StartseitePanorama„Es gibt eine Faszination für das Böse“

Interview

„Es gibt eine Faszination für das Böse“

Panorama / Lesedauer: 7 min

Krisen, Kriege und Katastrophen: Isabelle Stauffer von der Katholischen Universität Eichstätt erklärt, was wir tun können, damit Schreckensvisionen nicht zur Wirklichkeit werden.
Veröffentlicht:12.02.2024, 19:00

Artikel teilen:

Die Künstliche Intelligenz übernimmt die Herrschaft über den Menschen, Donald Trump schafft die Demokratie ab, der Klimawandel führt zu einer verwüsteten Welt. An Untergangsszenarien, also Dystopien, mangelt es in diesen Tagen nicht. Filme, Bücher und Computerspiele sind ohnehin schon lange voll davon. Die Utopie, als die Vision einer idealen Welt, hat es dagegen schwer.

Die Literaturwissenschaftlerin Isabelle Stauffer von der Katholischen Universität Eichstätt forscht zu diesem Thema und ist Mitherausgeberin des Buches „Utopien und Dystopien: Historische Wurzeln und Gegenwart von Paradies und Katastrophe“. Der „Schwäbischen Zeitung“ erklärt sie, warum Dystopien eigentlich die Gegenwart abbilden, weshalb der „Barbie“-Film eine Utopie ist und was die Politik tun müsste, damit sich Horrorvisionen eines Tages nicht erfüllen.

Frau Stauffer, wer heute an das Morgen denkt, sieht nichts Gutes. Dystopien scheinen allgegenwärtig?

Das stimmt, es gibt einen Boom an Dystopien, gerade in der Literatur. Juli Zeh zum Beispiel hat mit „Corpus Delicti“ und „Leere Herzen“ gleich zwei dystopische Romane vorgelegt, viele Autorinnen und Autoren bedienen das Genre, wie Sibylle Berg oder Marc-Uwe Kling.

Weil eine Krise auf die nächste folgt?

Ja, ich glaube, diese Dystopien zeichnen diese Krisen nach oder weisen auf sie voraus, wie eine Art Seismograph. So nimmt Zoë Becks „Paradise City“ (2020) Aspekte der Corona-Krise vorweg.

Als ein Seismograph unserer Ängste?

Dystopien beschreiben eigentlich die Gegenwart. Sie kritisieren gegenwärtige Probleme, verpackt im Gewand des Zukünftigen. Es ist gewollt und wird angestrebt, dass sich ein Gefühl einstellt: „So sind die Verhältnisse eigentlich schon.“

Das gilt wohl auch für die bekanntesten Dystopien „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell, der sich vom Faschismus und Stalinismus inspirieren ließ. Beschleicht einen nicht auch das Gefühl bereits wahrgewordener Überwachung und Unterdrückung, wenn wir auf das heutige Russland oder nach China schauen?

Zur digitalen Überwachung in China gibt es ja schon Studien, etwa über das chinesische Sozialkreditsystem, und an den Schulen erfassen Überwachungskameras die mentale Verfassung von Schülerinnen und Schülern. Ich finde aber, man sollte vorsichtig sein und nicht nur nach Russland oder China blicken. Es gibt auch bei uns die Debatten um Spionagesoftware und Überwachungskameras im öffentlichen Raum, von deren Existenz viele nichts wissen. Man sollte zunächst vor der eigenen Tür schauen und nicht immer nur mit dem Finger auf andere zeigen.

Sind Dystopien insofern auch Warnungen für uns?

Ja, sie enthalten auch Warnungen. Zugleich sind es mögliche Welten, Projektionen, Was-Wäre-Wenn-Spiele, das macht ebenfalls einen Teil ihrer Faszination aus. Sie zeigen Dinge auf, die eigentlich schon da sind, von denen wir vielleicht noch gar nicht so genau wissen, was sie bedeuten oder bedeuten können. Gute Dystopien schärfen das Bewusstsein für die Gegenwart.

Es gibt eine Faszination für das Böse und für den Untergang. Für junge Menschen ist das so anziehend, weil sie noch so viel Zukunft vor sich haben.

Isabelle Stauffer

Die Faszination für Untergangsszenarien zeigt sich auch in der Populärkultur, in Büchern und Filmen wie „Die Tribute von Panem“, in der Jugendliteratur, etwa bei „Harry Potter“, in unzähligen Computerspielen. Steckt dahinter auch der Reiz am Bösen?

Es gibt eine Faszination für das Böse und für den Untergang. Für junge Menschen ist das so anziehend, weil sie noch so viel Zukunft vor sich haben. Sie machen sich Hoffnungen, aber auch Sorgen über die Zukunft, in der sie werden leben müssen. Die Fantasiewelten bieten ihnen spannende Möglichkeiten, sich damit auseinanderzusetzen. Auch weil für Kinder und Jugendliche die Trennlinie zwischen Fantasie und Wirklichkeit noch durchlässiger ist, als für Erwachsene.

Ist der „Barbie“-Film eigentlich auch eine Dystopie?

(lacht) Das ist eine spannende Frage! Interessant ist der Moment im Film, als Barbie in einem leeren, weißen Raum ihre Erfinderin trifft und sie sich die Frage stellt, was sie machen soll. Sie entscheidet sich schließlich für die Sterblichkeit und nicht für die quietschbunte Barbie-Welt, wo sie bis in die Unendlichkeit jeden Tag dasselbe machen kann, wo nie etwas Schlimmes passiert. Insofern ist „Barbie“ keine Dystopie, sondern eine Utopie, in der wir unsere Verletzlichkeit und Sterblichkeit annehmen, und nicht irgendwelchen Allmachtsfantasien anhängen.

