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Tabubruch

Ganz Israeli, ganz Deutscher

Panorama / Lesedauer: 6 min

Der Historiker Michael Wolffsohn stellt in Berlin seine Familiengeschichte „Deutschjüdische Glückskinder“ vor
Veröffentlicht:09.05.2017, 18:59

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Streitbar, meinungsstark, immer für einen Tabubruch gut – Michael Wolffsohn gehört zu den Vorzeigeintellektuellen in Deutschland. Bei der Vorstellung seines Buches „Deutschjüdische Glückskinder“ im Jüdischen Museum in Berlin macht er seinem Ruf alle Ehre. Er bürstet gerne gegen den Strich.

Und so nimmt der frühere Lehrstuhlinhaber an der Bundeswehruniversität in München tagesaktuell Partei für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Er sei zwar stolz darauf, so Wolffsohn, dass er sich mit fast jedem Bundesverteidigungsminister angelegt habe. „Aber Ursula von der Leyen ist die erste, die ich ohne Wenn und Aber verteidige.“ Die Angriffe auf die Ministerin nach der Aufdeckung der rechtsextremen Umtriebe in der Bundeswehr sollten doch nur von der eigentlichen Causa ablenken, so Wolffsohn. „Sie ist die, die das nicht unter den Teppich fegt.“ Und das sei richtig.

Weltgeschichte erzählen

Michael Wolffsohn wird in einigen Tagen 70 Jahre alt – Zeit für eine Autobiographie. Doch genau die wollte er nicht schreiben. Da gehe es doch häufig nur um persönliche Eitelkeiten, meint er. Er wollte anhand seiner Familie nicht Einzelschicksale darstellen, sondern Weltgeschichte erzählen. Und so zeichnet er die Geschichte dreier Generationen einer weit verzweigten und großen jüdischen Familie auf. Manchmal etwas sprunghaft, aber immer interessant. So wie es auch sein eigener Lebenslauf ist. Drei Jahre Wehrpflicht in Israel absolviert, später Professor an der Bundeswehruniversität.

Wie kommt es zu dem Titel „Glückskinder“? Ein doch überraschender, wenn nicht provozierender Titel, wenn man an die Schicksale jüdischer Familien in Deutschland denkt. „Der Glücksfall besteht darin, dass das nackte Überleben möglich war – und dass das Überleben meiner Familie, ob nun in Britisch-Palästina, den USA, Südafrika oder Südamerika relativ glücklich war. Es war ein angenehmes Überleben“, sagt Wolffsohn. Er selbst ist mit seinen Eltern 1954 aus Palästina nach Deutschland zurückgekehrt – und glücklich geworden, „in diesem neuen, liberalen, humanen Deutschland.“

Die Deutschen und das Judentum

Wolffsohn zeigt in seinem Buch, einer Mischung aus Roman und Zeitgeschichte, das Wechselspiel von großer Welt und kleiner Welt. Natürlich mit der Darstellung des geschehenen Unrechts. Aber immer aus vielen Perspektiven und offen genug, von guten Deutschen und jüdischen Schlitzohren zu erzählen.

Michael Wolffsohn philosophiert auch über die Deutschen und das Judentum. Über seine Großmutter Recha etwa, die aus Bayern kommend, schon mal „Jesses-Maria“ ausrief.

Die Schriftstellerin Julia Franck, die im Jüdischen Museum Wolffsohns Buch vorstellt, weist zu Recht darauf hin, dass es die Frauen in Wolffsohns Buch sind, die besonders beeindrucken, die er als starke Persönlichkeiten beschreibt. Welch ein Porträt ist ihm von seiner Großmutter Recha gelungen, benannt nach der Tochter Nathan des Weisen. Die Christjüdin Recha, die in großbürgerlichen Verhältnissen lebte, in noblen Berliner Feinkostgeschäften einkaufte, die Chauffeur und Hausdame hatte, eine Grande Dame. Sie musste, aus Nazi-Deutschland ausgewandert, versuchen, mit dem „sozialistischen Schlampertum“ der neuen Zionsväter und Mütter in ihrem Dorf am Fuße des Berges Tabor klarzukommen. Dusche vor dem Haus, Plumpsklo mit Schlange.

Diese Recha kehrte mit ihrem Mann Karl 1949 nach Berlin zurück. Karl ist der berühmteste der Wolffsohns, Michaels Großvater, Pionier der Film- und Immobilienwirtschaft, der in vielen deutschen Städten das Kino zu den Menschen gebracht hat. Die Essener Lichtburg war sein Filmtheater, genau wie die Berliner Lichtburg. Die Scala-Varietes gehörten ihm. Und nicht zuletzt die Gartenstadt Atlantic in Berlin-Gesundbrunnen mit ihren 49 Miethäusern. Doch sein Reichtum wurde arisiert, er selbst kam in „Schutzhaft“, konnte aber sein Leben retten, emigrierte nach Palästina. Eindrucksvoll beschreibt Wolffsohn, wie Karl nach dem Krieg zurück in Deutschland an den zunächst vergeblichen Mühen verzweifelte, sein Eigentum wiederzubekommen.

