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Korallenriff

Gefährdete Riffe retten

Panorama / Lesedauer: 6 min

Naturwunder wie das Great Barrier Reef in Australien stehen massiv unter Klimastress – Dabei können gesunde Korallenbänke Bleichen durch Hitzewellen durchaus überstehen
Veröffentlicht:03.07.2021, 05:00

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Die Korallenriffe gehören zu den großen Sorgenkindern der Klimaschützer: Hitzewellen können wie zum Beispiel im Südsommer 2016/2017 am 2300 Kilometer langen Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens eine Korallenbleiche mit verheerenden Schäden an den Riffen auslösen.

Das hat auch die Unesco alarmiert, die nun damit droht, das Ökosystem als gefährdetes Welterbe einzustufen. In einem Entwurf hat das Welterbekomitee die Regierung Australiens eindringlich aufgefordert, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu treffen – auch mit Blick auf die Qualität des Wassers rund um das Riff, das seit 1981 Weltnaturerbestätte ist. Die langfristigen Aussichten für das Naturwunder hätten sich von „schlecht“ zu „sehr schlecht“ entwickelt. Als besorgniserregend wurden auch die wiederholten Korallenbleichen bezeichnet.

Weltweit gesehen spielen aber nicht nur die steigenden Temperaturen eine zentrale Rolle, sondern auch andere Faktoren wie Überfischung und Überdüngung, berichten Mary Donovan von der Arizona State University im US-amerikanischen Tempe und ihr Team in der Zeitschrift „Science“.

„Das ist ein sehr interessantes und wichtiges Paper“, meint Sebastian Ferse , der am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen die Ökologie von Korallenriffen untersucht, an der Studie seiner US-Kollegen aber nicht beteiligt war. „Gab es bisher für Korallenbleichen doch nur einzelne, eher anekdotische Beobachtungen, aber keine weltweit systematischen Untersuchungen über Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und solchen kurzfristigen, lokalen Einflüssen auf die Gesundheit von Riffen.“

Wie die Wohngemeinschaften von Steinkorallen und Mikroalgen läuft

Die Baumeister solcher Riffe sind kleine, nur ein paar Millimeter lange Polypen aus der Verwandtschaft der Quallen, die Biologen „Steinkorallen“ nennen. Weil Wohnraum auch unter Wasser knapp ist, bauen diese Tierchen ihre Behausung aus Kalk gern übereinander, bis eine Art Hochhaus entsteht. Drinnen sitzen die Polypen und fangen mit langen Tentakeln vorbeischwimmende Kleinstlebewesen. Nur reicht dieses Plankton vielen Steinkorallenarten anscheinend nicht zum Leben und sie nehmen Untermieter in Form von winzigen Algen auf. Diese leben in der Haut der Korallen und machen aus Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid wichtige Nährstoffe wie zum Beispiel Zucker. In dieser „Symbiose“ schützen die Korallen ihre grünen Mitbewohner vor Feinden, während die Algen ihren Schutzherren Untermiete in Form von Nährstoffen zahlen.

Allerdings funktionieren solche Lebensgemeinschaften aus Steinkorallen und Mikroalgen nur in bestimmten Temperaturbereichen der Tropen und Subtropen optimal. Liegt die Temperatur nur wenige Grad über den natürlichen Schwankungen in der jeweiligen Region, produzieren die Algen im Inneren der Korallen giftige Sauerstoff-Radikale und werden aus der Wohngemeinschaft ausgestoßen. Dadurch verlieren die Korallen ihre grüne Farbe, die Zuckermiete ihrer Untermieter bleibt aus und die Korallen sterben nach einiger Zeit oft ebenfalls.

Das Klima reagiert träge

Selbst bei weltweiten, sehr raschen und konsequenten Klimaschutzmaßnahmen werden die Temperaturen noch einige Jahrzehnte weiter steigen, bevor sie langsam wieder fallen. In dieser Zeit dürften häufigere und längere Hitzewellen die Temperaturen des Oberflächenwassers vieler tropischer Meere weiter in die Höhe treiben. Viele Riff-Fachleute und Naturschutzorganisationen wie der WWF fürchten daher, dass dem Klimawandel ein großer Teil der Korallen zum Opfer fallen könnte.

