen über 80, gehen zum plastischen Chirurgen, um Alterszeichen zu reduzieren. Die Schere ist auseinandergegangen, es gibt beide Extreme. Jüngere Patienten im Alter bis 20, die noch in der Pubertät sind, kommen auch. Aber die meisten von ihnen werden nicht operiert. Denen sagen wir als verantwortungsbewusste plastische Chirurgen, sie sollen erst einmal aus der Pubertät kommen und dann sprechen wir noch einmal über Nasenkorrekturen, Fettabsaugen oder Brustvergrößerungen, die in diesem Alter als empfundene Probleme im Vordergrund stehen.

Wie viel Bedeutung messen sie Sendungen wie „Germany’s next Topmodel“ bei?

Ich glaube, dass sich die jungen Mädchen sehr daran orientieren und sie sich zum Vorbild nehmen. Sie sind zwar auch sehr kritisch, was die Models angeht, vergleichen sich aber letztlich doch mit ihnen.

Wie gut kommen die Deutschen mit dem Älterwerden zurecht?

Wir werden gerne älter, aber man soll es uns nicht unbedingt ansehen. Die Leute bleiben heutzutage bis ins hohe Alter aktiv und empfinden sich auch so. Das führt dazu, dass sie auch nicht aussehen wollen wie Greise.

Was hat Sie dazu veranlasst, neben Ihrer eigentlichen Tätigkeit die Hilfsorganisation zu gründen?

Durch internationale Kollegen sind Dr. Marita Eisenmann-Klein und ich auf die vielen Frauen aufmerksam geworden, die in der Dritten Welt Opfer von schwerster Gewalt werden, aber kaum plastisch-chirurgische Hilfe erfahren. In Indien gibt es zum Beispiel Mitgiftverbrennungen, das heißt Frauen werden angezündet, weil sie zu wenig Mitgift einbringen. Wenn sie das überhaupt überleben, sind sie sehr entstellt. Aber aus religiösen und sozio-kulturellen Gründen wollen sich diese Frauen oftmals nicht von Ärzten untersuchen lassen und sind es außerdem nicht gewohnt, im Vordergrund zu stehen.

Sie reisen bis zu drei Mal im Jahr nach Indien, Bangladesch, Pakistan und Kenia. Welche Operationen nehmen Sie dort vor?

Wir führen operativ Korrekturen bei Verbrennungsopfern durch, das heißt Narbenlösungen im Hals- und Schulterbereich, über Gelenken. Und im Gesicht stellen wir die Formen wieder her.

Unter welchen Umständen operieren Sie dort?

Die Klinken sind so gut ausgestattet wie es eben möglich ist. Aber das entspricht natürlich in keinster Weise dem, was wir hier gewohnt sind. Einmal-Material gibt es nicht, da wird beispielsweise noch gewaschen und der OP-Kittel zum Trocknen an die Luft gehängt.

Wie schätzen Sie die Situation der Frauen in den einzelnen Ländern ein und wie unterscheidet sich die im Vergleich zu Deutschland?

In dem einen Land sind es eher Mitgiftverbrennungen, in dem anderen Säureattacken: Die Situation der Frauen in der Dritten Welt ist generell anders als hier in der westlichen Welt, weil sie insgesamt viel weniger Rechte haben, als wir uns das auch nur ansatzweise vorstellen können. Sie können kein selbstbestimmtes Leben führen. Sie existieren erst als Tochter in der Familie, dann als Frau irgendeines Mannes, den sie heiraten mussten. Und wenn sie verstoßen werden sollten, haben sie schlechte Chancen. Einen Beruf auszuüben ist familiär für viele nicht möglich, weil sie keine Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten hatten.

Welches Schicksal hat sie am meisten bewegt?

Es gibt viele bewegende Schicksale. Ich habe zuletzt eine 16-Jährige operiert, die angeblich mit acht Monaten ins Feuer gestolpert ist. Sie hatte ein verbranntes Gesicht, bei einem Auge waren die Lider völlig zerstört, das Ohr und die ganze Gesichtshälfte nicht mehr existent, der Mund war nur noch eine haselnussgroße Öffnung, die Nase nicht mehr sichtbar. Das Kinn war durch eine Narbe direkt am Hals – eine extrem entstellte junge Frau. Eigentlich kann man so jemanden kaum behandeln, aber wir haben es dann doch geschafft, ihr wenigstens einen Mund aufzubauen. Jetzt kann sie wieder normal essen und reden. Außerdem haben wir die Lider so weit wieder halbwegs hergestellt. Es war eindeutig, dass die Verbrennung nicht älter als eineinhalb bis zwei Jahre war. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, die Ursache zu ermitteln, sondern die Entstellung zu behandeln mit plastisch-chirurgischen Techniken.

Wie reagieren die Frauen, wenn sie sich das erste Mal im Spiegel sehen?

Ungläubig und fassungslos. Oft sind sie aber auch enttäuscht, weil sie denken, wenn wir schon von so weit herkommen, dann sehen sie von heute auf morgen wieder wunderschön beziehungsweise wie vorher aus. Wir zeigen zwar auch Bilder von dem, was möglich ist, aber die Frauen hoffen trotzdem auf ein Wunder. In den Ländern, in denen wir vor Ort sind, gibt es zwar eine staatliche medizinische Grundversorgung, aber die ist wirklich sehr rudimentär. In Bangladesch, von wo ich gerade komme, gibt es auf den Inseln keine Krankenhäuser, Schulen oder Ähnliches und wenn überhaupt dann durch private Organisationen. Der Staat ist dort nicht präsent.

Werden die Täter überhaupt belangt?

In den Großstädten gibt es das schon mal, dass juristisch gegen sie vorgegangen wird. Aber wenn jemand nachfragt, sagen die Familien, der Ofen wäre zum Beispiel explodiert. Und die Frau ist die Letzte, die sagt: Die haben mich angezündet und ich will die jetzt juristisch belangen. Was würde dann mit ihr passieren? Sie müsste ihre Kinder bei der Familie des Mannes lassen und in der Schande leben, dass jemand sie entsorgen wollte, weil ihr Vater nicht genug Mitgift bezahlt hat.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen den Frauen, die grausam entstellt wurden, und denen, die in Ihre Praxis kommen, um sich beispielsweise Fett absaugen zu lassen?

Wir haben auch hier schwer Brandverletzte, die dankbar sind, wenn wir ihnen ihr äußeres Erscheinungsbild wiedergeben. Trotzdem leben wir hier auf der Insel der Seligen, wenn man unsere Möglichkeiten mit denen der Menschen in der Dritten Welt vergleicht. Aber ich werte nicht – ich bin Ärztin. Wenn ich eine realistische, verantwortbare Möglichkeit sehe zu helfen dann tue ich das.