Der Sonne entgegen

Frühling auf Mallorca heißt Strampeln statt Ballermann

Reisen / Lesedauer: 6 min

Die beliebte Baleareninsel zählt im Frühjahr und Herbst zu den Lieblingszielen von Radsport–Fans. Warum das so ist und wie die Einheimischen damit umgehen.
Veröffentlicht:18.03.2023, 11:50

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Mallorca zählt im Frühjahr und Herbst zu den Lieblingszielen von Radsport–Fans. Das hat viele Gründe.

Das Wort Fahrrad will Urs Weiß partout nicht über die Lippen gehen. Mit ulkigen Umschreibungen versucht der Schweizer zu vermeiden, die zweirädrigen Gefährte als das zu benennen, was sie sind.Es ist offensichtlich, dass für Weiß ein Fahrrad mit Akku kein Fahrrad ist. 

Der drahtige Endfünfziger ist Rennradfahrer. In diesen Kreisen ist Muskelkraft die einzige Energiequelle zur Fortbewegung. Und er ist Chef von Huerzeler, dem führenden Vermieter von Rennvelos und Anbieter von Rennradreisen auf Mallorca.

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Urs Weiß, Chef des Radvermieters Huerzeler, vor dem Cycling Center an der Playa de Muro Süd, der größten von insgesamt zwölf Huerzeler-Stationen auf Mallorca. (Foto: Andreas Knoch)

An der Kirche Sant Jaume d‘Alcúdia, am Rande des historischen Stadtkerns von Alcúdia, lotst Weiß die kleine Gruppe an E–Bike–Fahrern über die Straße in Richtung Norden und weiter ins Hinterland der Balelareninsel auf eine seiner Lieblingsstrecken: hinein in die Gärten von Pollença.

Weiß kennt die Sträßchen im Hinterland aus dem Effeff. Der ehemalige Swiss–Air–Manager, der seit 2017 Huerzeler führt, ist hier oft auf einer „Mittagsrunde“ unterwegs, wenn es die Zeit zulässt und er auf der Insel weilt. Dann natürlich stilecht auf dem Rennvelo — wie die Eidgenossen zu sagen pflegen — und in Lycra.

Denn Radsportler „achten auf den Stil, auch bei der Kleidung“, sagt Weiß. Aktuell hat der Schweizer aber viel zu tun. Sehr viel sogar. Denn das Frühjahr ist „Crunch Time“ für Huerzeler, Hochsaison.

Das Training beginnt Mitte Februar

Zwischen Mitte Februar und Mitte Mai zählt der Radverleiher mehr als die Hälfte seiner rund 50.000 Gäste im Jahr. „Der klassische sportive Radgast startet in dieser Zeit das Basistraining“, erklärt Weiß.

Mallorca hat sich zum beliebtesten Radsport-Mekka Europas entwickelt, vielleicht sogar der Welt.

Urs Weiß

Wenn es nördlich der Alpen noch kalt und schmuddelig ist, lockt Mallorca schon mit angenehmen Temperaturen und der Mandelblüte, die die Insel in ein zart duftendes Blütenmeer verwandelt. Diese Vorzüge nutzen jedes Jahr auch zahlreiche Profis, um sich für die Rennen der Saison fit zu machen.

„Mallorca hat sich zum beliebtesten Radsport–Mekka Europas entwickelt, vielleicht sogar der Welt“, behauptet Weiß — und Huerzeler hat wesentlich zu diesem Ruf beigetragen. Denn es war Max Huerzeler, dem Mitte der 1980er–Jahre die Idee kam, zur Saisonvorbereitung in wärmere Gefilde zu flüchten, statt sich in der winterlichen Schweiz „den Hintern abzufrieren“.

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Wesentlich gemütlicher als im kalten Alpenland Schweiz: Radfahren im Frühling auf der Baleareninsel Mallorca. (Foto: imago)

Schließlich weiß jeder Profi: Die Form auf dem Rad und die Basis für Erfolge werden im Winter gemacht. Und Huerzeler war erfolgreich. Im Jahr 1987 wurde der Schweizer Weltmeister bei den Stehern, einer Ausdauerdisziplin des Bahnradsports, bei der der Rennfahrer im Windschatten eines motorisierten Schrittmachers fährt. Der steht auf seinem Motorrad, daher der Name Steher.

