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Erdbebengebiet

Europas gefährliches Erdbebengebiet

Panorama / Lesedauer: 3 min

In Italien kommen seismische und vulkanische Faktoren zusammen
Veröffentlicht:24.08.2016, 20:25

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Die Katastrophe beginnt um 3.36 Uhr morgens, als zum ersten Mal die Erde bebt in Mittelitalien, in den bergigen Gegenden zwischen den Regionen Marken, Latium und Umbrien. Bis zum späten Nachmittag ermitteln die Experten des nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie mehr als 100 weitere kleinere Beben.

„Dieses neue schwere Beben“, erklärt der am Institut forschende Geologe Andrea Tertulliani , „ist durchaus mit dem von L’Aquila im Jahr 2009 vergleichbar.“ Das Beben ereignete sich in der gleichen Tiefe von nur rund vier Kilometer und, so Tertulliani, im „mehr oder weniger gleichen Gebiet – L’Aquila liegt ja nur 50Kilometer vom neuen Epizentrum entfernt“.

Dicht besiedelt

Der Experte spricht von einer der erdbebengefährdetsten Gegenden Europas . Denn Italien ist eines der wenigen Länder der Welt, in denen sich seismische und vulkanische Gefahren überschneiden.

Wie Japan ist das Land dicht besiedelt. Die seismische Krisenkarte des Instituts für Geophysik und Vulkanologie zeigt einen lila und rot gefärbten Risikostreifen, der sich von Norditalien aus, ab der Stadt Bologna, bis nach Sizilien hinunterschiebt, immer am Gebirge Apennin entlang.

Der Ätna, der Vesuv und die erst seit einigen Jahren im Meer zwischen Sizilien und dem Festland wissenschaftlich untersuchten Unterwasservulkane, die zu den gefährlichsten weltweit gehören, zeigen, dass die Erdkruste unterhalb Italiens am Brodeln ist.

Diese Vulkane können von sich aus Erdbeben auslösen und auch zu ihrer Entstehung beitragen. Aber die Erdbeben in Mittelitalien, die sich seit Jahrhunderten wiederholen, haben ihren Grund vor allem in der Verschiebung zweier gigantischer Erdplatten. „Die afrikanische schiebt sich dabei immer weiter unter die eurasische Erdplatte“, erklärt Geologe Tertulliani. Erdbeben sind die Folge, und, so der Fachmann, „mit ihnen wird man leben müssen“.

Kritik an Behörden und Bürgern

In diesem Zusammenhang kritisieren Tertulliani und manche Kollegen das Desinteresse von Bürgern und politisch Verantwortlichen, sich auf schwere Beben vorzubereiten. „Man kennt diese Erdbebengefahren“, so Tertulliani, „und doch sind im aktuellen Erdbebengebiet die meisten Wohnhäuser nie erdbebensicher gemacht worden.“

Interessant ist für Experten der Zusammenhang von schweren Beben und der Jahreszeit. Oft finden sie zwischen Frühling und Herbst statt. Der Grund dafür ist noch unbekannt. Eine Antwort auf die Frage, ob sich im mittelitalienischen Erdbebengebiet schlimme Erdstöße voraussagen lassen, gibt es ebenfalls nicht. Experten wie Tertulliani vom Nationalinstitut erklären, dass es zum derzeitigen Stand der Forschung keine Möglichkeiten zur Erdbebenprognose gibt. „Das stimmt nicht!“, behauptet hingegen Giampaolo Giuliani, ehemaliger Mitarbeiter am Institut für Astrophysik im unterirdischen Laboratorium des Berges Gran Sasso in der mittelitalienischen Region Abruzzen.

Giuliani ist davon überzeugt, schwere Beben voraussagen zu können. Mithilfe einer von ihm entwickelten Methode zur Ermittlung von Gasen, die das Erdreich schon Stunden vor einem Erdbeben ausstößt. Doch das von dem Hobbyforscher Giuliani entwickelte Messverfahren wird von Experten nicht ernst genommen. Fakt ist allerdings, dass Giuliani im Fall L’Aquilas die Katastrophe fast auf die Stunde genau voraussagen konnte.