Mustersiedlung als gelebte Versöhnung

Heute ruft der Hausmeister „Hallo Chef“, wenn Michael Wolffsohn in dem Büro in der Gartenstadt Atlantic sitzt. Der Erbe Michael Wolffsohn hat zusammen mit seiner Frau Rita die denkmalgeschützte Anlage im Herzen Berlins behutsam saniert und zu begehrtem Wohnraum in einer Mustersiedlung voller Integrationsprojekte und kultureller Angebote gemacht. Auch das ist ein Stück gelebter Versöhnung.

Es gibt andere aus der Familie, denen das neue Leben in Palästina leichter fiel als Großvater Karl Wolffsohn. Zum Beispiel seinem Sohn Willy Zeew Wolffsohn, der zum begeisterten Siedler wurde. Der nie daran gedacht hätte, nach Deutschland zurückzukehren. Der aber 1956 unbedingt einen Holder Kleintraktor aus Metzingen haben wollte und auch bekam. „Euer Scheiß-Nazi-Traktor fährt leider sehr gut“ , sagte er bei einem Besuch in Berlin.

Ambivalentes Verhältnis zu Deutschland

Ja, es gab einige in der Familie, die es nicht verstehen konnten, dass man nach Deutschland zurückkehrt. Doch es gab auch jene, die tief unglücklich in Palästina wurden, wie Onkel Justus, der das KZ überlebte und trotzdem an seiner Heimatstadt Bamberg hing. Der eine kleine Gipsfigur des Bamberger Reiters bis zuletzt in seinem Wohnzimmer stehen hatte.

Michael Wolffsohn hat bei der Arbeit an seiner Familien-Weltgeschichte auch einiges Neue über sich und seine Familie erfahren. „Mir sind die beschriebenen Personen auch jenseits der Familie und viele meiner Gegner durch das Beschreiben deutlicher geworden. So sehe ich heute Heinz Galinski aus einer anderen Perspektive“, sagt Wolffsohn. Ignatz Bubis hat er einst vorgeworfen, als Mahner und Moralist unglaubwürdig zu sein. Wolffsohn ging den Degussa-Geschäften von Bubis nach. Die Degussa handelte während der NS-Zeit mit Gold. Bubis hatte bis 1953 das Goldimportmonopol für die Degussa. Und Wolffsohn ärgert sich bis heute, dass manches im Degussa-Archiv unterdrückt werde.

Konfliktscheu war er nie

Darf er, weil er Jude ist, Ignatz Bubis oder Heinz Galinski schonungsloser kritisieren als Nichtjuden? „Das hängt nicht damit zusammen, dass ich selber Jude bin, sondern damit, dass viele andere die Karriererisiken scheuen,“ so Wolffsohn. Konfliktsscheu, das war er selbst nie.

Wolf Biermann sagt, Wolffsohn wuchere wunderbar mit seinem Pfund: „Ganz Israeli, ganz Deutscher und ein gebranntes Weltkind. Und dabei ganz und gar, wie die Jidden es nennen: ... a Mentsch.“

Auf jeden Fall entzieht er sich jeder Vereinnahmung. Den einen gilt er als ultrakonservativ, den anderen als mutiger Aufklärer. Ein Provokateur ist er immer. Die meisten Schlagzeilen hat er gemacht, als er einst Folter als Mittel gegen Terrorismus für legitim, wenn auch nicht als legal erklärte.

Rechthaber mit Selbstironie

Wolffsohn behält gerne recht, aber er paart dies mit Selbstironie. „Hui, kam ich mir wichtig vor“, schreibt er etwa in seinem Buch, als er 1966 in New York bei seinen Verwandten wohnte und immer wieder erklären musste, wie es nun ist, als Jude wieder in Deutschland zu leben.

Wolffsohn lebt in München. Er beschreibt, dass er natürlich 2015 mit gemischten Gefühlen reagierte, als scharenweise Menschen aus islamischen Staaten nach Deutschland kamen, „in deren Heimat seit Jahrzehnten Antijudaismus schlicht zum guten Ton gehört“. Dennoch sagt er: Menschlichkeit ist unteilbar. Angela Merkel habe zwar in der operativen Flüchtlingspolitik fast alles falsch gemacht, was falsch zu machen war. „Das ändert aber nichts an der Moralität ihres Grundverständnisses.“ Und moralische Politiker, denen sogar krasse Fehler unterlaufen, seien ihm lieber als unmoralische. Halt „a Mentsch“.

Michael Wolffsohn. Deutschjüdische Glückskinder. dtv. 440 Seiten mit Bildteil, 26,00 Euro