Wie gehen Kinder eigentlich mit Untergangsszenarien um, es gibt ja bereits ein Bilderbuch „Die besten Weltuntergänge“?

Kinder finden das interessant, wegen des Fantastischen. Aber ein Zuviel wäre sicher nicht gut. Man muss darauf achten, dass Kinder und Jugendliche keine Gefühle von Perspektivlosigkeit, Niedergeschlagenheit oder Depression entwickeln. Es gibt bereits junge Menschen, die sagen, in diese Welt möchte ich keine Kinder setzen. Wir wissen aber, dass sich im Laufe des Lebens immer wieder Perspektiven auftun. Utopien und Dystopien sind nur Möglichkeitsspiele. Wir können ja nicht wirklich in die Zukunft schauen, wir tun in dieser Gattung nur so.

Eine Partei wie die AfD oder auch Sahra Wagenknecht im linken Spektrum malen diese Zukunft besonders düster aus, sie sehen das Land unter der aktuellen Regierung nicht weniger als dem Untergang geweiht. Dient das Schreckensszenario hier als Brandbeschleuniger?

Wenn dystopische Szenarien für politische Zwecke eingesetzt werden, um Menschen Angst zu machen, ist Vorsicht angesagt. Tatsächlich erinnert heute vieles an die Weimarer Republik, das gilt es ernst zu nehmen. Es ist wichtig sich klarzumachen, dass es sich bei diesen Dystopien um politische Reden handelt. Und Rhetorik appelliert immer zu einem Drittel an den Verstand und zu zwei Dritteln an die Gefühle, das wussten schon die antiken Redner.

Wie aber kann ich dieser negativen Rhetorik begegnen?

Wenn man erkennen kann, dass auf der Klaviatur der Gefühle gespielt wird, dann schafft das Distanz. Und eine kritische Distanz hilft. Sie lässt sich über Wissen erreichen, auch Komik und Ironie können totalitäre Tendenzen oder überzogene Dystopien entlarven. Kabarettisten, Komiker oder der Karneval machen da einen guten Job, weil sie uns verdeutlichen: Die Angst ist kein guter Berater.

Nicht alle teilen jedoch die gleichen Ängste. Man denke an die Gendersprache, an die freie Geschlechterwahl, die Gleichstellung aller Menschen, egal welcher Herkunft und Hautfarbe - wovon die einen träumen, löst bei anderen Unbehagen aus?

Dystopien und Utopien sind wie eine Kippfigur, es hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Was für den einen die reine Utopie ist, ist für den anderen die abgründigste Dystopie. Wir sehen die Welt nicht alle gleich, das ist ja auch gut so. Die Frage ist nur, wie wir mit diesen unterschiedlichen Ansichten umgehen. Und unsere Aufgabe ist es, mit diesen Konfliktzonen einen guten Umgang zu finden, wenn wir eine freie demokratische Gesellschaft erhalten wollen. Es muss aber auch klar sein: Es gibt Grundwerte, die sind nicht verhandelbar.

Was wäre dabei aus Ihrer Sicht wichtig?

Es müsste darüber öffentliche Debatten geben. Zum Beispiel wie viel Überwachung wollen wir, wie viel ist gut, wie viel nicht. Damit wir uns nicht an die Überwachung gewöhnen. Sybille Berg etwa warnt davor in ihren Romanen und auch journalistisch, damit wir die Entwicklung verfolgen, anprangern und nicht einfach mitmachen.

Tut die Politik denn nicht genug für eine Debattenkultur?

Wir befinden uns derzeit in einer ungemeinen Umbruchphase. Das macht den Dialog zwischen Politik und Menschen aktuell so enorm wichtig. Der Bürgerrat zum Beispiel, wie der unlängst abgehaltene zu Ernährungsfragen, ist insofern ein sehr spannendes neues politisches Instrument. Die Politik sollte immer den Dialog suchen und die Ängste der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen. Das ist enorm wichtig, damit die Menschen sich wahrgenommen fühlen und sich als Teil des Ganzen verstehen. Das Schlimmste wäre, wenn sich die Menschen wie in einem dystopischen Roman vorkommen, wo man den Protagonisten bei ihrem Untergang zuschauen kann.

So aber hat es den Eindruck, dass sich Staat und Individuum immer mehr voneinander entfernen, oder?

Es wäre jedenfalls wichtig, zu verdeutlichen, dass es in einer Demokratie um das Gemeinwohl geht, damit alle etwas vom Kuchen bekommen und jeder möglichst gute Entfaltungsräume vorfindet. Man sollte sich darüber verständigen, wie viel Technologie es braucht und zu welchem Zweck sie eingesetzt wird, etwa bei der Künstlichen Intelligenz. Wo ist sie statthaft und wo nicht. Damit wir am Ende nicht bei der Dystopie landen.

Ist die Dystopie denn schon zu unserem Lebensgefühl geworden?

Das ist sehr zugespitzt formuliert. Aber tatsächlich prägen angesichts der vielen Krisen dystopische Elemente unser Lebensgefühl. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, die auch enorme positive Möglichkeiten bereithält. Insofern würde ich dafür plädieren: Dystopien für Literatur und Film - für die Politik aber bitte Utopien.