Zumal weitere Zusammenhänge die Riffe zusätzlich stressen. So schwemmen zum Beispiel Niederschläge von den Äckern der Bauern an Land Dünger und Boden in die Gewässer, die ihre Fracht später im Meer abladen, in das sie münden. Dort düngen die eingetragenen Nährstoffe dann zum Beispiel Algen, die schließlich die Korallen überwuchern und sie damit vom lebenswichtigen Sonnenlicht abschirmen können. Eine solche Überdüngung schädigt nicht nur das Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens, sondern auch viele andere Korallenriffe schon jetzt erheblich. Einen ähnlichen Effekt können auch die von den Äckern ins Meer geschwemmten Bodenteilchen haben: Sie können das Wasser trüben, das dann ebenfalls weniger Sonnenlicht durchlässt und so die Symbiose aus Steinkorallen und Mikroalgen schwächen kann.

Solche Faktoren beeinflussen offensichtlich die Chancen eines Riffs, sich von einer durch eine Hitzewelle ausgelösten Korallenbleiche zu erholen, schließen Mary Donovan und ihr Team aus der Analyse von 223 Korallenriffen im Indischen Ozean, im Pazifik und in der Karibik. So finden überlebende Steinkorallen nach dem Rauswurf ihrer Mikroalgen manchmal offensichtlich neue Untermieter, mit denen sie gemeinsam das zerstörte Riff wieder aufbauen. Trübes Wasser aber schmälert diese Erholungschancen ein wenig, berichtet das US-Team. Überwuchern dagegen Makroalgen die Riffe, erholen sie sich offenbar seltener von den Auswirkungen des Hitzestresses.

Überdüngung und Überfischung schwächen das Riff

Die Makroalgen wachsen aber nicht nur durch Überdüngung, sondern auch durch Überfischung kräftig. Denn viele Fische fressen Makroalgen, kommen aber an die mit den Steinkorallen in Symbiose lebenden Mikroalgen nicht ran. Diese Pflanzenfresser halten also normalerweise die Konkurrenz für das Korallenriff in Schach. Werden sie überfischt, wuchern die Makroalgen und schwächen das Riff. Oft springen für die fehlenden Fische aber auch Seeigel ein, die ebenfalls die Makroalgen fressen und dezimieren. Allerdings können die Seeigel auch überhandnehmen, knabbern dann auch an den Steinkorallen und schwächen das Riff so ebenfalls.

„Offensichtlich werden Riffe nur bis zu gewissen Grenzen mit Stress fertig“, erklärt ZMT-Forscher Sebastian Ferse diese Zusammenhänge. Kommen mehrere Faktoren zusammen und verstärken sich diese Einflüsse, kann dann irgendwann ein Kipppunkt überschritten werden, an dem das Riff nach einer Korallenbleiche nicht mehr zu retten ist. Das aber ist überraschenderweise sogar eine gute Nachricht. Denn anders als der Klimaschutz, der erst nach vielen Jahrzehnten die Temperaturen wieder sinken lässt, können die anderen Einflüsse auf eine Korallenbleiche deutlich schneller gebremst werden.

Fischer und Bauern müssen reagieren

„So sind fürs Überfischen häufig die lokalen Fischer verantwortlich“, sagt Sebastian Ferse. Dabei zerstören sie allerdings ungewollt ihre eigene Lebensgrundlage. „Klärt man die Fischer über die Zusammenhänge auf, können sie die Bestände besser schonen und die Fischbestände können sich rasch erholen“, erklärt der ZMT-Forscher weiter. Schwieriger wird es bei der Überdüngung und der Bodenerosion, die zur Trübung des Wassers in Küstennähe führen. Ändern die Bauern und Großgrundbesitzer ihre Bewirtschaftung, haben sie von der Entlastung der Riffe ja wenig. Daher brauchen sie klare Regeln und zum Beispiel Subventionen für einen Ackerbau, der den Eintrag von Nährstoffen und die Erosion von den Feldern massiv verringert. „Helfen würde natürlich auch ein Umstellen auf Biolandbau und die entsprechenden Anreize dafür“, meint Sebastian Ferse. „Auch bei den Korallenriffen sehen wir also, dass der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt und eine nachhaltige Entwicklung eng zusammenhängen“, erklärt der ZMT Forscher weiter. „Wenn wir diese drei Felder zusammen anpacken, können wir eine Win-win-Situation erreichen, in der am Ende nicht nur die Korallenriffe, sondern auch alle anderen Beteiligten profitieren.“