Hoteliers sind auf Radtouristen eingestellt

Was 1986 mit einer Idee und ersten zaghaften Ansätzen begann, hat sich heute zu einer erfolgreichen Unternehmung gemausert. Gut 5000 Rennräder verleiht Huerzeler an insgesamt zwölf Stationen auf der Insel — und ist damit der größte von mehreren Anbietern. Darüber hinaus bietet das Unternehmen geführte Radtouren mit erfahrenen, ortskundigen Guides in diversen Leistungsklassen — vom Genussradler bis zum ambitionierten Hobbyfahrer.

Mit dem Aufkommen von Navigationsgeräten gehe die Nachfrage geführter Touren zwar zurück, sagt Weiß, doch noch immer kämen viele Radsportbegeisterte genau deswegen auf die Insel. „Das gemeinsame Erlebnis in der Gruppe, Neues über Land und Leute erfahren und am Ende einer langen Ausfahrt gemeinsam ein Bier trinken — das ist es, was Radsport auf Mallorca auch ausmacht“, erzählt Weiß.

Der Reiz des Radfahrens auf der Insel

Huerzeler ist es auch zu verdanken, dass sich die damals noch verschlafene Mittelmeerinsel zu dem touristischen Hotspot entwickelt hat, der sie heute ist. Die Hoteliers mussten seinerzeit nämlich erst überzeugt werden, ihre Häuser schon so früh im Jahr für die Velotouristen zu öffnen.

Inzwischen stellen die Zweirad–Fans einen beträchtlichen Teil der Inseltouristen. Die Urlaubssaison wird verlängert, denn neben den passionierten Radsportlern im Frühjahr zieht es im Herbst viele Genussradler nach Mallorca, die Rad und Strand verbinden. Den Badetouristen in den Sommermonaten gehen die Radler aus dem Weg.

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Bergankunft auf Mallorca: Zum alten Kloster Sant Salvador führt eine bei Radfahrern beliebte, fünf Kilometer lange Serpentinenstrecke. (Foto: Manuel Mayer/dpa)

Zurück in die Gärten von Pollença. „Hier werden Artischocken, Kartoffeln und Gemüse angebaut. Und die ein oder andere Finca steht natürlich auch hier“, erklärt Weiß. Mallorca zeigt sich von einer Seite, die man sich in den Hotelburgen am Strand nur schwer vorstellen kann.

Genau das macht aber den Reiz des Radfahrens aus — an Orte zu kommen, die anderes zu bieten haben als Bar, Restaurant und Strand–Remmidemmi. Der Norden, der Osten oder der Süden, eigentlich fast alle Ecken, bieten beste Bike–Möglichkeiten. Mallorca ist wie ein kleiner Erdteil — mit flachen und welligen Strecken sowie den langen Bergen in der Tramuntana.

Rund 1300 Kilometer lang ist das gut ausgebaute Radwegenetz abseits der großen Verkehrsadern, und die Küste ist für einen Sprung ins Mittelmeer nirgends weiter als 40 Kilometer entfernt.

Einwohner reagieren gelassen

Bewundernswert: Wie gleichmütig sich die Mallorquiner mit den Radlermassen in der Hochsaison von März bis April arrangieren. Die Einheimischen planen gleich 20 Minuten mehr Zeit für die Autofahrt über die Insel ein. Und wenn immer mal wieder ein Autofahrer hupend vorbeifährt ist das meist nicht mahnend gemeint wie in Deutschland, sondern warnend — sagt Weiß, der seit Ende Januar auf der Insel weilt und von einem „erfreulichen Saisonstart“ berichtet.

Der Februar sei „superschön und supermild gewesen“. Anfang März hat der Wintersturm „Juliette“ Mallorca zwar untypische Schneemassen gebracht. Doch inzwischen kratzen die Temperaturen bereits wieder an den Monats–Rekordwerten.

Wie in anderen Destinationen auch beobachtet Weiß bei seiner Kundschaft nach Corona einen Hang zum Extravaganten: „Das sehen wir an den gebuchten Zimmerkategorien und den Rädern. Die Gäste möchten sich in ihrem Urlaub das Beste gönnen.“ Luxus sei der neue Standard — ein Trend, der Huerzeler im Verleihgeschäft aber auch Kopfzerbrechen bereitet.

Denn die Situation auf dem Radmarkt, vor allem im High–End–Segment, ist immer noch angespannt, Räder und Komponenten schwer zu kriegen. Für Kurzentschlossene könne es im Frühling bei den teureren Mieträdern deshalb „Engpässe“ geben. Spätestens zu Beginn der Saison 2024 sollte das Thema aber aus der Welt geräumt sein. Dann nämlich erwartet Huerzeler 1000 neue Rennräder vom Haus– und Hoflieferanten Cube aus dem oberpfälzischen Waldershof — ohne Akku, versteht sich.